Das dunkle Zeitalter: War EDM das Mittelalter der elektronischen Musik?
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Das dunkle Zeitalter: War EDM das Mittelalter der elektronischen Musik?

Features. 24. Oktober 2026 | / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Gleich

Stellen wir uns kurz vor, die Kulturgeschichte würde sich nicht in Jahrhunderten vollziehen, sondern im Zeitraffer von ein paar Jahrzehnten Synthesizergeschichte. Wenn die späten Achtziger in Chicago und Detroit das antike Griechenland der elektronischen Musik waren, dürften die 2010er-Jahre so etwas wie das finstere Mittelalter gewesen sein. Jenes Zeitalter, in dem die Dogmatiker übernahmen, die Ketzer auf den Scheiterhaufen der Festivalbookings verbrannten und das vormals Freie durch das Formelhafte ersetzten.

Man nannte dieses Zeitalter zuerst Electronic Dance Music, einigte sich aber bald auf die schlichte Abkürzung: EDM. Ein Begriff, der mit ein wenig Abstand klingt wie eine DIN-Norm für Hallenbäder. Nur: Damals war dieser Begriff, verpasst von amerikanischen Musikmanagern mit dicken Hosen, die plötzlich merkten, dass man nach Rock (gähn) und Hip-Hop (doppelgähn) nun auch mit Dance Music das große Geld machen konnte, das große Ding.

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Schaumbad statt Scheiterhaufen

Aber springen wir zuerst zurück. Im Mittelalter war die Sache nämlich ziemlich klar. Die Kirche gab ja den Rahmen vor. Das Geistesleben bewegte sich in abgesteckten Korridoren. Wer behauptete, die Erde drehe sich um die Sonne, hatte ganz schnell ein Problem. EDM etablierte da seinen ganz eigenen, nicht weniger glühenden Scheiterhaufen. Er hieß: Build-up, Drop, Hände hoch.

Davor, dazwischen und danach war keine Abweichung erlaubt. Die Schaumbadekstase wurde zur wiederkehrenden Pflichtmesse der sogenannten Masse. Halbe Minute Spannung aufbauen. Eine beißende Snare-Drum im Sekundentakt verdoppeln – tack-tacktack-tacktacktacktack. Dann der Fünftel-Sekunden-Break, in dem der DJ kurz die Arme hebt wie Jesus am Kreuze. Und natürlich die akustische Explosion aus allen Konfettikanonen.

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Das machten bald alle so, weil alle daran glaubten. Die Swedish House Mafia. David Guetta. Avicii. Das Ergebnis war eine, wechseln wir kurz in die Feuilletonspaltensprache: kognitive Gleichschaltung. Wie die Gläubigen, die beim Erklingen der Kirchenglocke das Knien lernten, lernte das Vollgaspublikum, auf Kommando hoch zu springen. Die Anarchie des Tanzens wich dem Kadavergehorsam hinter neongrünen Plastikbrillen und alle filmten sich beim Glücklichsein.

Ablasshandel in Neongrün

Die Show war nun on, aber sowas von! Handwerkliche und wissenschaftliche Errungenschaften der Antike (also von Detroit bis Mauerfall) gerieten ins Hintertreffen. So wie im Mittelalter die Baukunst, Aquädukte oder feine Bildhauerei verloren gingen, vereinfachte EDM alles im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Garrix, Amen. 

Die traditionelle Kunst des Auflegens als quasialchemistische Geschicklichkeit verschwand. EDM reduzierte das ganze Plattenfinden, Plattenschleppen und Plattenauflegen auf: einen USB-Stick, zwei Knöpfe und die Sync-Taste. Auflegen wurde so zur Simulation von Leistung. Aber weil der ganze Krawall ohnehin auf die Millisekunde genau durchprogrammiert und auf die Großraumdisko-Epilepsie abgestimmt sein musste, verkam die Booth zur Theaterkulisse.

