Wenn eure programmierten (Drum-)Sequenzen starr und leblos klingen, kann Velocity Abhilfe schaffen. Velocity sorgt für Dynamik und gehört zusammen mit Microtiming zu den absoluten Key-Elements, wenn es um lebendige Sequenzen geht. In diesem Teil unserer Miniserie lernt ihr, wie ihr Velocity bei Ableton Live 12 verwendet und welche Patterns immer funktionieren.
Quick Facts
- Velocity als Mixing Tool direkt in der Piano Roll
- individuelle Values pro Note für mehr Abwechslung
- Velocity für Sounddesign
- Simple Patterns als Startpunkt für komplexe Beats
Die Welle
Besonders bei vielen schnell aufeinanderfolgenden Sounds fällt die immer gleiche Lautstärke negativ auf. Wenn wir mittels Velocity etwas Abwechslung schaffen wollen, ist es total sinnvoll, die vielen 16tel in Vierergruppen – also Viertel-Blöcke – einzuteilen. Als nächstes erzeuge ich ein Wellenmuster: Die erste 16tel bleibt unverändert, die Zweite ziehe ich etwas runter, die Dritte geht noch tiefer und die Vierte gleicht wieder der Zweiten.
Statt die Balken unter der Piano Roll manuell zu verschieben, könnt ihr auch einfach den gewünschten Value eingeben, wenn ihr eine MIDI-Note ausgewählt habt. Mit einem simplen Dance Beat als Kontext klingt das schon ganz cool. Spannender wird es, wenn wir unser Velocity-Muster verschieben: Kopiert euch einfach die letzte 16tel, rückt die ganze Roll nach rechts und fügt die kopierte Note an den Anfang.
Die Treppe
Als nächstes zeichnen wir ein Treppenmuster in unsere Vierergruppe. Ich nutze dafür den Bleistift, ein praktisches Eingabe-Tool, das sich mit B aktivieren lässt. Jetzt können wir einfach die gewünschte Velocity-Kurve malen. Um wie bei der Welle Verschiebungen zu erzeugen, können wir auch im Velocity-Bereich Copy/Pasten. Ich finde, dass Betonungen der Viertel wenig rhythmischen Mehrwert bieten und die 16tel etwas zu messy klingen.
Landen die lautesten Schläge auf den Achteln, ist das ein guter Kompromiss. Außerdem erinnert das an einen pumpenden Sidechain, was sauberer klingt und gleichzeitig schiebt. Weil die Treppe im Vergleich zur Welle nicht symmetrisch ist, haben wir rückwärts gedacht noch mehr Möglichkeiten (Treppe runter). Statt alle Velocity Values neu einzuzeichnen, klicke ich in den Clip Settings einfach auf Reverse.
Velocity und Sounddesign
Falls die verschiedenen Velocity-Werte bei euch keinen hörbaren Effekt haben, kann das daran liegen, dass ihr noch das entsprechende Routing herstellen müsst. In Abletons Simpler geht das unter Controls, Vel>Vol. In der Filter-Sektion könnt ihr außerdem einstellen, dass sich die Velocity auf den Cutoff auswirkt, bei Operator und Analog lässt sich zusätzlich die Hüllkurve beeinflussen. Damit könnt ihr das Verhalten akustischer Instrumente nachahmen.
Durchgehende Achtel
Durchgehende Achtel finden wir vor allem bei Ride Patterns, manchmal auch bei Hihats. Hier würde ich ebenfalls in Viertel-Blöcken denken. Somit haben wir zwei Möglichkeiten: erst laut, dann leise oder andersherum. Wer Schlagzeug spielt, kennt vielleicht die Moeller-Technik, bei der jeder zweite Schlag softer kommt, weil er während der Ausholbewegung für die nächste Viertel locker aus dem Handgelenk passiert.
