Der Künstler hatte noch nie Kopfschmerzen. Nehmen wir Enlly Blue. Die hat überhaupt noch nie irgendetwas gehabt. Kein Tinnitus, keine Schreibblockade, nicht mal eine GEMA-Abrechnung, die drei Monate zu spät kommt. Enlly Blue existiert, seit ein Mann namens Thong Viet eine Software öffnete und eine Fünfzigerjahre-Blues-Stimme bestellte, so wie man einen Kaffee bestellt. Mit Zucker, ohne Milch, bitte frei von jeder Kunst.
95,2 Millionen Streams später steht auf Enlly Blues Konto eine Zahl mit fünf Nullen: 380.800 Dollar – dank Streams auf Spotify. Kapwing hat das ausgerechnet, eine Videoschnitt-Firma aus San Francisco, die eigentlich Content-Marketing betreibt und nebenbei die Popkultur seziert wie ein Assistenzarzt, der zum ersten Mal ein Skalpell in der Hand hält.
Man könnte jetzt empört sein. Das wäre die naheliegende Reaktion, die auch Grammy-Gewinnerin Kehlani hatte. In einem inzwischen gelöschten TikTok-Video sagte sie sinngemäß: Niemand auf dieser Erde wird mir KI in der Kunst je rechtfertigen können – Leute haben dafür auf dem Boden geschlafen, sich Verletzungen zugezogen, ihr ganzes Leben investiert. Die Sache ist: Sie hat Recht, aber auch komplett verloren.
Piraten ahoi!
Zweites Beispiel, zweiter What-the-Fuck-Moment: BOI WHAT. Ein Emo-Typ, Eli Stroback, komponiert und spielt echten Metalcore mit Gitarren, Screams und so weiter. Danach lässt er darüber aber eine KI-generierte Spongebob-Figur singen. Ergebnis: 85,6 Millionen Streams, 342.400 Dollar Ausbeute. Nicht schlecht für einen Typen, der ein paar Riffs runterreißt und sie dann hinter einem gelben Schwamm versteckt, weil dieser Schwamm mehr Reichweite hat als das eigene Gesicht.
Natürlich könnte man sagen: Das ist Marketing, zumindest konsequent zu Ende gedacht. Warhol wusste das freilich schon. Nicht die Sache mit den fünfzehn Minuten, nein … Warhol wollte eine Maschine sein. Er wollte, dass seine Kunst wie am Fließband aussieht, weil er verstanden hatte, dass Authentizität im Pop nie das Produkt war, sondern immer nur die Verpackung des Produkts. Sein Studio hieß ja nicht zufällig Factory. Kunst ist Ware, die dem Betrachter, der Hörerin, dem Konsumenten die eigene Passivität als Genuss zurückverkauft.
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Zwischenrechnung für alle, die bis hier mitgezählt haben. Cherry Nightcore, eine pseudonyme Anime-Figur auf YouTube: 941 Millionen Aufrufe, geschätzte zwei Millionen Dollar Tantiemen für eine Person, die es im biografischen Sinn gar nicht gibt. Daneben: Masters of Prophecy, ein Suno-Projekt des Produzenten James Baker: 36,1 Millionen Follower, 652.375 Dollar allein über YouTube lukriert. Dazu ein Wachstum von unter 300 auf über 100.000 Abonnent:innen an einem einzigen Tag. Und zwar ohne neues Video, Shorts oder Kommentare. Journalisten nennen das "verdächtig", was höflich ist für: gekauft, oder zumindest inzestuös gepusht.
Das Publikum sucht nach einem Gefühl von Wahrheit, das sich billiger produzieren lässt als das Original.
Daneben wirkt Xania Monet fast handzahm. Es handelt sich dabei um eine KI-Musikerin, die von der US-amerikanischen Dichterin Telisha Jones geschaffen wurde. Jones schreibt ihre Texte angeblich selbst, füttert sie aber in eine Software, bestellt R’n’B und seelenvolle Stimme, bumm: Billboard Charts. Dazu: ein multimillionenschwerer Deal mit Hallwood Media. Nochmal: Die Dichterin ist real. Die Stimme, die alle lieben, ist es nicht. Genau an dieser Nahtstelle wird sichtbar, wonach das Publikum eigentlich sucht – nach einem Gefühl von Wahrheit, das sich billiger produzieren lässt als das Original.
No More Miserable Monday Mornings!
Der innere Weltuntergang meint: Wir haben aufgehört, Musik zu hören. Wir konsumieren sie als Geräusch mit Zweck. Fahrstuhl. Küche. Autobahn. Großraumbüro. Für diesen Zweck ist Enlly Blue nicht schlechter als eine echte Fünfzigerjahre-Sängerin. Im Gegenteil, sie ist zuverlässiger. Sie hat keine schlechten Tage. Sie klingt an einem späten Dienstag genauso wie an einem frühen Sonntag, weil für sie überhaupt kein Tag existiert.
Das Wort, das in jedem zweiten Feuilletonverbrechen zu diesem Thema fällt und trotzdem stimmt: Simulakrum. Eine Kopie ohne Original. Enlly Blues Fünfzigerjahre-Sound imitiert keine echte Fünfzigerjahre-Sängerin – die gab es zwar, aber Enlly Blue imitiert das kollektive, bereits durch hundert Filme und Werbespots verwaschene Gefühl von Retro-Sound. Sie kopiert eine Kopie. Das war schon bei Elvis nicht anders, nur brauchte es damals noch einen Hüftschwung, um die Leute zum Schwitzen zu bringen.
Man könnte einwenden: Aber die Streams! Die Zahlen! 2,3 Milliarden Streams, sechs Millionen Dollar. Größenordnungen, mit denen man einen Text aufmacht, weil sie sich gut anfühlen in der Überschrift. Nur: Die Kapwing-Studie selbst kommt auf andere, kleinteiligere Summen – Einzelakte zwischen 340.000 und knapp zwei Millionen Dollar, kein gebündelter Milliarden-Pott. Das ist fast das Interessantere an der Geschichte. Man muss die Zahlen nicht mal aufblasen. Schon die echten sind Anlass genug für Sodbrennen.
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Cherry Cherry Baby!
Bevor wir hier zum Schluss kommen, ein letztes Beispiel: The Velvet Sundown, eine KI-Retro-Band, die Rolling Stone zunächst für "offensichtlich fiktional" erklärte und dann trotzdem ein zweites Mal aufs Glatteis geführt wurde. Sie ist in 163 Playlists gelistet, hat 5,6 Millionen Follower. Dazu: 123.007 monatliche Hörer:innen, die weiterhin zuhören, auch nachdem alles aufgeflogen war. Nicht trotz des Betrugs. Natürlich wegen ihm. Der Skandal war schließlich der beste Marketing-Move, den eine nicht-existente Band je hingelegt hat.
All das zeigt uns: Pop war nie echt. Bohlen war nie echt. Die Pet Shop Boys haben das nie behauptet, Milli Vanilli haben es wenigstens ehrlich vergeigt. Die KI-Studie liefert nur den Beweis für das, was der Pop seit eigentlich immer verspricht und nun endlich einlöst: die perfekte Illusion, ohne die lästige Nebenwirkung, dass da noch ein Mensch mit Befindlichkeiten und einem Anspruch auf Tantiemen dranhängt.
Das ist, in der Sprache der Plattformen, die einzige Eigenschaft, die wirklich zählt: Verfügbarkeit ohne Reibung. Der kümmerliche Rest – eine Biografie oder gar Bandscheibenvorfall vom Bassrumschleppen – war für den Algorithmus schon immer nur Rauschen im Signal.