Intelligent Dance Music. Ein Begriff wie "anspruchsvolles Mineralwasser" oder "ehrliche Politik". Ungefähr so, als ob der Rest der Musikwelt – alles von Bach bis Britney – kollektiv die Sonderschule besucht hätte, während irgendwo in England ein paar Jungs mit blassen Gesichtern die Beschaffenheit von Hi-Hats analysierten.
Der Scharfsinn startet bei Warp Records. Dort erscheint 1992 "Artificial Intelligence". Eine Compilation mit Tracks von Männern, sie heißen Richard D. James oder Richie Hawtin oder einfach Autechre. Auf dem Cover ein Roboter, der im Sessel chillt und raucht. Die Botschaft: "Hört mal zu, ihr Junkies, Techno ist jetzt nicht mehr für den Dancefloor. Setzt euch hin, seid still und zieht einen durch!"
Dabei ist IDM im Grunde das Kind, das Stockhausen und Kraftwerk gezeugt haben, nachdem sie eine Nacht lang zu viel Absinth getrunken und hinterher einen Amiga-Rechner mit einem Vorschlaghammer bearbeitet haben. Es ist die Vertonung der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Und zwar genau an dem Punkt, an dem die Maschine anfängt, den Menschen auszulachen.
Bevor jetzt gleich die ersten Experten in den Kommentaren durchdrehen und wütend in ihre mechanischen Tastaturen hämmern: "Aber was ist mit den Sandalen-Göttern von Boards of Canada?!" Ja, wir wissen, dass da draußen noch tausend andere Alben sind, die man in einem Anfall von Vollständigkeitswahn erwähnen müsste. Wir haben nur Essentials rausgepickt, die ein bisschen wehtun, ein bisschen glänzen, jedenfalls zeigen, dass Intelligenz mehr sein kann als nur ein Preset aus dem Ableton-Baukasten.
The Future Sound of London – Dead Cities (1996)
Vergessen wir das sanfte Plätschern von fernen Planeten. "Dead Cities" ist der Moment, in dem die vorletzte Zukunft gegen die Wand fährt und wir gierig die Splitter auflecken. Weil, 1996: Britpop feiert sich in seiner eigenen Testosteron-Soße dumm und dusselig und FSOL hocken im Studio und bauen am perfekten Untergang. Es ist der Soundtrack zu einer Stadt, die nur noch aus Glas, Stahl und verzerrten Überwachungskameras besteht, bevor alles aus Glas, Stahl und verzerrten Überwachungskameras bestand. Man hört das und entwickelt eine tiefsitzende Paranoia, die primär jenen vorenthalten ist, die zu lange in dunklen Räumen auf Röhrenmonitore starren. Also, eigentlich: sowas wie Popkultur als Trümmerhaufen. Man will sich am liebsten einen Trenchcoat kaufen und durch den Regen laufen und so tun, als verstünde man die Matrix, so richtig!
Autechre – LP5 (1998)
Autechre zu hören ist kein Hobby, es ist eine Diagnose. Dabei ist "LP5" der Moment, in dem Rob Brown und Sean Booth beschlossen haben, dass Menschen als Zielgruppe viel zu anstrengend sind. Ja, ja, das hier ist Sound für Bitcoinminen und Serverfarmen. Es gibt zwar Melodien, aber eigentlich nur noch Zustände. Da faltet sich der Raum zusammen wie ein schlecht gebügeltes Hemd von Prada. Es ist die totale Verweigerung jeglicher Club-Kultur-Gefälligkeit. Während der Rest der Welt noch zu Fatboy Slim im Kreis tanzt, sitzen die Autechre-Ultras hinter blickdichten Moltonvorhängen, tragen Funktionskleidung von sündhaft teuren japanischen Marken und diskutieren darüber, ob der Reverb im dritten Track eine Allegorie auf den Spätkapitalismus ist. Wahrscheinlich fühlt man sich beim Hören deshalb wie ein Stück Software, das gerade merkt, dass es gelöscht wird. Satire? Nein, das ist heiliger Ernst in einer Welt, die vor lauter Emotionen gar nicht mehr merkt, wie sehr sie nur noch aus Einsen und Nullen besteht.

