BPM-Business: Das große Flattern im Hard-Techno-Backstage

BPM-Business: Das große Flattern im Hard-Techno-Backstage

Features. 3. März 2026 | 0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Man dachte, bei Hard-Techno ginge es um die totale Entgrenzung, das Wegballern der Realität durch tätowierte McFit-Körper. Aber jetzt, wo die Gewaltvorwürfe gegen Shlømo, CARV und andere DJs durch die Timelines peitschen, merkt man: Die einzige Entgrenzung, die hier stattfand, war offenbar die der Anständigkeit.

Ein Instagram-Account namens "bradnolimit" – der Name klingt nach einer Resterampe für getunte Kleinwagen – hat ausgereicht, um das Tribunal der Hard-Techno-Szene auszulösen. Hinter dem Account steckt ein ehemaliger Manager. Einer, der nun Screenshots teilt. Fragmente von Chats. Sätze, die Machtmissbrauch offenlegen und sexualisierte Gewalt sichtbar machen. Und: Was zum Vorschein kommt, ist eher nicht der "Safe Space", von dem alle immer so wahnsinnig gerne faseln, wenn sie ihre Awareness-Konzepte in Kurrentschrift auf die Website klatschen.

Der Algorithmus mag keine Vergewaltigungsvorwürfe

Das Problem sind: junge Männer, schnelles Geld, viel Testosteron und eine Entourage, die wegschaut, solange die Booking-Gebühren fließen. CARV, Odymel, Shlømo. Namen wie aus einem dystopischen Comicroman. Jetzt stehen sie da und müssen lange Sätze formulieren. Beziehungsweise: Ihre Anwälte formulieren, was sie bei Instagram posten. Vorzugsweise weiße Schrift auf schwarzem Grund, das sieht nach Reue aus, oder zumindest nach: "Ich bin gerade in einer Krise, bitte bucht mich nächstes Jahr trotzdem wieder."

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Und die sogenannte Szene? Die Booker und PR-Agenturen? Die großen Raves? Wollen sich natürlich distanzieren. Der Arena Rave in Dortmund, das Open Beatz, der World Club Dome. Man liest Statements, die klingen, als hätten sie eine KI mit dem Wortschatz einer Haftpflichtversicherung gefüttert. "Die Sicherheit, das Vertrauen und das Wohlergehen unserer Besucher und Community haben für uns weiter höchste Priorität." 

Das ist der Standardsatz, den man sich tätowieren lassen darf. Gleich neben das "Peace, Love, Unity, Respect"-Logo. Man sei nämlich "nicht in der Lage, die Vorwürfe zu beurteilen", aber man nimmt sie trotzdem raus, die DJs. Warum? Weil die Sponsoren nervös werden. Weil der Algorithmus keine Vergewaltigungsvorwürfe mag. Weil man "eine ruhige und sichere Durchführung" will. Ruhig? Bei Hard-Techno? Das ist der Witz des Jahres. Man will keine Moral, nur Schadensbegrenzung.

Deny! Deny! Deny!

Und dann die, na ja … Künstler. Ihre Statements sind moderne Meisterwerke der defensiven Prosa. CARV gibt "Untreue" zu und räumt "explizite Chats" ein. Odymel spricht von einer "einvernehmlichen Beziehung" und einer "Untersuchung". Shlomo wählt den Krisenkommunikationsklassiker: "Verleumdung".

Da wie dort herrscht rührender Rückzug ins Private, während die Vorwürfe nach System klingen. Man kündigt dann eine "Pause" an. Als wäre sexualisierte Gewalt eine Art Burnout, den man mit drei Wochen Yoga auf Bali und einer Saftkur rauswaschen kann. Langsam sickert aber durch, dass die Party vorbei ist. Nicht, weil der Krach aufgehört hat – der läuft ja auf Spotify munter weiter, die Klicks generieren immer noch Bruchteile von Cent – sondern weil der Vibe vergiftet ist. Und im Hard-Techno ist der Vibe alles. Wenn der Vibe weg ist, bleibt nur noch stumpfer Lärm.

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Trotzdem: Diesmal fühlt es sich anders an, weil es Hard-Techno trifft. Das war ja mal der kleine, dreckige Bruder des Mainstreams. Jetzt ist der Bruder groß geworden, verdient Millionen und hat sich ein paar sehr hässliche Angewohnheiten angeeignet. Die sogenannte Szene ist keine Nische mehr, sie ist eine Industrie. Und Industrien hassen nichts mehr als unkontrollierte Variablen. "bradnolimit" ist so eine Variable. Ein Instagram-Account als Abrissbirnenbewegung.

Ist das Krach oder kann das weg?

Was bleibt? Ein paar gelöschte Line-ups. Ein paar Acts, die jetzt "reflektieren". Und eine Community, die sich fragen muss, ob man zu einer Musik abgehen will, die von Leuten aufgelegt wurde, die Macht mit Übergriff verwechseln. Deshalb herrscht jetzt erstmal Katerstimmung. Ohne die Drogen. Übrig bleibt: Nur der trockene Mund, das Klirren im Ohr und die Erkenntnis, dass "Awareness" nur ein Aufkleber an der Garderobe war.

Stünden hinter all den Screenshots und dem Social-Media-Schwachsinn nicht echte Opfer, man möchte fast lachen über die Ironie: Die Musik ist so schnell, dass man kaum atmen kann, aber die moralische Entwicklung der Protagonisten scheint irgendwo im Pleistozän stehengeblieben zu sein. 170 Sachen in der Minute. Aber im Kopf? Stillstand. Absolute Windstille.

Schließlich werden es die PR-Agenturen schon richten. In ein paar Wochen formieren sich neue Awareness-Teams. Man wird noch mehr Schilder laminieren. Die Backstage-Räume heller beleuchten. Aber der Beigeschmack im bpm-Business bleibt. Er klebt fest wie ausgespuckte Kaugummis auf dem Clubboden. Man kriegt ihn nicht weg. Nicht mit Sagrotan, nicht mit Statements und erst recht nicht mit einer "vorübergehenden Pause".

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