Roland Juno-60: Wie der Kult-Synthesizer den Sound von 5 Kulthits prägte
Foto: Deepsonic, by CC 2.0

Roland Juno-60: Wie der Kult-Synthesizer den Sound von 5 Kulthits prägte

Features. 25. Oktober 2026 | 4,9 / 5,0

Geschrieben von:
Pascal Blunk

Wenn es um Meilensteine der Musikgeschichte geht, stößt man zwangsläufig früher oder später auf den Namen Roland. Während die legendären Drumcomputer TR-808 und TR-909 die rhythmischen Fundamente ganzer Genres für immer verändert haben, hat Roland auch bei den Synthesizern neue Maßstäbe gesetzt – vor allem mit dem Juno-60. Als der analoge Synthesizer 1982 auf den Markt gebracht wurde, eroberte er weltweit die Studios in kürzester Zeit. Mit seinen digital gesteuerten Oszillatoren (DCOs) und dem neu eingeführten Programmspeicher besaß er eine bis dato unerreichte Stimmstabilität und Flexibilität, die seinen Sound in Kombination mit dem markanten Stereo-Chorus bis heute so einzigartig macht. Ob in den weltweiten Pop-Charts der 80er Jahre, in den Geburtsstunden moderner Club-Genres oder in den Rekord-Produktionen der Gegenwart, der Juno-60 war und ist aus der Musikindustrie schlichtweg nicht mehr wegzudenken.

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Dass der ikonische Juno-Sound aktuell wieder in aller Munde ist, verdankt der Synthesizer nicht zuletzt dem neuen Release von Behringer. Mit seinem neuen Klon hat Behringer den charakteristischen Synth-Sound des Junos wieder für jedes Home-Studio bezahlbar gemacht. Wie nah dieser Nachbau an das Original heranreicht, könnt ihr in unserem Test zum Behringer JN-80 nachlesen. 

Doch egal ob Sammlerstück oder moderne Klon-Alternative, seinen weltweiten Kultstatus hat der Synthesizer von Roland in erster Linie den legendären Produktionen zu verdanken, die seine klanglichen Möglichkeiten auf wegweisende Weise ausgereizt haben. Passend zur Veröffentlichung werfen wir daher einen Blick auf fünf der wohl wichtigsten Tracks, die ohne den Juno-60 vielleicht gar nicht entstanden wären.

The Weeknd - Blinding Lights (2019)

Wer bei einem Rückblick auf den Juno-60 ausschließlich Klassiker der 80er Jahre erwartet, wird bei unserem ersten Listeneintrag vermutlich überrascht sein. Denn der legendäre Synth-Sound des Juno ist in der modernen Popkultur aktueller denn je. Mit "Blinding Lights” aus dem Jahre 2019 erschuf The Weeknd den meistgestreamten Song der Spotify-Geschichte. Um dem Track seinen unverwechselbaren Nostalgie-Faktor zu verpassen, schloss sich Abel Tesfaye im Stockholmer MXM Studio mit dem schwedischen Erfolgs-Duo Max Martin und Oscar Holter zusammen, um den Sound der goldenen Synthesizer-Ära in ein modernes Pop-Gewand zu hüllen.

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Das musikalische Fundament des Megahits bildet die markante Melodie im Zusammenspiel mit den breiten, flächigen Pads, welche die unverwechselbare Klang-DNA des Juno-60 für den typischen 80er-Jahre-Vibe in sich tragen. Gerade der charakteristische Stereo-Chorus verleiht den Sounds hier ihre nötige Fülle und analoge Wärme, die sich mühelos im lauten Mastering moderner Pop-Produktionen durchsetzen. Auch wenn das Produktionsteam in Interviews bisher nicht explizit bestätigt hat, ob während der Produktion die originale Hardware oder eine Software-Emulation verwendet wurde, gilt der Track in Fachkreisen als eines der besten modernen Paradebeispiele für den ikonischen Sound des Juno. 

Roland Juno-60
Foto: deepsonic from Switzerland - Roland Juno-60, CC BY 2.0,

Mr. Fingers - Can You Feel It (1986)

Während "Blinding Lights” zeigt, wie der Juno-60 auch heute noch den modernen Pop dominiert, führt uns hingegen die Geburtsstunde des Deep House im Jahr 1986 zurück in ein Schlafzimmer-Studio in Chicago. Larry Heard aka Mr. Fingers, der zuvor als Schlagzeuger aktiv war, kaufte sich den Synthesizer, um auch ohne komplexes Studio-Equipment eigene Musik zu produzieren. Da er aber weder Noten lesen noch Sequenzer programmieren konnte, vertraute er dabei auf pure Intuition. Ohne Mischpult spielte er die Spuren live von Hand ein und nutzte zwei einfache Kassettengeräte im Ping-Pong-Verfahren, um die Aufnahmen nacheinander einzuspielen. In nur wenigen Minuten entstand so die Blaupause für ein ganzes Genre – Deep House.

