Clubs blicken durch? Wie Smartglasses die Techno-Party verändern könnten
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Clubs blicken durch? Wie Smartglasses die Techno-Party verändern könnten

Features. 11. Oktober 2026 | 5,0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Gleich

Im Techno-Club sind Kameras tabu. Manche kleben deshalb Handys ab. Andere probieren es mit gutem Willen. Was passiert aber, wenn die Kamera keine Kamera mehr ist? Das Basement in New York, einer der wichtigen Locations für elektronische Musik an der Eastcoast, hat gerade sogenannte Smartglasses verboten. Gemeint sind jene Realitäts-Optimierungs-Prothesen, die zum Beispiel Facebooks Mutterkonzern Meta herstellt. 

Man muss sich das so vorstellen wie in Carpenters sonnenbrilleninduzierter Reality-Check-Dystopie "Sie Leben". Es ist laut, es ist dunkel und du bist permanent auf Sendung. Im Gegensatz zum Filmvergleich sieht man aber nicht die Wahrheit, man ist sie. Denn neben dir blinzelt jemand und dieses Blinzeln hat 120 Megapixel und fünf Mikrofone und ist das neue Geschäftsmodell von Mark Zuckerberg. 

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Das Meta-Modell kommt von Ray-Ban. Die anderen heißen Xreal Air 2 Ultra, Viture Pro XR oder Rokid Max 2. Sie klingen wie DJ-Namen aus einem Line-up von 2049. Aber eigentlich sind es tragbare Interfaces. Das heißt: Du kannst nicht sagen, ob du damit gerade gefilmt wirst oder nicht. Smartglasses tun nämlich so als wären sie Mode für Sehbehinderte. Dabei sind sie nur die versteckte Streamingversion deiner Privatsphärenrückstände.

Privatsphäre, ach. Das kannte man doch mal. Von Snowden oder dem großflächigen Ende der Ekstase-Demokratie. Denn natürlich ist der Rave längst Content. Alle filmen mit. Immer. Sogar im Berghain riskieren manche den Rauswurf für verwackelte Beschissaufnahmen. Nur: Selbst dafür brauchte man bisher ein Smartphone. Smartglasses bedeuten: Filmen ohne Finger. Klingt fast erotisch, bis man begreift, dass das nur ein paar tolle Wörter für Überwachung sind.

Berlin Recording

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Die Clubnacht ist vorbei, aber noch bevor der erste Sonnenstrahl über die Industriebrachenfassade kriecht, sind vier Stunden POV-Material in der Cloud gelandet. In diesen vier Stunden bist du der Typ, der Zigaretten von der falschen Seite anzündet; der immer wieder enthusiasmiert zur Musik heult; und der, dessen Pupillen-Dynamik dem Ray-Ban-Sensor mehr über deinen aktuellen Zustand verrät, als dein Psychiater jemals erfahren darf.

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Klar, in der Theorie müsste sich der Typ mit dem Techno-Monokel eigentlich die Einwilligung holen, bevor er unkontrolliert draufhält. In der Praxis ist es halt laut. Und niemand liest AGBs bei 140 bpm. Vielleicht realisieren wir langsam: Smartglasses sind eine Club-Compliance-Hölle, die wirkt wie ein bekackteres US-Remake von Berlin Calling. Nur dass die Hauptrolle diesmal ein Algorithmus spielt, der dich aus dem Off scannt. Ganz ohne Türsteher-Willkür. Nein, die Totalüberwachung wird mit Smartglasses sowieso zum Lifestyleaccessoire.

Dein Rausch ist hier jedenfalls nur der haptische Trigger für den Upload. Dein authentischster Moment wird zum vorgefilterten Contentschnipsel. Dein privates Leid – oder noch schlimmer, dein privates Glück – ist potenziell viraler Rohstoff. Du bist nicht mehr Du. Du bist ein Datenpunkt, mehr noch: eine Mensch-Maschine im Aufmerksamkeitszirkus.

Rave ist der Filter

In dem noch nicht abgedrehten Weltuntergangsstreifen erreichen wir damit ungefähr die Halftimebespaßung. Alle sind semi-transparente Akteure in ihrer öffentlich-geschalteten Reality-Show. Kein Wunder, dass man in deutschen Qualitätszeitschriften sogar über ein Verbot von Smartglasses nachdenkt. Die Hamburger Politik will derweil bei Bussen, Bahnen und Schwimmbädern weniger Durchblick. Und während wir noch über Smartglasses in Clubs schwafeln, möchte Apple bald genauer hinhören. Das heißt, hinschauen. Sprich: einfach mal nur da sein.

Im Club wollen das ja alle. Eigentlich ist Dieses-einfach-Sein aber nur noch ein Filter-Setting, das man später auswählt, um das Video authentischer aussehen zu lassen. Der glückliche Wahnsinn, die wilde Entladung, die verzweifelte Suche nach etwas, das sich real anfühlt – das alles ist jetzt nur noch die Inhaltsangabe für den Schwachsinn, den man zwischen Insta-Reel und LinkedIn-Recruitment ausschüttet. 

Uuuund Action!

Wer sich dem Bigbrothercontainer entzieht, ist potenziell verdächtig. Mit Smartglasses landen aber auch die nörglerischen Verweigerer im ewigen Feed. Ungewollt. Vielleicht als Hintergrundlückenfüller. Vielleicht als abschreckendes Beispiel (Schaut mal, der Typ, der raucht noch echte Zigaretten!). Die Show geht schließlich weiter. Aber die Partygäste sind nur noch die Darsteller in einem Endlosfilm, dessen Regisseur in Menlo Park sitzt und seine Smartglasses dabei nicht mal abnehmen muss.

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Dabei wollte das niemand. Nicht mal Mark Zuckerberg. Er baut natürlich nur aus Versehen Produkte, die das Leben mitschneiden. Und diese Leben findet nun mal auch vor der Afterhour statt. Der Rest findet man, bätsch: in den Altkulturspalten der Financial Times. Da liest man dann: Man trägt die Brille, weil sie cool ist. Weil sie aussieht wie Luxus. Weil sie unsichtbar macht, was sie sichtbar macht.

Währenddessen ist der Ray-Ban-Typ von vorhin eigentlich wir alle, aber niemand sagt: Game Over! Eher: Livestream Forever! Dabei fühlt sich beides gleich an. Leer. Irgendwie traurig. Also musst du dir jetzt dringend eine wirklich hässliche, gar nicht smarte Fielmannbrille mit Fensterscheiben kaufen. Als letzte Bastion gegen die totale Technodiktatur. Aber selbst das wäre wahrscheinlich nur ironischer Content für jemanden mit den neuesten Smartglasses. Oder ein Grund, heute leider nicht reinzukommen.

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