Wir alle kennen sie: Tracks, die Caprisonne in sich haben wie eine Konserve, die man jederzeit öffnen kann, im Hamsterradalltag zwischen zwei Bürostühlen.
Öffnet man sie, riecht es sofort danach. Nach dieser Nacht und diesem Moment. Ja, nach diesem After-Sun-Gefühl, das man nicht festhalten konnte und das die Musik trotzdem festgehalten hat. Zehn davon, zehn vollkommen subjektive Sommertracks, haben es hierher geschafft. Weil man manchmal laut sagen will: Genau das hier ist er, dieser Sommer!
Galcher Lustwerk – Parlay
New York schläft nie, das heißt: Es kommt immer noch was und dann wieder und so weiter. Das ist die Koordinate, auf die Galcher Lustwerk zielt. Mit seiner Stimme, in der gemurmelten, fast gelangweilten Sprachnachrichtentonlage über einem trägen House-Groove. Sicher kein Gesang, eher innerer Monolog, dem man zufällig beiwohnt. Ich habe diesen Track zum ersten Mal vor zehn Jahren gehört, im Auto, Fenster runter, auf der Autobahn nach Italien. Damals schon gedacht: Das ist es jetzt so ziemlich! Weil: "Parlay” ist in der Tropennacht im T-Shirt rumlaufen, ziellos, irgendwohin. Deshalb heißt Sommer bei diesem Track nicht Strand und Sonnencreme, Sommer heißt hier: Die Zeit läuft anders, das Licht hat eine andere Konsistenz. Und du bist irgendwann ganz woanders als da, wo du hingehört hättest.
Nadia Struiwigh — Circle The Sun
Die Niederländerin Nadia Struiwigh macht Musik, die sich anfühlt wie Nachdenken. "Circle The Sun” ist deshalb kein Track für den Floor, obwohl er dort wahrscheinlich funktioniert. Das hier ist eher für den Moment danach, für das Draußensitzen mit den Dagebliebenen und die dumme Idee, doch noch hineinzuhüpfen, in den Abgrund. Struiwigh arbeitet mit einem tollen, eigenen Synthesizer-Sonnensystem. Und, tja: Man umkreist hier tatsächlich etwas, kommt nah ran, entfernt sich wieder. Wer Menschen kennt, die sagen, elektronische Musik hätte keine Seele, zeigt ihnen "Circle The Sun”. Dann reden wir weiter. Im Schatten, bei drei Kugeln chemischem Sofort-Trost.
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St Germain – Rose Rouge
French House am Höhepunkt seiner Möglichkeiten! Ich habe diesen Track in verrauchten Wohnzimmern gehört, in verrauchten Bars, in verrauchten Lebensentscheidungen. Und er hat immer gepasst. Was gut ist, weil: Das ist das Kriterium. Musik, die immer passt, ist nämlich keine Tapetenmusik mit Anspruch für Menschen, die ihre Kinder Lumi nennen. Nein, "Rose Rouge” fällt auf, oder besser: will auffallen. Also hört man hin. Hört das alles zum fünfundzwanzigsten Mal. Aber: Fünfundzwanzig Jahre nach seiner Veröffentlichung ist dieser Track noch immer das, was kultivierte Leute zeitgenössisch nennen. Wahrscheinlich darf man auch unsterblich dazu sagen.
Laurent Garnier – The Man With The Red Face
Ich war nie dabei, wenn Garnier das live gespielt hat, aber ich kann mir die Menschen, die dabei waren vorstellen. Das heißt: Ich kenne ihren Gesichtsausdruck, ihre Gesichtsfarbe. So ein peinlicher Oje-das-sieht-aber-schlimm-aus-Sonnenstich. Der Sommer in diesem Track ist nämlich kein sanfter. Das ist Sommer nach zwei Sonnenaufgängen und vier Sonnenuntergängen, also dann, wenn die Erschöpfung kippt in etwas anderes, in Klarheit, in das Gefühl, genau hier zu sein und nie, nie wieder. Garnier hat seitdem viel gemacht und man muss sich wohl nicht allzu weit auf der Sonnenbank strecken, wenn man hinter vorgehaltenem Sonnenbrand sagt: Das bleibt sein Monument.
