Anzeige
2608_SonicSales_AIAIAI3_BB
Amelie Lens und die Wellness-Peitsche: Wie "AURA" die Masse verschwitzt
By Rayukk - Own work, CC BY-SA 4.0

Amelie Lens und die Wellness-Peitsche: Wie "AURA" die Masse verschwitzt

Features. 10. September 2026 | / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Gleich

Amelie Lens hat endlich ihr erstes Album veröffentlicht. Sie hätte es auch bleiben lassen dürfen.

Wir beginnen im RSO in Berlin. Es ist, sagen wir, vier Uhr morgens. Die Raumluft hat die Konsistenz von lauwarmem Kamillentee und kondensiertes Drogenaroma tropft von der Decke. Normalerweise wäre das der Moment, in dem die Realität leise Bahnen auf dem Smartphonedisplay zieht. Aber wir schreiben das Jahr 2026, und Realität ist etwas für Leute, die noch auf echte Bausparverträge vertrauen.

Stattdessen brettert Amelie Lens ein Signal durch die Kirsch-Audio-Anlage, das sich so anfühlt wie ein kontrollierter Kärcher-Einsatz auf die Hirnrinde. Track 5 auf ihrer neuen, leider deren elf umfassenden Platte heißt passend: "4am at RSO". Es ist eine von vielen kalkulierten Koordinaten auf einem Album, das sich nicht weniger vorgenommen hat, als die totale Katharsis für eine Generation zu vertonen, die montags im Homeoffice Müllermilch trinkt und samstags zur späten Stunde ihr Seelenheil verkauft.

Und deshalb sprechen wir hier endlich auch mal über Amelie Lens. Bevor die nämlich zur Frontfrau des globalverwursteten Peakime-Techno aufstieg, lief sie über Pariser Laufstiege. Lens weiß also, wie man einigermaßen Balenciaga-ernst rumguckt, was gut ist, denn: Darum geht es ja bei ihr und ihrem Labelimperium EXHALE, wo Techno ein Hochglanzleistungslifestyleprodukt geworden ist. Übrigens: Ist gar nicht abwertend gemeint, das alles. Es ist schlicht die logische Konsequenz des durchdigitalisierten Gegenwartsgerölls.

Look Mom So Computer!  

Jetzt ist es also erschienen, das Debütalbum von Amelie Lens. Es heißt tollerweise "AURA", was 1992 sicher mal Jugendwort des Jahres war. Die wichtige Frage stellt sich aber im Kleingedruckten: Warum braucht eine Frau, die seit Jahren die Mainstages von Tomorrowland bis Awakenings wie ein Uhrwerk bespielt und regelmäßig 40.000 Menschen dominiert, im Jahr 2026 ein Album? Das Longplayformat im Techno ist ja historisch betrachtet meistens eine Ansammlung von zwei, drei mäßigen Bängern und viel Füllmaterial, das verzweifelt versucht, nach "Experiment" zu klingen.  

Lens macht das auf "AURA" mit einer ziemlich masochistischen Ehrlichkeit. Der Opener heißt schlichtweg "aura_v4_final_intro.wav". Was wahrscheinlich die flüchtige Ästhetik der eigenen Festplatte vor sich hertragen soll. Oder als lässiges Augenzwinkern für all jene Producernerds bezeichnet werden darf, die Amelie Lens total süß finden, aber unter Klarnamen dummes Zeug ins Internet schreiben. 

Ist aber eine andere Sache. Wir hören ja Amelie Lens und damit, meine sehr verehrten Damen und Herren: die Verwertungslogik der Gegenwart in ihrer Urform. Wer auf "AURA" nämlich nach tiefschürfender Klangkunst sucht, hat das Prinzip der modernen Großraumunterhaltung missverstanden. Die sogenannten Songs bedienen sich so schmerzfrei aus den Vorlagenbibliotheken der Producingsoftware, dass es eigentlich schon wieder ein Statement ist. 

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Die fabelhafte Welt der Amelie

Amelie Lens inszeniert das ganze Heute-in-der-Uber-Hall-und-morgen-in-einem-krümeligen-Kellerclub-Leben mit einer Transparenz, die man sonst nur von Wahlveranstaltungen der CDU kennt. Im Begleittext schwärmt sie vom Ausbrechen in die Clubs ihrer Jugend, vom Gefühl der Freiheit, um im nächsten Satz nahtlos die Überleitung zu Mutterschaft, Markenaufbau und, hatschi: Work-Life-Balance zu schlagen. Denn, natürlich: Selbst der Kontrollverlust muss bilanzierbar bleiben. 

Diese Platte ist also das akustische Äquivalent zu einer durchgestylten Fotostrecke in der Vogue. Es gibt "run" mit Angèle, die so perfekt auf die Schnittmenge aus Pop-Glamour und Mainstage-Härte kalkuliert ist, dass man das Management von Fred again.. im Hintergrund förmlich flüstern hört. Aber, klar: Der Popstar trifft die Technokönigin. Und beide frühstücken übermorgen bei Tiffany.

Auch interessant

Bruchstelle: Wer sind die erfolgreichsten DJs?
Bruchstelle: Wer sind die erfolgreichsten DJs?
Wer sagt eigentlich, was ein:e erfolgreiche:r DJ ist? DJs mit den meisten Followern? Die mit der höchsten Gage? Oder vielleicht doch jemand, dessen Set um fünf Uhr früh dafür sorgt, dass ein Raum kollektiv weint, obwohl niemand weiß warum? Erfolg in der elektronischen Musik ist ein Chamäleon: mal Chartplatzierung, mal Kellerruhm, mal Stadiontour, mal 300 … Continued Zum Artikel

Man darf sich darüber lustig machen. Man kann aber auch H&M-mäßig dreinschauen, wie die schöne schmutzige Subkultur zu einer makellosen Wohlfühlwaschmaschine mit Samplepacksauerei wurde, in der jedes Preset am Synthesizer exakt so klingt, wie es der Hörgewohnheit des durchoptimierten Krawalls entspricht. Nur eines muss man Lens widerspruchlos lassen: Sie spielt diese Orgel ohne jede Scham.

Zu "AURA" ist alles gesagt. Zu Amelie auch. Die Aufgabe zukünftiger Feuilletonisten wird es sein, ihre Musik zu beschreiben für eine Welt, die keine Pausen mehr verträgt. Aber eigentlich wollen wir es genau so. Jede Frequenz sitzt endgültig da, wo sie hinzugehören hat, damit das Smartphone beim Filmen in der ersten Reihe nicht übersteuert. Irgendwann steht man da, schaut auf das ozeanblaue Vinyl und begreift: Vier Uhr morgens im RSO, da war Amelie schon länger nicht mehr.

Foto: Rayukk - Own work, CC BY-SA 4.0

Veröffentlicht in Features und getaggt mit Album , Amelie Lens , Aura , Awakenings , EXHALE , Hardtechno , Peaktime , RSO , Samplepack , Techno , TikTok , Tomorrowland

Deine
Meinung:
Amelie Lens und die Wellness-Peitsche: Wie "AURA" die Masse verschwitzt

Wie findest Du den Artikel?

ø: