Myspace soll offiziell zurückkommen! Die Vanderhook-Brüder bestätigen einen Neustart als algorithmusfreie Alternative. Ein Blick zurück auf die Ära, die deadmau5 und Skrillex großgemacht hat – und auf die Risiken.
Manchmal reicht ein Satz, und das Internet fällt in sich zusammen. "Wir warten nur auf den richtigen Zeitpunkt." Das sagten die Brüder Chris und Tim Vanderhook, seit 2011 Eigentümer von Myspace, gerade einem US-Magazin. Übersetzt heißt das: Myspace kommt offiziell zurück. Aber es dauert noch.
Anlass ist eine Dokumentation über die Netzwerk-Legende, für die auch Mitgründer Aber Whitcomb interviewt wurde. Seine Diagnose fällt entsprechend hart aus: Plattformen wie Facebook seien heute darauf gebaut, Nutzer:innen möglichst lange festzuhalten. Und zwar unabhängig davon, ob dabei irgendein Mehrwert entsteht. Myspace-Mitgründer Chris DeWolfe wird noch deutlicher: Algorithmen hätten viel mit der Suchtstruktur heutiger sozialer Medien zu tun.
Ein neues Myspace, so die Idee, würde dagegen bewusst darauf verzichten. Kein Feed, der einen nicht mehr loslässt, dafür: handkuratierte Profile, HTML-Chaos, Hintergrundmusik beim Seitenaufruf. Konkrete Mockups oder einen Zeitplan für das Comeback gibt es allerdings noch nicht. Und: Tom Anderson, der Ur-Freund jedes Accounts, ist nicht mehr mit an Bord.

Myspace is Yourspace?
Myspace war zwischen 2005 und 2009 die erste ernstzunehmende Infrastruktur für Musiker:innen ohne Label. Künstler wie Deadmau5 und Skrillex verdanken ihre frühen Fanbases zu erheblichen Teilen genau dieser Architektur. Die "Top 8" waren Statussymbol und Netzwerktool zugleich, lange bevor Algorithmen entschieden haben, wer wen zu sehen bekommt. Aus heutiger Perspektive war das eine seltsam analoge Phase des Internets: langsam, aber mit echter Kontrolle in der Hand der User:innen.
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Skepsis ist trotzdem angebracht, und zwar aus gutem Grund. Seit dem Ende der goldenen Ära hat Myspace mehrere Relaunches hingelegt, keiner davon hat gezündet. Der Versuch mit Justin Timberlake, die Plattform als reines Musiknetzwerk zu repositionieren, verlief im Social-Media-Sand. Einige Hackerangriffe, Eigentümerwechsel und verpuffte Neuausrichtungen sollen in Summe rund 150 Millionen US-Dollar verbrannt haben, so die Vanderhook-Brüder.
Warum der Relaunch diesmal erfolgreich sein könnte, zeigt ein anderes Beispiel. Ein deutscher Teenager hat das Netzwerk in seiner Ur-Form 2020 im Alleingang nachgebaut, komplett mit editierbarem HTML-Profil und automatischer Freundschaft mit dem Gründer. Das Ding wuchs organisch auf zehntausende Nutzer, ganz ohne Millionenbudget, nur getragen von echter Nostalgie. Die Vanderhooks wollen nun ebenfalls an dieses Gefühl, das die Plattform transportiert hat, anknüpfen.
Foto: Mark Skipper, CC BY 2.0, // MTV/Myspace, Public Domain