Folamour – Devoted To U
Endlich mal ein House-Track, der sich nicht schämt für seine Gefühle. Dabei sind wir hier eigentlich im Parade-Schäm-Genre unterwegs, dort also, wo man Sonnenbrillen-Coolness mit Oberarm-Distanz verwechselt. Na ja, Gefühle eben. Ist ja schön draußen und Samstagnachmittag und irgendwann setzen die Vocals ein und das ist dann das bessere Leben. Wie heute Nachmittag. Wie dieses konkrete Heute, in dem man gerade rumsitzt und etwas Undefinierbares fühlt, das vielleicht Glück ist, vielleicht auch nur die Summe aller Badehosen. Jedenfalls: Folamour macht Club-Musik für Menschen, die auch Sonntagnachmittage mögen. Toll: "Devoted To U” funktioniert sogar am Montagnachmittag. Tracks, die das schaffen, haben etwas verstanden, das die meisten anderen nicht mal versuchen.
Roman Flügel – Garden Party
Weil Sommer-am-Pool als Versprechen oft kitschig endet, hier: eine Einladung zur Gartenparty. Nicht im Berghain-Keller, nicht in der Reithalle, nicht in irgendeinem repurposed Industriebau mit Türpolitik. Einfach im Garten. Als Party, Tageslicht vermutlich, vielleicht Pappteller. Flügel meint das zum Glück nicht ironisch. "Garden Party” ist echter House, warm, offen, Beatportmenschen sagen sicherlich soulful dazu. Was ja auch nur meint: House mit einer Trampolin-Bassline, die auf dem Floor rumhüpft und gute Laune verbreitet. Das geht übrigens nur, weil Flügel in seiner Karriere fast alles gemacht hat. Genau das hört man "Garden Party” an, dass das jemand ist, der sich nichts mehr scheißt. Die Entspanntheit ist das Produkt. Und: Sommer in diesem Track ist also nicht Robinson-Crusoe-Mitmach-Urlaub. Das ist der Sommer in Omas Garten, der sich plötzlich anfühlt wie genug. Wie mehr als genug.
Solomun – Kackvogel
Der Titel ist das halbe Konzept. Man sagt es, und es klingt schon wie 2012. Weil das lange her ist, mögen sich manche wieder erinnern. Solomun jedenfalls, der hat damals solche Musik gemacht, was man kaum glauben kann. Aber glauben muss. Trotz der 38 Grad im Schlagschatten des Pacha-Sommers.
Bella Boo – 8ball
Alle wollen den Sommer fotografieren, aber eigentlich lässt sich der Sommer nicht fotografieren. Man versucht es trotzdem, immer, und das Foto zeigt dann Licht und Wasser und Menschen und vielleicht einen Tisch mit Gläsern drauf. Überambitionierte versuchen es gar in Schwarz-Weiß. Aber es zeigt nie das, worum es geht. Sara Carlsson, Stockholm, Bella Boo, probiert es mit nordischer Kühle. Und einem Gleiten, wenn die Hitze nachgibt und das Licht orange wird und alle gleichzeitig merken, dass das ein sehr guter Tag gewesen sein wird.
Lndrcroy – I Met You On BC Ferries
Der Titel ist eine Geschichte, und die Geschichte ist alles. BC Ferries, das sind die Fähren in British Columbia, Kanada, Pazifikküste. Dort, wo es echte Fjorde gibt und einen spezifischen Nordamerika-Sommer, der nicht nach Langnese und abgelaufener Sonnenmilch riecht, der eher weit ist und leise. Lndrcroy macht damit, hmmm, Ambient-House, der wie ein Ort klingt, nicht wie ein Gefühl. Oder vielleicht ist der Ort das Gefühl. Man fährt Fähre, man begegnet jemandem, und danach ist der Sommer anders. Das ist die Romantik dieses Tracks. Ja, eigentlich von allem.
Peggy Gou – It Makes You Forget (Itgehane)
"It Makes You Forget” ist das Versprechen der Discokugel: dass man hier und jetzt alles verliert. Identität, Herkunft, vielleicht sogar sein Haus. Peggy Gou vollführt diesen Zaubertrick mit einer simplen Synthesizer-Hook. Und zwar einer von denen, die man einmal gehört hat und nicht wieder loswird. Nicht im schlechten Sinne. Im Sinne von: der Sommer in einem Track, ein Gefühl in vier Takten. Im Juli vergisst man ja auch, dass in zwei Monaten der Herbst kommt. Daher: Diesen Track auflegen ist eine Entscheidung gegen das Später.