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Es kommt doch auf die Länge an: 10 Tracks, die wirklich dauern dürfen
Foto von Hassan Pasha auf Unsplash

Es kommt doch auf die Länge an: 10 Tracks, die wirklich dauern dürfen

Features. 31. Oktober 2026 | / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Gleich

Hier sind 10 Tracks, die sich trauen, lang zu sein. Gegen den VIVA-Terrorismus von damals und den Reels-Wahn von heute.

Ricardo Villalobos ist ein Schlawiner. Er hat den längsten Technotrack produziert, den zweitlängsten wahrscheinlich auch. Ja, man muss schon eine Weile suchen, bis man was unter zehn Minuten findet. Das Prinzip: Techno, House, der ganze Hokuspokus hört auf Hypnose. Und die hält von Hektik wiederum so viel wie der Basic-Channel-Katalog von Übersichtlichkeit. 

Hingabe im Club beginnt nämlich dort, wo die Ungeduld aufhört. Wenn eine Nummer nicht nach vorne peitscht, sich stattdessen stur in den Raum stellt, den Anker wirft und die nächsten zwanzig Minuten nicht mehr verschwindet – dann ist das eine Besetzung. Eine, die man sich ob ihrer heutigen Unverschämtheit durchaus trauen muss. 

Schließlich geht er ja nicht weg, der Drang, nochmal nachzuschauen, ob die Welt noch steht und also diese zähe Suppe aus fremdem Irrsinn, unaufgefordertem Mitteilungsdrang, Hass und Katzenvideos noch existiert. Auch deshalb finden wir: Manchmal kommt es auf die Länge an. Dafür präsentieren wir zehn Tracks, die keine Eile haben. Nicht heute. Nicht damals. Hoffentlich nie.

Pete Namlook & Richie Hawtin – Future Surfacing (What Lies Ahead)

Mensch, was wir da für Haare hatten! Richie Hawtin mit dieser, na ja, Scheitel-Brillen-Konstellation. Und Pete Namlooks Haaransatz betreibt von Frankfurt aus ein Label, das Veröffentlichungen im Wochentakt rausfaxt. "Future Surfacing" dauert deshalb so lang wie die Nummer, die man dafür einwählen muss. Und am Ende passiert: nichts.

Was an sich schon mal die Antithese zum damaligen VIVA-Terrorismus war, weil: Wer braucht schon schrrrt-uiii-piff-tüt-wiwiwi, wenn man einen Track haben kann, der so langsam rumknetet, dass man während eines einzigen Akkordwechsels eine komplette Steuererklärung einigermaßen richtig ausfüllen könnte? Während also drüben Blümchen und Captain Jack das Sonnendeck stürmen, ziehen Namlook und Hawtin hier den Samtvorhang zu und schalten das Licht aus. Dauert lange? Nö, dauert genau richtig!

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Abdulla Rashim – Gizaw 3

Stockholm hat der Welt zwei Dinge geschenkt, die einander nicht leiden können: Spotify und Abdulla Rashim, der mit Klingelschildnamen weder Abdulla noch Rashim heißt, aber das ist erstmal egal. Die einen haben drüben jedenfalls ein Geschäftsmodell gebaut, in dem ein Song erst nach dreißig Sekunden halbwegs Sinn macht. Der andere hat "Gizaw 3" gemacht. Und dieses Dreizehnminutenirgendwasding interessiert sich für dein Aufmerksamkeitsbudget ungefähr so sehr wie die Deutsche Bahn für deinen Anschlusszug.

Wer damit folglich im Auto zur Arbeit fährt, sollte danach kurz die Versicherung anrufen. Auf einer Playlist für Großraumbüros würde dieses Geschiebe jedenfalls sofort gekündigt. Aber im Club, wenn nach dreiundvierzig Stunden alle nur noch gucken, wer als letzter blinzelt, ist das der Hit, großes Indianerehrenwort!

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Underworld – Dark & Long (Thing In A Book Mix)

Wenn man jemanden nach Underworld fragt, kommt in elf von zehn Fällen ein Zitat aus "Trainspotting", meistens von jemandem, der den Film mit siebzehn gesehen hat und seither glaubt, er habe damals was Krasses erlebt. Dabei ist "Dark & Long" die Nummer, bei der man merkt, dass die inzwischen älter gewordenen Herren aus Wales (Karl Hyde und Rick Smith, falls der Kollege am Nebentisch fragt) nicht nur Rumgrölhymnen können, sondern auch das Gegenteil davon: Musik, die nicht rumgrölt also.