Um das Fehlen von echter musikalischer Interaktion zu kaschieren, musste die Schau allerdings aufgerüstet werden. Pyrotechnik, LED-Wände im Querformat von Mehrfamilienhäusern, Schaumkanonen und klar: Tortenwerfen. Der EDM-DJ war zwischen all dem nur noch so etwas wie das grinsende Maskottchen einer Multi-Millionen-Produktion. Aber irgendwo brüllte sicher jemand "Don’t You Worry Child" in ein Mikrofon (übrigens gerade 14 Jahre alt geworden, puh!) – was so ziemlich dem modernen Ablasshändler entsprach, der den Leuten Knicklichter und Schwefelzauber verkaufte, damit keiner merkte, wie leer die Sonntagspredigt eigentlich war.

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Das Latein der Krawallfolklore

Daraus resultiert eine klangliche Monokultur, die historische Ausmaße hat. Vor der Gotik baute man in Europa romanisch. Dicke Mauern, kleine Fenster, überall finster. Die Kirchen sprachen Latein, egal ob in Deutschland, England oder auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reichs. Nur: EDM schaffte innerhalb eines Jahrzehnts eine ganz ähnliche Nivellierung. Die weltweite Krawallfolklore verwendete nämlich bald dieselben Samplepacks und synthetischen Presetsounds. Ob ein Track in einem Studio in Amsterdam, Los Angeles oder Stockholm entstand, war nicht mehr hörbar. Der Eigensound von Städten und Szenen wurde geglättet und durch eine Formatparade ersetzt.

Wo die Aufklärung für das Subjekt kämpfte, das durch sein Handwerk und seine Haltung etwas Eigenes schaffen sollte, kehrte die EDM-Kultur diesen Prozess um. Der EDM DJ auf der Mainstage produzierte die Musik oft nicht einmal selbst. Sogenannte Ghostproducer erledigten die Formelarbeit im Hintergrund. Der Star selbst fungierte als Repräsentant einer Marke und das Publikum konsumierte diese Marke wegen ihrer Vorhersehbarkeit. 

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Das war natürlich keine kulturelle Avanciertheit, eher: ein Festhalten an Riten in einer Welt, die ansonsten zu komplex geworden war. Der Club, der einst Zufluchtsort für Abweichung oder Queerness, irgendwann sicher auch musikalischer Widerstand war, wurde zur Ausflugszone umgebaut, wo zukünftige FDP-Wähler unter kontrollierten Bedingungen den kontrollierten Exzess üben durften.

Ausflüge in die Renaissance 

Der Schaden entstand durch die schiere ökonomische Übermacht dieser Formel. Festivals, die früher Nischenprogrammierungen wagten, wurden von Investmentfonds aufgekauft und auf Rendite getrimmt. Rendite erfordert Reichweite, Reichweite erfordert den kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Folge war ein Verdrängungswettbewerb, der Clubs in den Ruin trieb und die Leute auf den billigen Dopamin-Kick konditionierte.

Das Mittelalter dauerte bekanntlich lange. Aber es war nicht das Ende der Geschichte. Auf die düsteren Jahrhunderte folgte das Aufbrechen der alten Dogmen und eine Rückkehr zum Menschen und zur Form. In unserer Gegenwart müsste sich der Kreis der historischen Lächerlichkeit dafür aber erst schließen. Denn aus den bunten Ablassbriefen der EDM-Ära wurden extrem durchgestylte BDSM-Monstranzen. Und weil man eine Schwarzwälderkirschtorte immer nur einmal ins Gesicht bekommt, wartet man jetzt im All-Black-Outfit fünf Stunden in der Beichtstuhlschlange vor dem Club. 

Die Liturgie hat sich also geändert. Der Zwang zur Darf-ich-rein-Show ist aber geblieben. Die EDM-Schattenjahre bleiben uns damit als das erhalten, was sie immer waren: die pompöseste Bildungsbürgerkatastrophe der neueren Popgeschichte. Ein Irrtum, bei dem am Ende niemand so recht erklären kann, warum ein erwachsener Mann in Las Vegas mehrfache Managergehälter dafür kassierte, im Takt von Feuerschalen über CDJs herumzuspringen.

Übrig bleibt die tröstliche Gewissheit der Kulturgeschichte. Selbst das tiefste Mittelalter geht irgendwann vorbei, nur um in der nächsten Epoche noch ein bisschen grausamer zu werden. Spätestens wenn das Panzertape von den Brustwarzen gezogen wird und die Schnellfeuersonnenbrillen in der Schublade der Schande verschwinden, muss man sich die Frage stellen: Was zum Teufel haben wir da eigentlich getan?

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