Im Oktober 2025 veröffentlichte die Berliner Band OSWALD eine Version von Nenas "Irgendwie, irgendwo, irgendwann". Der Song war 1984 erschienen und hatte Platz 3 der deutschen Charts erreicht. Vor allem aber war er zum Inbegriff einer Sehnsucht geworden, die Westdeutsche offenbar nur in Synthie-Schlagzeug ausdrücken konnten. OSWALD hatten daraus ein Bootleg zwischen Breakbeats und Bicep-Baukasten gebaut. Und dieses Bootleg war durch Berliner Nächte gezogen, ohne dass irgendjemand wusste, woher es kam.
Dann hörte Nena den Song. Und lizenzierte ihn. Ein modernes Märchen, das normalerweise anders abläuft. Man nimmt einen alten Song, baut ein Bootleg daraus, lädt es hoch. Vielleicht kommt eine Urheberrechts-Meldung oder eine Mail vom Label, die einem mitteilt, dass man sofort aufhören soll. Das OSWALD-Nena-Ding ist dagegen eine Ausnahme. Und funktioniert gerade deshalb als Geschichte, weil es zeigt, was möglich wäre, wenn die Industrie so reagierte, wie Nena reagiert hat: mit Neugier statt mit Juristenpost.
Sieben Millionen klauen
Zeitsprung, Juni 2026. Deezer startet in Frankreich das "Remix Lab". Nutzer:innen des Streamers können damit Songs von zum Beispiel Céline Dion verändern. Und zwar innerhalb der App, legal. Die Künstler:innen bekommen Beteiligung an den Streams. Deezer nennt das "die erste Streamingplattform mit Remix-Funktion", was insofern stimmt, als keine andere das bisher so gebaut hat.
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Zur gleichen Zeit verkündet Spotify einen Deal mit Universal Music Group. Durch KI sollen Nutzer:innen Cover-Versionen und Remixe erstellen können. Millionen von Songs, alles verfügbar für den Prompt. Suno, die umstrittene KI-Musikplattform, generiert bereits sieben Millionen Songs pro Tag. Oder besser formuliert: Suno klaut sieben Millionen, weil Suno eigentlich gar nichts produziert; nur analysiert, lädt und das Ergebnis dann Remix nennt.
Ich mach mir die Welt …
Wenn Remixen bedeutete: Dieser eine Song, den hat man so sehr geliebt, dass man ihn verstehen und verändern wollte, wofür man Wochen damit verbrachte, dieses Computerprogramm zu verstehen. Was bedeutet Remixen dann, wenn man einfach kurz eintippt, wonach der Song klingen soll?
Vielleicht so etwas wie Vibe Coding. Ein KI-Trend, bei dem man keinen Code schreibt, sondern beschreibt, was der Code tun soll. Verfechter:innen von Vibe Coding versuchen es mit Demokratisierung, weil: Man muss nicht mehr programmieren können, um Software zu bauen. Die Kritiker:innen klagen: Wer nichts versteht, versteht auch nicht, was die KI baut.
Ein Problem, weil Verstehen die Voraussetzung für Kontrolle ist.
Beim Deezer-Suno-Spotify-Remix ist es dasselbe. Man muss nicht mehr wissen, wie ein Sidechain-Kompressor funktioniert, um Musik zu bauen, die klingt, als hätte man es gewusst. Die App erledigt das mit dem Prompt. Keine Frage, das darf man ruhig eine Form der User:innen-Ermächtigung nennen. Aber ist es nicht auch ein bisschen Entfremdung? Nämlich eine vom Produktionsprozess, der früher die Hälfte des Ergebnisses war?
… Widdewidde wie sie mir gefällt
Heute erscheint das neue Album von deinem Lieblingsartist. Morgen gibt es tausend Remixe davon, alle klingen irgendwie gleich. Denn alle haben "ihre Version" gepromptet. Und: Alle glauben, sie hätten etwas Eigenes gemacht. Streamingplattformen wissen das genau. Über die Hälfte der 16- bis 19-Jährigen in den USA finden, dass Fans das Recht haben sollten, Kunst zu remixen. 79 Prozent seien außerdem an Audio-Modifikations-Features interessiert. Das sind Zahlen, die Spotify und Universal Music Group dazu gebracht haben, ihren Deal zu machen. Und es sind Argumente, die Deezer zum sogenannten Remix Lab gebracht haben.
Die Frage ist: Wer profitiert? Ganz sicher nicht die Künstler:innen, sagt Damon Krukowski, selbst Musiker und Legislative Director bei der US-amerikanischen Basisgewerkschaft United Musicians & Allied Workers. Spotify habe die Gesetze umgangen, die Recording Artists direkt entlohnen sollten. Dafür habe der Streaminganbieter private Deals mit den Major-Labels gemacht und ihnen Unternehmensanteile gegeben. Und dann präsentiere man auch noch stolz eine neue KI-Remix-Funktion als "Mehrwert für Künstler".
Alle remixen alles und niemand hört zu
Ein Remix, traditionell verstanden, hat eine Beziehung zum Original. Er hebt etwas hervor, das im Original versteckt war. Oder er verändert die emotionale Temperatur, ohne den Kern zu beschädigen. Ein Remix weiß also, was er tut, weil er ein Verhältnis zur Quelle hat.
