Gefangen in der Streaming-Logik: Diese Studie erklärt, warum Bach heute am Algorithmus scheitern würde
Musik wird simpler – das ist das Ergebnis einer groß angelegten wissenschaftlichen Analyse. Rund 20.000 Musikstücke aus knapp vier Jahrhunderten haben italienische Forscher dafür untersucht. Ihr ernüchternder Schluss: Die melodische und harmonische Komplexität von Musik nimmt systematisch ab.
Netzwerkanalyse statt Bauchgefühl
Die Studie, veröffentlicht im Fachblatt Scientific Reports, nutzt Methoden der Netzwerkwissenschaft, um Musik messbar zu machen. Dazu wurden MIDI-Dateien aus sechs großen Musikgenres – Klassik, Jazz, Pop, Rock, Elektronik und Hip-Hop – in Netzwerke überführt. Das heißt: Noten sind Knoten, die Übergänge zwischen ihnen sind Kanten. Je variabler und unvorhersehbarer diese Übergänge, desto komplexer die Musik.
Als Beispiel wählen die Forscher einen direkten Vergleich: Johann Sebastian Bachs Komposition "Komm, süßer Tod" enthält demnach wesentlich mehr melodische Variation als Eminems "Superman". Was nach einem offensichtlichen Ergebnis klingt, können die Daten auf breiter Basis untermauern. Und: Sie führen zu einer weit weniger offensichtlichen Schlussfolgerung.
Hochkultur ist auch nur Unterhaltung
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Denn für populäre Genres wie Pop, Rock oder Hip-Hop ist zwar ein leichter Rückgang der Komplexität seit den 1960er-Jahren erkennbar. Allerdings fällt der Trend bei Jazz seit den 1950ern und bei Klassik ab dem frühen 20. Jahrhundert viel stärker aus. Genres, die traditionell durch harmonische Dichte und melodischen Einfallsreichtum herausstachen, gleichen sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts immer mehr den strukturell schlankeren populären Stilrichtungen an. Anders gesagt: Die sogenannten Hochkulturgattungen sinken auf das Niveau der Unterhaltungsmusik.
Die Forschenden sehen in der Logik digitaler Plattformen einen wesentlichen Treiber dieser Entwicklung. Spotify, YouTube und ähnliche Dienste machen heute mehr Musik verfügbar als je zuvor – und kuratieren sie algorithmisch. Was sich gut anhört in den ersten Sekunden, was im Autoplay-Modus nicht stört, was emotionale Unmittelbarkeit bietet, wird bevorzugt ausgespielt. Für Komplexität, die sich erst nach mehrmaligem Hören erschließt, ist in diesem System wenig Platz.
Das Team verweist auf frühereStudien, die für Songtexte und Social-Media-Kommentare ähnliche Vereinfachungsprozesse in algorithmisch kuratierten Umgebungen nachgewiesen haben. Die vorliegende Arbeit dehnt diesen Befund nun erstmals systematisch auf melodische und harmonische Strukturen aus.
Was die Studie nicht misst
Die Wissenschaftler:innen betonen ausdrücklich die Grenzen ihrer Methode. Denn: MIDI-Dateien erfassen kein Timbre, keine Klangtextur, keine Produktionstechnik. Es sei deshalb möglich, dass sich musikalische Komplexität in Bereiche verschoben hat, die ihr Analyserahmen schlicht nicht erfasst. Sounddesign, kultureller Kontext und Rhythmik waren keine Analyseobjekte der Studie.
Das schränkt die Aussagekraft ein, entkräftet den Kernbefund aber nicht. Innerhalb dessen, was messbar ist, zeigt die Musik eine klare Richtung: in die Vereinfachung. Stücke wie Bachs "Cembalo-Partiten" seien für einen Streaming-Algorithmus schwer zu vermarkten. Zu wenig vorhersehbar, aber auch: zu wenig repetitiv und zu wenig sofort zugänglich. Die Plattformen belohnen dagegen, was "hängenbleibt".
Ob das ein kultureller Verlust ist oder schlicht eine Anpassung an veränderte Hörgewohnheiten und Lebensrealitäten, beantworten die Forschenden nicht. Ihre Aufgabe sei die Messung. Ein Urteil darüber überlassen sie den Hörenden.