Aus der Glosse: Warum Techno Running Clubs die Hölle auf Erden sind
Foto: Ki-generiert ;)

Aus der Glosse: Warum Techno Running Clubs die Hölle auf Erden sind

Features. 28. Juli 2026 | / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Gleich

Wien, Prater, Hauptallee. Eigentlich ein Ort für melancholische Hundebesitzer, heimtrabende Fiaker-Pferde und Menschen, die in Würde altern wollen. Eigentlich. Heute vibriert der morsche Asphalt zu einem mitleidlosen Unz-Unz-Unz. Denn da hinten stürmt sie heran – eine Wand aus neonfarbenem Hochleistungspolyester, sündteuren Carbonsohlen und Zähnen, die so weiß sind, dass sie im fahlen Abendlicht reflektieren.

Man kennt dieses Grauen ja mittlerweile überall. In Berlin rennen sie bei RunRave mit LED-Stäben durchs Märkische Viertel, als gelte es, eine Designerdroge vor dem Verfall zu retten. Im fernen Kiel peitschen sie sich beim Techno Running Club an der Kiellinie entlang, angeführt von Marketing-Fynns und Werbeagentur-Charlottes, die mit Mitte 20 merken, dass ihnen die Jugend entglitten ist. Und jetzt hat dieser Heuschreckenschwarm der hyperaktiven Selbstoptimierung neben Potsdamer Parkanlagen also auch Wien erfasst.

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Das Prinzip dahinter: Man nimmt zwei Dinge, die eigentlich dazu da sind, die innere Leere zu betäuben. Da exzessive Leibesübungen, dort Ballertechno. Wer das mit dem zwanghaften Drang zum Ringe-Schließen zusammenrührt, bekommt einen ziemlich bunten Lifestyle-Cocktail für den LinkedIn-Status.

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Foto von Jefferson Sees auf Unsplash

Auf die Plätze …

Ich stehe also am Rand der Hauptallee. Getarnt als jemand, der das Konzept von Freizeit noch so versteht, dass man sich dabei möglichst wenig bewegt. Um mich herum herrscht eine Hysterie, die mich an eine Mischung aus Scientology und Teleshopping in den frühen 2000ern erinnert. Alle sind "super dankbar". Alle spüren diese "unglaubliche Connection".

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Schließlich wird hier gleich Rave in den Dienst der aeroben Zone gestellt. Wer bei einem der sogenannten Running Clubs schwitzt, tut das mit Absicht und nach Plan. Man tanzt nämlich nicht gegen das System, man läuft sich für das System warm. Und: Der Exzess ist erst dann gültig, wenn die Apple Watch danach die verbrannten Kalorien an die Krankenkasse übermittelt.

"Wir pacen heute im Fünfer-Schnitt, danach gibt es eine geführte Dehn-Session!", brüllt mir ein Typ mit Ganzkörpersonnebrille ins Gesicht. Er läuft schnell auf der Stelle, seine Knie fliegen hoch wie bei einem aufgezogenen Spielzeugsoldaten. Im Sekundentakt checkt er sein Handgelenk. "Das löst einfach so viel Glück in mir aus!", brüllt er nochmal und sprintet los.

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Der Pacemaker sind zwei DJs auf einem Lastenfahrrad. Sie spielen schreckliche Musik, also laufe ich ein Stück mit. Rechts von mir keucht eine Studentin, die während des Sprints eine Instagram-Story aufnimmt. "Leute, der Vibe ist so real!", lächelt sie in ihr Smartphone – mit einem dieser unheimlich überzeugenden Lächeln, das man sonst nur von Menschen kennt, die gerade eine erfolgreiche Gehirnwäsche hinter sich haben.

So tight wie deine Shorts

Nach 200 Metern bleibt der Pulk stehen. Überall metallisches Klicken von Plastikschnallen. Man zurrt sich fest. Es riecht penetrant nach einer Mischung aus sündhaft teurem Nischenparfüm und dem beißenden Schweiß derer, die tagsüber zu viel Angst vor dem Abgabetermin der Pitchpräsentation hatten und diesen Druck jetzt asphaltschändend in die Hauptallee hämmern müssen.

Ich drehe mich um. Alle drehen sich um, weil: Das hier, das ist ein Rudelgefecht der Blicke. Wer hat die neueren Laufschuhe? Wer hat die tighteren Shorts? Es ist ein, na ja, Schaulaufen der Privilegierten, die das Privileg des Sitzens nicht mehr ertragen. Wenn man so darüber nachdenkt: eigentlich das logische Endstadium des Kapitalismus! Selbst die Zerstörung muss effizient, gesund und vor allem netzwerkkompatibel sein. 

"Wir wollen den Eventcharakter bewahren", hat neulich erst eine der Gründerinnen aus Deutschland staatstragend in einem Interview zu Protokoll gegeben, weil: Klar, bloß kein normaler Sport. Es muss schon ein Erlebnis sein. Ein Movement.

Würstelstand statt Wadenkrampf

Die DJs vorne auf der Rikscha klatschen in die Hände. Jemand spritzt enthusiasmiert mit einer Spritzpistole in die Menge. Der Typ neben mir macht einen Luftsprung, der ihn fast an einen Kastanienzweig katapultiert. "Spürt ihr die Energyyy?", schreit er gegen die scheppernde Basskiste an.

Als alle weiterlaufen, bleibe ich stehen. Die Neonmasse zieht an mir vorbei, ein perfekt durchgetakteter Lindwurm des Grauens, der im Rhythmus der Lastenfahrradbassbox die Hauptallee hinunterkriecht. Nach einer Minute höre ich nur noch das Wummern. Ich sehe auf meine Schuhe. Keine Carbon. Ich atme tief ein. 

Dann gehe ich ganz organisch, ohne Playlist und ohne Strava-Tracking, zum nächsten Würstelstand. Ein Bier, eine Käsekrainer: gemeinsame Verweigerung des clubkulturellen Verfalls. Sollen sie ruhig laufen, bis die Smartwatch brennt. Ich bleibe hier.

Foto von Jefferson Sees auf Unsplash

Veröffentlicht in Features und getaggt mit Berlin , Hard Techno , Kiel , Laufen , Rave , Running Club , Selbstoptimierung , Techno , Wien

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