Es ist ein Raubüberfall. Ein durchgestylter Coup wie bei Ocean’s Eleven, nur: Bei uns findet diese Räuberei mitten im Trommelfell statt, 24 Stunden am Tag. Die Täter tragen keine Masken, sie tragen Rollkragenpullover, sitzen in Stockholm oder im Silicon Valley und nennen das, was sie tun: "Optimierung".
Blöd für uns: Die Optimierung hat uns den Refrain geklaut. Besser gesagt: Sie hat uns die Sehnsucht danach geklaut. Das hat mit drei Minuten zu tun. So lange darf ein durchschnittlicher Hit heute noch dauern. Also: Weg mit der Strophe, weg mit dem Anstand. Kein Guten Tag, ich will mein Leben zurück! Nach dreieinhalb Sekunden knallt dir die Hook mitten ins Gesicht, weil, na ja … deshalb!
Schuld daran ist natürlich die Gen Z. Zumindest wenn es nach den Feuilletonspalten geht, in denen berufsjugendliche Pink-Floyd-Poschardts seit Jahren denselben Kalauerschwachsinn voneinander abschreiben: "Die Siebzehnjährigen können keine drei Minuten mehr stillsitzen, ohne dass das Gehirn nach TikTok-Dopamin schreit!" Ja, ja, hier sind die bunten Pillen, Opa. Jetzt aber zurück in die Kemenate mit dir!
Uns're Eltern sind schuld, sie haben uns in diese Welt entlassen
Neu ist das nicht. Schon in den Dreißigern hat die Musikindustrie ihre Songs auf zweieinhalb Minuten zusammengestaucht. Das war aber keine pädagogische Fürsorge fürs jugendliche Kurzzeitgedächtnis. Der eigentliche Grund: Eine Schellackplatte, so was wie das schwersplitternde Urvinyl, gab pro Seite schlicht nicht mehr her. Aus dieser Beschränkung wurde die klassische 32-Takt-AABA-Form, im Grunde der Tin-Pan-Alley-Vorläufer der heutigen Hooks. Dann kamen LP, Kassette, CD. Die Rille wurde großzügiger, die Songs auch. Plötzlich durften Bridges vorkommen, Gitarrensoli, ganze Konzeptalben mit vierzehnminütigen Suiten, in denen jemand ausgiebig über den Tod oder die Liebe oder beides nachdachte. Und jetzt ist die Rille wieder eng. Nur heißt sie diesmal Recommendation Engine.
Warum soll an der Sache ausgerechnet nicht die Jugend schuld sein?
Ein Detail dazu: Anfang der Achtziger dauerte das Intro eines Top-10-Hits im Schnitt zwanzig, fünfundzwanzig Sekunden. Der Radiomoderator sollte schließlich genug Zeit haben, mit seiner Käseglockenstimme drüberzuquatschen, bevor der Gesang einsetzte. Heute: null bis fünf Sekunden. Aber Radiomoderatoren legen ja ohnehin nichts mehr auf, außer vielleicht ihre eigene Befindlichkeit.
Wie heißt das Zauberwort? Geld!
Die unberechtigte Frage, der man sich dennoch stellen muss: Warum soll an der Sache ausgerechnet nicht die Jugend schuld sein? Nun, entfleucht es einem in Richard-David-Precht-Tonfall … Weil die da drüben in Stockholm, in ihren skandinavischen Glaspalästen voller Schwedenholz und Frappuccinos, eine Zahl an die Wand genagelt haben. Wenn du als Hörer vor Sekunde dreißig weiterswipest, kriegt der Musiker: genau gar nichts. Wenn du aber Sekunde 31 erreichst, macht es im System Katsching – die Uhr tickt, irgendwer casht richtig ab.

Und deshalb haben alle kreativen Köpfe über die Jahre ihre Songs umgebaut. Sie haben ihnen in ihren jetzt aber sicher persönlichsten Werken die Seele rausoperiert und durch eine betriebswirtschaftliche Kurvenoptimierung ersetzt. Schließlich zählt der Zaster, nicht die Zukunft, denn: Wer braucht schon Kunst, wenn es Fließbandakrobatik für den Schnellkonsum-Verdauungstrakt auch tut?