Auch wenn ihr noch nie von der Technik gehört habt, merkt ihr vielleicht, dass das Velocity Pattern viel natürlicher klingt. Die betonten Schläge auf die Achtel zu setzen ist am Schlagzeug zwar deutlich schwerer, klingt beim Programmieren aber in der Regel besser. Das liegt wieder am Sidechain-Effekt, aber auch daran, dass Viertel die so ziemlich langweiligsten Zählzeiten sind, die wir betonen können!
Synkopen, betonte und unbetonte Zählzeiten
Synkopen sind Betonungen von Zählzeiten bzw. Subdivisions, die eigentlich unbetont sind. Um herauszufinden, welche Zählzeiten betont oder unbetont sind, gibt es eine simple Regel: Jede zweite Note ist eigentlich unbetont. Bei Vierteln wären das die Zweite und Vierte, bei Achteln eben jene, die nicht auf einer Viertel liegen. Das Prinzip ist relativ, weil die Noten, die bspw. auf Viertelbasis noch als unbetont galten, im Achtelkontext wieder betont sind.
Das Betonen von Zählzeiten, die inhärent unbetont sind, ist ein essentielles Rhythmus-Tool beim Spiel mit den Erwartungen. Gängige Synkopen im EDM-Bereich sind Offbeat Hihats sowie Claps auf der zweiten und vierten Viertel oder vereinzelte Stabs auf 16tel-Noten. Synkopen erzeugen rhythmische Spannung und Drive, können bei Überdosis aber auch verwirren – Balance is Key!






Ghost Notes und Variationen
Ghost Notes sind prädestiniert für das Spiel mit Velocity, weil es sich um besonders leise Schläge handelt. Am Schlagzeug werden Ghost Notes vor allem auf der Snare benutzt, um 16tel-Lücken zu füllen. In unserem Beispiel-Beat mache ich das Gleiche, nur bei Hihat und Clap und Co. Wichtig ist, dass ihr nicht alle Lücken mit Ghost Notes verseht. Dann nutzt sich der Effekt nämlich schnell ab und klingt langweilig.
Statt extra 16tel Noten zu verteilen, können wir auch Achtel benutzen, um Variationen zu erzeugen. Achtet mal darauf, wie ich die Achtel-Kicks und Claps auf einen Velocity Value zwischen Ghost Notes und Accents gepegelt habe. Das ist ein Beispiel dafür, wie der Überblick über betonte und unbetonte Zählzeiten beim Beatmaking hilft. Um die Offbeat Hihats noch synkopierter wirken zu lassen, habe ich jede zweite etwas lauter gemacht.
Bonus Tipp: Clave Pattern und Polymeter
Wie ihr wahrscheinlich wisst, sind polymetrische Patterns ein zuverlässiges Tool, um spannende und hypnotische Sequenzen zu erschaffen. Auch unsere Velocity-Akzente können wir polymetrisch gestalten: Statt in Vierer- zeichnen wir unsere Wellen und Treppen einfach in Dreier- oder Fünfergruppen, dann heißt es Duplizieren (STRG/CMD+D), bis der Takt voll ist oder die Loop-Länge ans Polymeter anpassen.
Polymeter funktionieren so gut, weil sie – ähnlich wie das Betonen unbetonter Zählzeiten – einen interessanten Gegenentwurf zu unserem Viertelpuls bieten. Das Clave Pattern aus der Lateinamerikanischen Musik ist eine Mischung aus 3er Polymeter und Achtelnoten, die unsere Time abwechselnd bestätigt und umspielt. Dieses Mal überlasse ich euch das Verschieben und Umkehren der Patterns – viel Spaß!
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Fazit
Egal ob gleichmäßige Schwankung durch die Welle oder Tension Build Up und Release bei der Treppe – Velocity verleiht euren Beats und Patterns mehr Tiefe und ein organischeres Feeling. Zu wissen, welche Subdivisions eher stark oder schwach sind, hilft bei individuellen Entscheidungen und erlaubt, die Time eurer Produktionen gezielt zu inszenieren. Damit habt ihr die perfekte Grundlage für Beats, die immer funktionieren!