Jean-Michel Jarre verkaufte 1976 das Ende der Welt als Synthesizer-Album. War das schon Öko-Pop oder nur ein Synthesizer, der in der Hitze schief wird?
Der Planet verliert seine Schale. Darunter, wo die meisten Magma oder manche gar nichts erwarten würden: ein Knochenkopf, der aus dem Globus guckt wie ein Kern aus einer Avocado. So sieht man es auf dem Cover, das ein Franzose namens Michael Granger – der spätere Haus-und-Hofmaler von Jean-Michel Jarre – gemalt hat.
Wir spulen zurück, Dezember 1976. Im selben Monat kommt "Hotel California" raus. Darauf: Koks, Nutten, Hollywood. Im Plattenladen liegt daneben ein Album, auf dem die Welt ihre eigene Totenmaske anprobiert. Man stelle sich den Kunden vor, der das kauft, weil Synthesizer, Frankreich, klingt bestimmt nach Zukunft – zu Hause aber feststellt, dass dieser Zukunft über 39 lange Minuten die Luft ausgeht.
Ab in die Wüste
Der Mann hinter dem Luftablassen heißt Jean-Michel Jarre. Er ist zu diesem Zeitpunkt achtundzwanzig und hat ein Problem, das man heute großkotzig Nepotismus nennen würde, damals aber einfach Papa hieß. Maurice Jarre, drei Oscars, etwa für "Lawrence von Arabien", komponierte Streicher in der Breite einer Wüste. Der Sohn dagegen landet beim Pierre Schaeffer und dessen Musique concrète. Wir erinnern uns: Jene Kunstform, bei der Eisenbahngeräusche auf dem Tonband landen und das dann "Étude" heißt. Jedenfalls darf man sich das Familienessen vorstellen. Der eine dirigiert hundert Mann im Orchestergraben. Der andere erklärt, er habe einen Wasserhahn aufgenommen.
In seiner Pariser Wohnung bastelt sich Jarre jedenfalls ein Studio zusammen, ein Achtspurgerät, eine Handvoll Analogsynthesizer, Kabel – und die Anfänge von "Oxygène". Die Plattenfirmen hören rein und hören weder Gesang noch Schlagzeug, nicht mal einen Refrain, ergo: Wen soll das bitte interessieren? Ein Verrückter nimmt es doch, ein kleines Label, das in dem Moment vermutlich selbst nicht wusste, was es da in der Hand hält. Der Rest ist eine Frage der Auflage. Mit "Oxygène IV" landet die Platte sogar einen Hit, der im Radio läuft, obwohl nichts darin den Mund aufmacht.
Rettet bloß nicht den Regenwald!
Um den ökologischen Fußabdruck von Jarres "Sauerstoff"-Album zu verstehen, ein bisschen Kontext: Joni Mitchell beklagt ein paar Jahre vor Jarres Debüt einen Parkplatz, der ein Paradies geschluckt hat. Marvin Gaye singt 1971 von Öl auf dem Wasser und Quecksilber im Fisch. Zur selben Zeit erscheint eine Platte mit Walgesang, die sich millionenfach verkauft und angeblich einen guten Teil der Walfangmoratorien mit angeschoben hat. Jarre wird sich gedacht haben: Wale, die haben ja auch nie ein einziges Wort gesungen, ne?
Trotzdem waren all das Songs mit, na ja … Botschaft. Jarre ist dagegen die Botschaft ohne Song. Schon klar, das klingt nach einem Satz, den man sich ausdenkt, solange der Kaffee noch wirkt. Aber was hört man eigentlich auf "Oxygène"? Blubbern. Wind (oder etwas, das Wind sein will). Man hört auch Melodien, die so tun, als wären sie vom Meeresboden hochgeschwommen. Dazu die Titel: Teil "I" bis Teil "VI". Kein "Rettet den Regenwald" oder "Der Gletscher schmilzt". Bloß nüchterne Zahlen, wie bei einer Hotline, in der man ewig auf Option vier wartet.
Der Öko-Aspekt dieser Platte liegt also woanders. Man findet ihn in der Technik. Analoge Synthesizer – Jarre verwendete einen VCS 3 oder einen ARP 2600 – haben die lästige Eigenschaft, dass ihre Oszillatoren auf Temperatur reagieren. Wird der Raum warm, driftet die Stimmung. Die Dinger verstimmen sich also ganz von allein, einfach weil es Sommer wird in der Pariser Wohnung. Wer sagt, Oxygène "atme", meint eigentlich: Die Maschinen schwitzen. Der Sound der Erderwärmung ist nämlich, ganz wörtlich, ein Synthesizer, der in der Hitze schief wird. Man könnte auch sagen: Das Instrument ist ein Thermometer mit Tastatur. Alles andere ist Feuilleton.
Jarre hat daraus eine Karriere gemacht, die man als Öko-Karriere lesen kann. Er wird UNESCO-Botschafter und spielt Konzerte vor Menschenmengen, für die man in anderen Jahrhunderten ein Land erobert hätte. Auf dem Place de la Concorde 1979. In der einstigen Ölhauptstadt der Welt 1986. Schließlich Moskau 1997. Und das alles mit einer Optik, bei der Greenpeace erst das Schlauchboot aufgeblasen und dann den Fotoapparat gezückt hätte. Denn: Der Mann hat den Planeten als Schädel verkauft und schließlich mit allem beleuchtet, was der Verteilerkasten hergab.
Das Medium ist die Reflexzonenmassage
1997 erscheint "Oxygène 7–13", im Jahr des Kyoto-Protokolls. 2016 kommt "Oxygène 3", kurz nach dem Pariser Klimaabkommen. Man könnte meinen, Jarre habe die UN-Gipfel abonniert und warte, bis irgendwo ein Dokument unterschrieben ist, um dann pünktlich den passenden Sound dazu auf den Markt zu werfen. Es klingt dann halt etwas anders. Die Originalplatte hat Dreck unter den Fingernägeln, die Fortsetzung ist die Erde nach einem Ganzkörperpeeling, wobei: Das mit dem Peeling war schon mal am Cover. Man hätte es sich merken können.
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Die Leute hören "Oxygène" inzwischen überwiegend in Spotify-Playlisten, die "Deep Focus" oder "Sleep" heißen, zwischen Regengeräuschen und bedeutungsschwangeren KI-Klavieren. Das Album ist also Aufgussmusik geworden, das heißt: Irgendwo liegt sicher gerade jemand im Saunabereich eines Thermenhotels, hört die Erde atmen und denkt dabei an den Reflexzonenmassagetermin in einer halben Stunde. Was soll man sagen – das Cover warnt vor dem Ende der Welt. Die Welt hat daraus Hintergrundmusik gemacht.
Seinen Katalog hat Jarre schon vor ein paar Jahren verscherbelt. Zum Fünfzigsten gibt es trotzdem ein Ständchen. Die Erde wird da eher nicht mehr geschält, sie ist ja jetzt Verwertungsmasse. Am Merchstand liegt das Cover als T-Shirt, echte Bio-Baumwolle, fair produziert.
Öko, natürlich!
Foto: Raph_PH - Coachella18W1-108, CC BY 2.0