Jlin – Black Origami (2017)
Jlin kommt nicht aus der Berliner Berghain-Blase, sie kommt aus Gary, Indiana. Das ist circa da, wo Reporter hinfahren, wenn sie das echte Amerika senden wollen. Und genau so klingt "Black Origami". Wie CNN und Fox und alles, was sich in diesen mörderischen Wahnsinn reinzwängt. Und: Die sogenannte Revolution ist so präzise programmiert, dass man sich fragt, ob Jlin vielleicht eine KI aus der Zukunft ist, die uns unsere eigene Trägheit vorwerfen will. Jedenfalls herrscht hier totale Emanzipation von männlichen Zeitgenossen, die "Frickeln" als Standardvokabular verstehen. Vermutlich sollte man stattdessen eher was über Afrofuturismus sagen, aber das überlassen wir lieber jenen, die das auch können. Jedenfalls, "Black Origami" ist ein Album, das uns intelligent anschreit: Beweg dich, aber versuch bloß nicht, dabei cool auszusehen!
Kyoka – Is (Is Superpowered) (2014)
Wenn das Label Raster-Noton die Vatikanstadt des Minimalismus ist, dann ist Kyoka die rebellische Nonne, die heimlich die Weihrauch-Anlage hackt. Ihr Album "Is (Is Superpowered)" ist ein Parforceritt durch das, was passiert, wenn man japanische Präzision auf eine fast schon kindliche Zerstörungswut treffen lässt. Oder wie viel Chaos verträgt ein Loop, bevor er zur Waffe wird? Kyoka nimmt uns die Sicherheit des Taktes und ersetzt sie durch ein ständiges Stolpern, das so elegant inszeniert ist, dass man sich dabei wie ein Model auf einem Laufsteg aus zerbrochenem Glas fühlt. Es ist diese ganz spezielle Art von Eleganz, die entsteht, wenn man versucht, Stille zu zerschneiden. Also circa die Musik, die man spielt, um ungeliebte Gäste von der Vernissage zu vertreiben. Der ausgefilterte Bodensatz bleibt und entdeckt – eine Welt aus metallischem Funkeln und digitalen Texturen, die so physisch sind, dass man sie bestimmt fast anfassen möchte. Kyoka zeigt uns nämlich, dass IDM nicht mehr nach Stanley-Kubrick-Steifen (sic!) klingen muss, sondern nach der wunderbaren, kaputten Mechanik unseres eigenen, digitalen Alltags.
Mira Calix – One on One (2000)
Die Warp-Records-Bibel wird um die Jahrtausendwende in Programmiersprache geschrieben. Alles riecht nach Achselschweiß und der Hybris von Männern, die ihre Gefühle am besten in C++ verstecken. Dazwischen, plötzlich: Mira Calix. Sie lüftet durch, lässt die Natur rein. Unvorstellbar für jene, die davor in abgeschotteter Überforderung Schaltkreise studiert haben. Ja, "One on One" ist der Soundtrack für das ultimative Burnout im Botanischen Garten. Aber historisch ist es die notwendige Rettung eines Genres vor seiner eigenen emotionalen Verstopfung. Calix beweist, dass das Digitale nicht kalt sein muss, wenn man weiß, wie man ihm das Herz herausschneidet und es gegen ein Stück Moos ersetzt. Ein leises, verstörendes Meisterwerk. Und mitunter das einzige IDM-Album, das man hören kann, ohne sofort einen Informatik-Abschluss vortäuschen zu wollen.