Das bloße Verfrachtungs-Sample in, sagen wir: Hardtechnoböllern, hat das nicht. Dort entscheidet nur, was halbwegs gut klingt. Die Herkunft ist irrelevant, der Kontext sowieso, damit also auch die Geschichte des Songs. Was zählt, ist also einzig die Funktion im neuen Arrangement. Aus dem tollen Bullerbü-Gedanken der Remix-Gesellschaft wird eine paranoide Demokratie des Stehlenkönnens.
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Natürlich darf man trotzdem kreativ dazu sagen. Man kann es sogar als die konsequente Weiterentwicklung der Sampling-Tradition betrachten, die bei Grandmaster Flash anfing und bei Arca nicht aufgehört hat. Aber man sollte ehrlich sein darüber, dass hier etwas fehlt: das Verständnis nämlich. US-Professor Lawrence Lessig hat vor zwanzig Jahren ganz richtig geschrieben: Remix is how we talk. Wenn das stimmt, dann sagt die KI-Remix-Ära: Wir reden jetzt alle gleichzeitig und niemand hört mehr zu.
Wir sehen uns vor Gericht
Dass Deezers "Remix Lab" in Frankreich startet und vorerst nicht in Deutschland verfügbar ist, zeigt wiederum: Recht ist eine Frage der Auslegung. Zum Beispiel kennt das deutsche Urheberrecht kein Fair Use. In den USA gibt es eine allgemeine Ausnahme vom Urheberrechtsschutz, die transformative Nutzungen unter bestimmten Umständen erlaubt. In Deutschland gibt es einen abgeschlossenen Katalog von Schrankenregelungen, in dem das Wort Remix lange nicht vorkam.
Erst seit der Urheberrechtsreform 2021 gibt es die sogenannte Pastiche-Schranke. Remixe können unter bestimmten Umständen ohne Lizenz veröffentlicht werden, wenn sie zum Beispiel als Parodie oder Karikatur zu verstehen sind, also wenn sie eine eigenständige künstlerische Wirkung haben, die über die bloße Nutzung des Originals hinausgeht.
Pullquote: "Kunstfreiheit schlägt Leistungsschutzrecht. Aber bis zu diesem Urteil vergingen zwei Jahrzehnte"
Das mag sich wie Fortschritt anhören. In der Praxis ist es aber ein amtsschimmeliger Kompromiss, der so eng gefasst ist, dass er für die meisten realen Fälle wenig Sicherheit bietet. Wer in Deutschland einen Remix ohne Lizenz veröffentlicht, tanzt daher auf einem Minenfeld, dessen Tragfähigkeit von Fall zu Fall die Gerichte entscheiden.
Der berühmteste Rechtsstreit der deutschen Remix-Geschichte dauerte 21 Jahre: Kraftwerk gegen Moses Pelham, ein zweisekündiges Sample aus "Metall auf Metall", das Pelham in einem Track verwendete. Das Bundesverfassungsgericht entschied schließlich: Kunstfreiheit schlägt Leistungsschutzrecht. Aber bis zu diesem Urteil vergingen zwei Jahrzehnte.
Der Geist der Vergangenheit
Dazu gibt es etwas, das im Diskurs über neue Remix-Tools selten erwähnt wird: die körperliche Dimension des Remixens. Eine Kassette oder Vinyl hatten zwei physische Seiten. Man musste sie umdrehen, zurückspulen, ja: warten. Wer zwischen Richarddavidpprechtpodcast und Trommelkreisstipendium noch nicht alle Lichter ausgemacht hat, weiß: Das Spulen war Zeit, in dem man gerade nichts anderes tun konnte. Es erzwang eine Art Aufmerksamkeit, die heute nicht mehr erzwungen werden kann, weil es keinen physischen Widerstand mehr gibt.
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Der moderne Musikkonsum ist horizontal. Man liegt und wischt und skippt sich durch die Playlist. Spotify weiß, dass 30 Prozent der Songs auf TikTok bereits von Nutzer:innen verändert werden, ohne dass das Geld für die Künstler:innen generiert. Musik ist dort längst nur Material, das man anfasst, ohne es zu kennen. Damit ist Musik dort aber auch das Gegenteil von dem, was Bootleg-Kultur war: Musik als Material, das man anfasste, weil man es zu gut kannte, um es so zu lassen.
Tot sind immer nur die anderen
All das heißt nicht, dass die Remix-Kultur stirbt. Sie verändert ihre Bedeutung, wie sie das immer getan hat, weil jedes neue Werkzeug die Praktiken umformiert, die mit ihm möglich sind. Nur: Das Wunder des Remix war nie der Remix selbst, viel eher der Moment davor. Eine Entscheidung, diesen einen Song so zu lieben, Zeit zu investieren und Geld für einen toller Kompressor und also ein Bootleg zu produzieren, ohne zu wissen, ob irgendjemand es je hören würde.
Die Berliner Band OSWALD ist dieses Risiko eingegangen. Sie hat den Nena-Song durch die Clubs geschickt. Nena hörte ihn. Fand das gut. Der Algorithmus macht aus diesem Prozess jetzt ein Feature. Er nennt es "Remix Lab" oder eine "neue Möglichkeit der Fan-Beteiligung". Mag vielleicht stimmen. Doch gleichzeitig ist es das Gegenteil von Beteiligung. Weil die mehr braucht als drei Fingertipps – irgendwie, irgendwo, irgendwann.
Foto von tommao wang auf Unsplash