Der Titel liefert die komplette Bedienungsanleitung gleich mit, dunkel und lang. Mehr Versprechen braucht es nicht. Und im Gegensatz zu den meisten Songtiteln heute, die aussehen wie ein Instagramposting von einer Dreizehnjährigen, wird hier tatsächlich geliefert. Aber eben ziemlich langsam. Bis einem irgendwann auffällt, dass man ganz analog ein Buch liest und fünf Kapitel überblättert hat, weil man mittendrin performativ eingeschlafen ist.

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Joaquin Joe Claussell meets Manuel Göttsching – Deep(er) Distance (Joaquin's Dream Version)

Hier treffen sich zwei, die von Kurzstreckenflügen grundsätzlich nichts halten: Göttsching, dessen berühmteste Aufnahme eine Ewigkeit dauert und trotzdem nie das Gefühl vermittelt, sie wolle irgendwo hin (außer vielleicht ins Museum). Und Claussell, der aus New York kommt, wo man eigentlich alles schneller macht, außer den Sonntagsgottesdienst, den er sich gleich selbst als Clubnacht eingerichtet hat. 

Zusammen ergeben die beiden jedenfalls einen Track, der sich benimmt wie so ein Freund, der nicht und nicht nach Hause gehen will, weil er ja immer genug dabei hat für sich und alle und, huch, schon wieder halb sieben. Gitarre und Groove umkreisen sich so, ohne je übereinander herzufallen. Sie stehen einfach nebeneinander und finden alles gut. Im Kopfhörer, irgendwann wirklich auf dem Heimweg, mit einem Döner in der Hand, ist es plötzlich das Beste, was die Bundesrepublik seit der Autobahn hervorgebracht hat.

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Voodoo Child – Demons

Ja, dreimal gecheckt, da steckt echt Moby dahinter. Der Moby. Vermutlich die beste Nachricht für alle, die bei diesem Namen bisher nur an den Typen gedacht haben, der circa jeden Song seines Lebens für einen Autowerbespot freigegeben hat. Unter dem Namen Voodoo Child dagegen hat er damals eher für Abwrackprämie angesucht, soll heißen: Acid, Keller, keine Fenster. 

Das ist ungefähr so, als würde herauskommen, dass der drollige Tagesschau-Sprecher in der Kneipe Nirvana-Coversongs brüllt. "Demons" trägt den Titel daher wie ein Motto. Und weil es ein Track ist, der sich durchzieht wie ein Kater über eine ganze Woche, gehört er in diese Liste. Er weigert sich, nett dreinzuschauen, dafür aber mit einer Ausdauer, die man von einem Mann, der als Vorzeigeveganer bekannt wurde, kaum erwartet hätte.

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The Mole People – Break Night

"Break Night" heißt: Du kommst mit oder gehst mit deiner Vernunft nach Hause, die dich dort mit einem Glas Wasser und FOMO erwartet. 1995 war das noch keine Abwägungsentscheidung, weil es keine Story gab, in der man hinterher nachschauen konnte, wer wann wo gewesen sein will. Inzwischen ist das Wochenende ja ein Contentkalender mit erweiterter Garderobe. 

Der Track erinnert jedenfalls daran, dass Dauer keine Zumutung ist, sondern die eigentliche Einladung: Bleib, es gibt noch mehr! Und nein, du verpasst nichts, weil das Nichtverpassen dort stattfindet, wo du gerade stehst. Wer bei so was auf die Uhr schielt, hat sich das Feiern als Pflichttermin einrichten lassen, mit Pusherinnerung, Wiederholung und zwanzig Minuten Puffer. Und wer jetzt checkt, wer Mole People wirklich war, macht das Gehirnexplosions-Emoji und cancelt den Montagmorgen für immer.

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Roman IV – Altes Testament 

Wer sein Stück "Altes Testament" nennt, will entweder Ärger oder Ewigkeit. Und hier gibt es beides im Doppelpack wie Ketamin und Kuchen zum Fünfuhrtee. Trotzdem denkt man natürlich zuerst mal an Pater Soundso, weil der zu jeder Gelegenheit eine Bibelstelle parat hat. Dabei ist der Track gar keine Selbstbeweihräucherung. 1994 war Größenwahn nämlich noch kein Geschäftsmodell für wohlstandsverwahrloste Konsumzombies. Sie ist eher das Gegenteil. Der Gegenentwurf zu allem, was heute mit einem "Für dich"-Label ausgeliefert wird, als hätte ein Software-Update deinen Geschmack besser verstanden als du selbst. 