Labels schneiden daher "Tik-Tok-Edits", zum Spaß oder damit ein Ausschnitt auf den Socials funktioniert. Beatport-Charts werden längst auch von Tracks bevölkert, deren erste zwanzig Sekunden wie eine Symptombeschreibung von ADHS klingen. Nur im sogenannten Underground fließt noch Hafermilch und moralisch reiner Blütensaft. Dort ist die Welt aber auch eine Scheibe.
Und wir ziehen durch die Straßen, durch die bunten und die grauen
Ein Peaktime-Track hat oft gar keinen Refrain, den man vorziehen könnte, weil er oft gar keinen Refrain hat. Er hat eine Bassdrum, eine Idee und die Geduld, diese Idee über acht Minuten hinweg langsam zu öffnen wie eine Tür, die absichtlich sehr langsam aufgeht. Dass da die Spannung drinliegt, das wusste auch schon Steven Spielberg. Techno-Tracks sind dagegen Material für DJs, die sie in Fünf- oder Zwölfstundensets einbetten, in denen niemand skippen kann, weil er auf dem Dancefloor steht und sein Handy, so es ihm nicht sowieso schon am Einlass mit Klebestreifen verklebt wurde, in der Garderobe liegt.
In der großen Genre-Auswertung, die die ganze Verkürzungsdebatte mit Zahlen unterfüttert, taucht Techno deshalb gar nicht erst auf. Hip-Hop und Latin haben am meisten eingebüßt, fast eine halbe Minute pro Song seit 2018, Rock und Alternative am wenigsten. Und elektronische Musik? Fehlanzeige. Man kann eben nur kürzen, was vorher überhaupt in der Statistik stattgefunden hat.
Wie ein perfekter Fleck
Trotzdem sagt die Wissenschaft: Ein Song hört heute, genauso wie er anfängt, einfach auf. Da ist kein langsames Fade-out oder ein Drumfiller-Geloope. Alles endet so, dass der Track nahtlos wieder von vorne anfangen kann. Weil er wieder von vorne anfangen soll, damit man gar nicht erst merkt, dass man denselben Zwei-Minuten-Schnipsel gerade zum vierundzwanzigsten Mal hört.
Extrembeispiel? Lil Yachty, der US-Rapper mit den lustigen Haaren, haut einen Track raus, der dauert 83 Sekunden. Ungefähr ein Niesen mit Autotune. Hat aber 150 Millionen Streams. Weil man ihn dreimal hintereinander hören muss, um überhaupt zu kapieren, wann er angefangen hat. Das mag das dunkle Ende der Kompressionshölle sein, nur: Dahinter steckt der eigentliche Coup. Der Refrain wird uns nämlich nicht mehr untergejubelt, er wird uns aufgedrängt, reingeprügelt, zur Not beim Nachbarn abgegeben wie die Amazon-Prime-Lieferung. Da bleibt keine Zeit für garantierte Sehnsucht. Da gibt es kein verträumtes Schmachten. Vorfreude? Nie gehört!
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Der sogenannte Algorithmus stopft uns alles rein, mästet uns wie eine ungarische Billiggans. Satt wird man davon schon werden, irgendwie. Aber wenn man sich danach auf den vollen Bauch klopft, die Zufriedenheit weicht ein paar Stunden später dem schalen Gewissensbiss. Wenn man alles in sich reinschiebt, was uns die optimierten Rollkragenpullover vorgeben, was passiert dann in unseren Köpfen? Etwa der Dauer-Refrain im Dauer-Loop, bis das Hirn wirklich taub ist?
Auf dem Dancefloor findet jedenfalls kein Überfall statt. Gibt ja keinen Tresor mehr zu knacken. Nicht, weil wir schlauer wären als George Clooney und seine Kumpels. Am Eingang steht einfach schon jemand, der gründlicher filzt als jeder Algorithmus es je könnte. Und der lässt, im Zweifel, die ganze Bande gar nicht erst rein.
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