Musikfirmen, die sich jahrelang als unabhängige Alternativen zu den großen Konzernen positioniert haben, suchen plötzlich Käufer. Unternehmen, die vor fünf Jahren von Private Equity übernommen wurden, sind pleite. Und Goldman Sachs – die Bank, deren Name man normalerweise im Zusammenhang mit Finanzkrisen hört – baut Konzertbühnen.
Wer sich gerade mit der sogenannten Musikindustrie beschäftigt, kommt sich vor wie auf einem Basar. Da steht DistroKid, der Indie-Musik-Distributor, über den Millionen Künstler:innen ihre Songs auf Spotify schieben, zum Verkauf. Angeblich für mindestens zwei Milliarden Dollar. Das sind sehr viele Nullen für eine Plattform, die im Wesentlichen ein sehr aufgeräumtes Formular ist, dasMusik von A nach B bringt.
Dort drüben ist Native Instruments – das Berliner Softwareunternehmen, ohne das eine Generation von Produzenten nicht denkbar wäre – invorläufige Insolvenz gerutscht. Fünf Jahre, nachdem Francisco Partners, eine Private-Equity-Firma aus San Francisco, das Unternehmen übernommen hatte. Oder einfach: die Halbwertszeit eines Private-Equity-Deals in der Musikbranche.
Gleichzeitig suchen Concord und Kobalt, zwei der größten unabhängigen Musikverlage der Welt, noch Käufer. Kobalt war einmal angetreten, um zu beweisen, dass es auch ohne Majorlabel geht. Jetzt könnte es an Primary Wave gehen. Concord könnte zu BMG wandern, während Concord Ninja Tune kauft. Man könnte sagen, der Markt korrigiert. Oder: Alles frisst alles.

Universal kauft Unabhängigkeit
Zuletzt hat die Europäische Kommission einen sogenannten Megadeal abgesegnet: Downtown Music Holdings gehört jetzt Universal Music Group. Noch nie gehört? Wahrscheinlich deshalb, weil Downtown jahrelang das war, was man im Branchenjargon gerne unabhängig nennt. Daneben Universal, das größte Majorlabel der Welt. Sollte gerade selbst für 56 Milliarden Euro übernommen werden. Lehnte ab. Und besitzt weiterhin das, was Downtown hatte: einen Großteil der digitalen Infrastruktur, über die unabhängige Künstler:innen ihre Musik verwalten.
Auf der anderen Seite: Hipgnosis Songs Group, mal positioniert als radikale Alternative zum traditionellen Verlagswesen, ist längst zerlegt. Die Ursprungsidee war: Musikkataloge von Künstler:innen wie Justin Bieber oder Bob Dylan oder die Red Hot Chili Peppers wie Aktien handeln. Den Headlineranteil – rund 45.000 Songs, darunter eben diese Kataloge – hält inzwischen Blackstone unter dem neuen Namen Recognition Music Group. Sony kaufte 2025 den kleineren Teil: das frühere Independent-Label Big Deal Music mit rund 4.400 Titeln von Shawn Mendes, Sabrina Carpenter und dem Rest des vorsortierten Spotify-Algorithmus.
KI kauft Kontrolle
Während die alten Strukturen sich gegenseitig auffressen, formiert sich daneben ein neuer Markt: KI-Musik. Google hat ProducerAI gekauft und unter Google Labs neu gestartet. Splice, bekannt für seinen Sample-Marktplatz, hatSpitfire Audio und Kits AI übernommen. Die Cloud-basierte Rundumglücklichlösung LANDR kaufte Reason, ein DAW-Unternehmen. Der Online-Musik-Marktplatz BeatStars schluckte Lemonaide, ein Startup für MIDI-Generierung.
Hinter Suno, das die GEMA gerade vor Gericht zerrt, steckt Lightspeed Venture Partners. Hinter Udio und ElevenLabs steckt die Risikokapitalkanone Andreessen Horowitz. ElevenLabs, die Plattform für KI-generierte Stimmen, und Suno, die Plattform für KI-generierte Songs, haben beide zuletzt über 50 Prozent Abowachstum in sechs Monaten gemeldet. Das ist die Zahl, die Investoraugen sehen wollen. Und die sie sehen.

Goldman Sachs war bei Rihanna dabei
Live-Musik gilt als Gegenpol zur digitalen Erosion. Die Logik: Man kann einen Stream faken, aber keine Menschenmenge. Also fließt auch hier Kapital. Goldman Sachs hält eine Mehrheitsbeteiligung an TAIT, dem Produktionsunternehmen hinterRihannas Super-Bowl-Halbzeitshow, der Sphere-Residenz der Backstreet Boys und Tourneen von Taylor Swift,Dua Lipa und My Chemical Romance.
Der öffentliche Investmentfonds Saudi-Arabiens hat davor schon seinen Live-Nation-Anteil verkauft und dabei 930 Millionen Dollar Gewinn gemacht. Bending Spoons, ein Tech-Unternehmen aus Mailand, kaufte Eventbrite für rund 500 Millionen Dollar. Die großen Talentagenturen – CAA, WME, UTA, The Team (früher Wasserman) – gehören fast ausnahmslos Private-Equity-Firmen oder Family Offices. The Team steht gerade zum Verkauf, weil ihr Eigentümer Casey Wasserman in den Epstein-Files auftaucht.
Wem gehört eigentlich was?
Das eigentliche Problem der Musikindustrie ist Metadata. Wer hat was geschrieben, wem gehört es, wer bekommt Geld, wenn es irgendwo gespielt wird. Das klingt langweilig. Aber es ist der Kern von allem. Vor allem von Unternehmenszahlen in Excel-Sheets, die ein mittleres Schleudertrauma im limbischen System auslösen.
So hat die Monetarisierungsplattform Duetti zuletzt über 200 Millionen Dollar eingesammelt mit der These, dass unabhängige Kataloge systematisch unterbewertet sind und dass bessere Dateninfrastruktur diesen Wert heben kann. Create Music Group, einst eher ein Tech-Unternehmen, hat sich zu einem echten Label-Betreiber entwickelt: !K7 und Monstercat gekauft, 300 Millionen Dollar inNettwerk investiert, eine Bewertung von 2,2 Milliarden Dollar nach einer 450-Millionen-Finanzierungsrunde.
Songtradr hat sich mit Big Sync, MassiveMusic, Musicube, 7digital und Bandcamp einen vertikalen Stapel aus Sync-Lizenzierung, Sonic Branding, Metadaten, Auslieferung und Fan-Commerce zusammengebaut. Das bringt eine Bewertung von rund einer Milliarde Dollar. Die Herausforderung: all diese sehr unterschiedlichen Geschäfte operativ zu einem zu machen.
Verderben verscherbeln
Wer die Infrastruktur besitzt, bestimmt, wer bezahlt wird. Nicht wer die Musik macht. Nicht wer sie hört. Wer die Rohre legt, durch die sie fließt. Und diese Rohre gehören immer öfter Leuten, die noch nie ein Label gehabt haben. Goldman Sachs. KKR. Andreessen Horowitz. Saudi-Arabiens Staatsfonds. Private-Equity-Firmen aus San Francisco.
Das ist Glasfassadenkapitalismus, der in eine Branche einsickert, die lange dachte, sie sei irgendwie anders. Nur: Die Industrie dreht sich schon lange um sich selbst. Kauft sich selbst. Verkauft sich selbst. Und fängt dann wieder mal von vorne an.
Bilder:
Foto von Jessie McCall auf Unsplash
Tony Webster from San Francisco, California, CC BY 2.0
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