Roman Flügel hat auf Würde und auf Länge gesetzt. Schließlich hat der Schinken, den er hier namentlich verewigen musste, auch keine Kurzfassung mit KI-Zusammenfassung. Es gibt vierzig Tage Regen. Und niemand beschwert sich, dass der Track zu lang ist. Höchstens beim Aufbau der Arche. Aber da geht es ums Handwerk. Wie hier eigentlich auch.

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The Martian – Ghostdancer

Marsmenschen haben es nicht eilig, das ist der einzige Vorteil, wenn man von einem anderen Pupsplaneten kommt. Denn dort gibt es weder Verspätung noch Bürokratie noch Meetings, die auch eine E-Mail hätten sein können. "Ghostdancer" ist deshalb das exakte Gegenteil einer Reel-tauglichen Dropdramaturgie, in der nach fünfzehn Sekunden etwas explodieren muss. Ja, hier zischt es nicht mal. Es schwebt nur was rum, ungefähr so, wie man Wolken hinterherschaut, wenn man eigentlich arbeiten müsste. Das Gute an so einem Track ist aber, dass er nie älter wird und dass man bei YouTube immer nochmal reinschreiben darf, wann man den – selbst ergraut und reifer, um nicht zu sagen älter geworden – irgendwann mal in einer Fabrikhalle gehört haben muss. Andere Zeiten. Ne, ist klar, Opa.

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Octo Octa – We Will Be Together Forever

Und zu ihrer Rechten: ein Versprechen, wie es sonst nur Menschen im dritten Mallorca-Urlaub ihrer Beziehung stechen lassen, sonnenölglänzend, mit einem Vornamen dahinter, der spätestens nächsten Februar von einem chinesischen Drachen überstochen wird. "We Will Be Together Forever", unterschrieben von einer Bassline, die felsenfest davon überzeugt ist, dass Treue eine Frage der Wiederholungsrate ist. Octo Octa scheißt auf diese Erfahrungswerte, mit einer Chuzpe, die man sonst nur bei Eigenheimbesitzern in Bad Segeberg findet, die ihre Ehe für "krisensicher" halten. Der Bass klopft deshalb an wie ein Zeuge Jehovas, der weiß, dass du zu Hause bist. Man könnte das für Technokitsch halten, für Ballerinaromantik mit Vierviertelkick. Aber der Track behandelt Dauer als das Einzige, was in dieser durchgewischten Gegenwart noch nach Haltung aussieht. Kein Mindsetpodcast, kein Eiswasserguru, keine Fünf-Uhr-Morgenroutine mit Ingwershot und LinkedIn-Update hat je so gut erklärt, wie man die sogenannte Spannung hält.

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LoSoul – 00000000

Das Internet hat, ganz ohne es zu wollen, herausgefunden, was LoSoul schon 1996 wusste: Wenn du eine Nummer aus lauter Nullen suchst, landest du zwangsläufig bei einem Track, der selbst wie eine Rechenmaschine im Leerlauf klingt. "00000000" ist also der kalkulierte Systemfehler, während um ihn herum die gesamte Markenduftindustrie versucht, Menschen mit QR-Codes zu Loyalitätsprogrammen zu erziehen. Du sagst häh? Na ja, ist ja alles Neuland für uns. Achtzehn Minuten lang passiert hier jedenfalls nichts bis wenig, trotzdem bleiben alle stehen. Man scannt seinen Gucci-Flakon und landet 1996 in Frankfurt. Das Beste daran: Niemand von denen wollte das. Das Internet, ein echtes Playhouse.

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Veröffentlicht in Features und getaggt mit Abdulla Rashim , Acid , Ambient Techno , Basic Channel , Clubkultur , Deep House , Electronic Music , Extended Mixes , House , Joaquin Joe Claussell , Long Tracks , LoSoul , Manuel Göttsching , Minimal Techno , Moby , News , nightlife , Octo Octa , Pete Namlook , Playhouse , Ricardo Villalobos , Richie Hawtin , Roman Flügel , Roman IV , Techno , The Martian , The Mole People , Underground Techno , Underworld , Voodoo Child

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