Skee Mask – Compro (2018)
Da sitzen alle in ihren Berliner Altbau-Exilen, tragen Second-Hand-Cashmere aus Überzeugung und warten auf die nächste große Erleuchtung aus dem Darkroom. Und dann kommt ein Typ aus München. München! Die Stadt, in der Rebellion normalerweise darin besteht, die Socken zum Loafer mal wegzulassen. Und jetzt? Gluckert es und atmet, es nebelt uns ein in dieser Lederhosen-Melancholie, die so tut, als wäre sie wahnsinnig entspannt, während sie dir im Hintergrund unbemerkt die Festplatte formatiert. "Compro" von Skee Mask ist die ultimative Beleidigung für jeden, der glaubt, dass IDM in den Neunzigern gestorben ist. Und eine Offenbarung für jene, die zu ihrem MacBook immer noch Rechner sagen. Ein Meilenstein der Arroganz ist das. So brillant, dass man sich eigentlich entschuldigen möchte, dass man es überhaupt hören darf.
Bogdan Raczynski – Samurai Math Beats (1999)
Willkommen in der Gummizelle, wo die Wände aus pinkfarbenem Plüsch sind und die Wärter mit Hello-Kitty-Stickern werfen. Bogdan Raczynski ist der Hofnarr der IDM, der Typ, der die Party crasht, indem er erst mal den Server mit Cola übergießt. "Samurai Math Beats" ist der hyperaktive Spielplatz für alle, denen Aphex Twin noch zu wenig ADHS ist. Raczynski kombiniert jedenfalls debile Melodien mit Breakbeats, die so schnell und unberechenbar mutieren, dass man nach drei Tracks eine Überdosis von allem spürt. Das ist die totale Kapitulation vor der Vernunft. Der Moment, in dem IDM merkte, dass man auch im Labor hysterisch über sich selbst lachen darf. So auf die Art: Du willst komplexe Rhythmen? Hier hast du sie, serviert in einer Lunchbox mit Glitzer drauf! Das Ergebnis ist so anstrengend wie eine Horde Kleinkinder nach der Handypause, nur ohne die Aussicht auf Beruhigungsmittel.
Aphex Twin – Drukqs (2001)
2001 warten alle auf die Erlösung durch das Digitale, und dann kommt dieser irrlichternde Cornwall-Schrat mit dem Grinsen eines Serienmörders und knallt uns "Drukqs" vor den Latz. Ein einziges Massaker an Menschen, die Linearität lieben. Unterbrochen nur von einem präparierten Klavierstück, das klingt, als hätte Erik Satie zu viel Valium und gleichzeitig zu viel Speed genommen. Weil, natürlich: "Avril 14th". Zwei Minuten und fünf Sekunden pures, ungefiltertes Hochglanzmagazin. Ein Stück so zärtlich, dass es heute die offizielle Hymne jeder Social-Media-Charlotte ist, die "Selfcare" in die Caption schreibt. Es ist das Stück, das Kanye West sampeln musste, weil er die Schönheit sonst nicht ausgehalten hätte. Aber genau das ist der Zynismus: Dieses Lied ist nur der Köder. Wer wegen der schönen Melodie bleibt, lässt sich im nächsten Moment von "Vordhosbn" unter Datenmüll begraben. All das ist elitär und vollkommen größenwahnsinnig. So wie Schere-Stein-Papier-Spielen mit unseren Nervenenden.
Delia Derbyshire & The BBC Radiophonic Workshop – Inventions for Radio (1964/1965)
Während draußen die Beatles artig trällern, sitzt Delia in den fensterlosen Kellern der BBC und erschafft die erste, äh, Tanzmusik. Kein Laptop, kein MIDI, keine Plugins. Nur Oszillatoren, Magnetbänder und totale Hingabe an die mathematische Reinheit des Schalls. Ja, Delia Derbyshire hat gezeigt, dass man Musik am besten konstruiert. Wenn sie das Doctor-Who-Theme baut, ist das nicht nur Sci-Fi-Kitsch, es ist eine Warnung aus der Zukunft. Wer das hört, merkt, dass Richard D. James und Autechre und die ganzen Warp-Buben eigentlich nur verspätete Gäste auf einer Party waren. Delia ist der Code vor dem Code. Was danach kam: eigentlich nur noch Malen nach Zahlen mit billigerer Software. Ein historisches Monument aus Magnetband und der kühlen Erkenntnis, dass das Universum am Ende eben doch nur aus Schwingungen besteht. Und die ultimative Ehre für jede Liste, die sich ernst nimmt.