25 Jahre lang war Audacity das Möbelstück im Wohnzimmer der Audiobearbeitung – kostenlos, überall, nie wirklich schön. Mit Version 4.0 baut Muse Group den Audio-Editor nun komplett um.
Auf jedem zweiten Uni-Rechner, in jedem Podcast-Tutorial von 2011, auf der Festplatte von jedem, der mal eine Sprachmemo normalisieren musste und dafür garantiert keine 300 Euro für eine DAW-Lizenz ausgeben wollte, kommt es vor: Audacity. Der Audio-Editor ist eine Art Möbelstück im Wohnzimmer der digitalen Audiobearbeitung. Jetzt hat Muse Group, seit 2021 Eigentümerin des Projekts, Version 4.0 veröffentlicht – und nennt es selbst das größte Update der Firmengeschichte.
Technisch ist tatsächlich einiges passiert. Die komplette Oberfläche wurde auf das Qt-Framework umgezogen, was konkret heißt: High-DPI-Bildschirme werden endlich vernünftig unterstützt, Werkzeugleisten lassen sich frei andocken, verschieben, ausblenden, als eigene "Workspaces" für Podcast-Schnitt, Musikproduktion oder Restaurierung abspeichern. Dazu gibt es ein neues Logo (kontrovers diskutiert, wie es sich für ein neues Logo gehört) sowie Hell-, Dunkel- und Kontrastmodus.
Wenn’s dir nicht gefällt, mach neu!
Wichtiger ist aber, was am Clip-Editing geändert wurde. Clips lassen sich jetzt gruppieren, überlappend verschieben und per Tastendruck sauber trennen. Die alten, ewig kritisierten Werkzeugmodi – Auswahl hier, Sample-Zeichnen da – sind komplett verschwunden, stattdessen verhält sich das Programm "kontextsensitiv", je nach Zoomstufe. Windows-Nutzer bekommen zudem nativen ASIO-Support, und mit dem neuen Projektformat .aup4 werden alte .aup3-Dateien automatisch, aber nur in eine Richtung, konvertiert.
Wer jetzt jubelt, sollte kurz die Release Notes zu Ende lesen: MIDI- und Notenspuren, der Mixer, Time Tracks, der Makro-Manager sowie VAMP- und LADSPA-Plugin-Support fehlen in 4.0 komplett und sollen erst nachgereicht werden. Für alle, die Audacity als schnelles Schneide-Werkzeug nutzen, ein Nichtproblem. Für alle mit komplexeren Workflows heißt es aber: erstmal warten.
Wer einmal lügt …
Und dann ist da noch die Sache mit dem Vertrauen. Muse Group hatte sich 2021, kurz nach der Übernahme, mit einer stillschweigend geänderten Datenschutzrichtlinie ziemlich unbeliebt gemacht – Stichworte IP-Adressen, Datenweitergabe an die russische Konzernzentrale, "Spyware"-Vorwürfe aus der Community.
Seitdem gibt es Forks wie Tenacity, die genau für die Leute existieren, die dem Mutterkonzern grundsätzlich nicht über den Editor-Weg trauen. Version 4 ändert daran nichts, macht die Kritik aber auch nicht automatisch wieder aktuell. Audacity bleibt, was es immer war: kostenlos, Open Source, und mit einer Geschichte, die man kennen darf, bevor man den Download-Button drückt.