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Die klangliche Basis dieser zeitlosen Hymne entstammt dabei fast ausschließlich dem Roland Juno-60. Sowohl der hypnotische Basslauf als auch die warmen Akkord-Pads wurden direkt auf dem Juno eingespielt. Kombiniert mit den markanten Drums der TR-909 erschuf Larry Heard so auch ohne nachträgliche Edits oder digitales Polieren eine emotionale Tiefe, die bis heute als Maßstab für den souligen, warmen Sound der House-Szene gilt.

Animal Collective - My Girls (2009)

Mit dem Track "My Girls” veröffentlichte die US-amerikanische Band Animal Collective im Jahr 2009 als Teil ihres Erfolgsalbums Merriweather Post Pavilion eine der wohl wichtigsten Indie-Hymnen der 2000er Jahre, die vom renommierten Musikmagazin Pitchfork sogar zum besten Track des Jahres gekürt wurde. Für die Aufnahmen des Albums zog sich die Band gemeinsam mit Produzent Ben Allen in die Sweet Tea Studios im ländlichen Mississippi zurück. Sie hatten dabei ein klares Ziel vor Augen, denn sie wollten bewusst unkonventionelle Recording-Wege nutzen, um den elektronischen Sounds eine völlig neue Dimension zu verleihen.

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Kernelement war hier das durchgehende Hauptmotiv, das direkt dem Arpeggiator des Juno-60 entstammt, wie es auch im Musikvideo zu sehen ist. Anstatt den Synthesizer jedoch wie üblich per Line-Out direkt ins Mischpult zu schicken, baute die Band ihre komplette Live-PA-Anlage im Aufnahmeraum auf, spielte dann bei vollem Pegel den Juno-Arpeggiator über die Anlage ab und nahm das Signal anschließend mit Raummikrofonen auf. Durch das Zusammenspiel aus der Präzision des elektronischen Arpeggiators und der natürlichen Raumakustik entstand so eine gewaltige "Wall of Sound”, die dem Track seinen unverwechselbaren Charakter verleiht.

Wham! - Last Christmas (1984)

Im August 1984 herrschte in London brütende Sommerhitze – nicht gerade die typische Kulisse für einen der erfolgreichsten Weihnachtshits aller Zeiten. Um für die Produktion von "Last Christmas” trotzdem die passende Atmosphäre im Studio zu erzeugen, verwandelte George Michael gemeinsam mit Toningenieur Chris Porter die Londoner Advision Studios in ein Winterwunderland samt Weihnachtsbeleuchtung. Da Michael bei der Produktion die volle künstlerische Kontrolle behalten wollte, schloss er kurzerhand die Studiotür ab und verbarrikadierte sich so im Studio. Obwohl er sich nicht als ausgebildeter Keyboarder sah, spielte er sämtliche Synthlines des Hits sprichwörtlich mit nur ein bis zwei Fingern selbst ein.

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Neben einer LinnDrum für das rhythmische Grundgerüst entstammen nahezu alle anderen Elemente des zeitlosen Pop-Hits dem Roland Juno-60. Somit ist der Synthesizer fast alleinstehend für die synthetische Kulisse des Songs, von den String- und Orgel-Pads bis hin zu den Harmonielayern und dem Bass, verantwortlich. "Last Christmas” ist also der perfekte Beweis dafür, dass der Juno-60 keinesfalls fortgeschrittene Spieltechniken bedarf, um einen Welthit zu erschaffen. Die analoge Wärme und der natürliche Klangcharakter des Juno reichten hier völlig aus, um einen der wiedererkennbarsten Weihnachtssongs der Popgeschichte zu erschaffen.

A-ha - Take On Me (1985)

A-ha! Die Entstehung hinter einem der ikonischsten Synthesizer-Riffs der Pop-Historie begann also keinesfalls als Erfolgsgeschichte? Nein, denn Magne Furuholmen und Pål Waaktaar komponierten die Hauptmelodie von "Take On Me” aus dem Jahre 1985 bereits als Teenager 1981 für ihre Band Bridges unter dem Arbeitstitel "Miss Eerie”. Die Erstveröffentlichung von "Take On Me” 1984 floppte grandios und verkaufte sich gerade einmal rund 300-mal. Erst als der Produzent Alan Tarney das überladene Arrangement ausdünnte und der Song kurz darauf durch sein ikonisches Musikvideo visuell veredelt wurde, entfaltete die Riff-Melodie ihr volles Hitpotenzial und wurde zu einem der wichtigsten Hits der Popgeschichte.

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Ausgerechnet im Roland Juno-60 fand der Produzent dabei den entscheidenden Sound, um dem Intro-Riff seinen herausstechenden Charakter zu verleihen. Er ließ die Melodie dazu primär über den Juno-60 einspielen und layerte das Signal für eine bessere Durchsetzungskraft mit einem PPG Wave 2.2 und einem Yamaha DX7. Erst als Alan Tarney den warmen Juno-Sound zum Zentrum des Arrangements machte, verwandelte sich die einst übersehene Jugend-Idee in einen bis heute zeitlosen Ohrwurm. "Take On Me” ist damit ein echtes Lehrstück dafür, wie die analogen Klänge des Juno-60 eine Song-Idee unsterblich machen können. 

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