Boards of Canada sind wieder da. Endlich, sagen alle. Sogar die, die gar keine elektronische Musikmehr hören, weil ihnen das alles zu sehr nach Hantelbanktrauma oder Arbeitsplatzoptimierung klingt. Das Comeback ist jedenfalls das Beste, was aktuell passieren konnte. Schließlich erinnern wir uns an früher.
Da ist zuerst nur dieser Track. Ja, so klingen Boards of Canada. Ein Leiern, das uns vorgaukelt, wir hätten eine Kindheit gehabt, in der wir in Sepia-Farben über sattgrüne Felder gelaufen sind, was natürlich eine Lüge ist. Wir saßen in Fensdorf oder Kirchberg vor dem Fernseherund haben uns fadisiert. Aber BoC verkaufen uns diese falsche Erinnerung so präzise, dass man nochmal bei Mark Fisher reinblättert. Um dann den Song mit einem schönen Zitat an drei Leute zu schicken, von denen man will, dass sie wissen, wie alt man wirklich ist.

Qualität, aber wo?
Es ist doch so: Wir feiern die Rückkehr von BoC als Triumph der Authentizität, obwohl das Ganze die künstlichste Konstruktion der Musikgeschichte ist. Ein bisschen wie die perfekte Simulation von Nostalgie. Oder das Musikäquivalent zu diesen Filtern, die man über seine Videos legt, damit sie aussehen wie Super-8-Aufnahmen von 1974.
Wenn das irgendjemand anderes macht, klingt es nach nach der Grundierung, die diesogenannte Gegenwart verstopft. Wenn BoC es machen, ist es eine philosophische Setzung, die Verweigerung von Fortschritt als Fortschritt getarnt. Natürlich plakatieren sie dazu komische Poster. Erklären nichts. Sind einfach wieder da. Und da fließt bei allen Beteiligten – also bei den Ü30ern mit den zu teuren Kopfhörern und den Jüngeren, die so tun, als hätten sie die Neunziger verstanden – die Spucke aus den Mundwinkeln.
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Das Comeback von BoC ist das Comeback der Qualität durch Abwesenheit. Wir brauchen sie, weil sie uns beweisen, dass ein alter Leierkasten mehr über den Zustand unserer Welt aussagt als jeder glattpolierte Hit, der uns einreden will, dass alles super ist, solange esordentlich ballert. Aber: Nichts ist super. Nur: Mit diesem neuen Track ist es zumindest wieder schön, dass es nicht super ist.
Sudoku für alle
Und das Beste: Kaum ist der Track draußen, jagen ihn die Hobby-Kryptologen durch Spektrogramme, als wäre es eine Enigma-Botschaft aus dem Jahr 1944. Man liest das dann in der Clubkulturkommentarspalte aka Reddit. Weil: Wenn man das rückwärts abspielt und die Frequenz um 66,6 Prozent senkt, hört man die Quersumme der Koordinaten einer verlassenen Radarstation in den schottischen Highlands, oder?
Wir brauchen diese Zahlenmystik, dieses ganze Gerede von Primzahlen oder Hexagonen und den verblichenen Stimmen aus alten Dokumentarfilmen. Wir brauchen das, weil wir eine Heidenangst vor der Belanglosigkeit haben. Dazu kommt: Eigentlich wollen wir keine Welt, in der uns ein langhaariger Philosophiekatalog bei Lanz die Welt erklärt. BoC geben uns das Rätsel zurück. Oder zumindest: den Luxus, nicht alles wissen zu dürfen.
Früher gab es die Braindance"-Phase, da saßen alle da und haben versucht, so kompliziert dreinzuschauen, wie die Musik klang. BoC sind dagegen nicht kompliziert. Waren sie nie. Die Melodien sind so simpel wie ein jahrhundertealtes Kinderlied. Aber weil da diese spezielle Staubschicht drüberliegt, weil es irgendwie nach Turnsaal und verwaisten Spielplätzen im November klingt, trauen wir uns nicht zu sagen: "Mensch, das ist ja eigentlich ein ganz einfaches Lied." Nein, wir lesen lieber: "Das ist eine dekonstruierte Reflexion über die Entropie des späten Kapitalismus."
Schnipp, schnapp, Fransen ab
Dass sie wieder da sind, rettet die elektronische Musik trotzdem vor ihrer eigenen Funktionalität. Sie war ja in den letzten Jahren entweder eine Begleiterscheinung für assistierten Drogenkonsum in Betonhallen oder ein Hintergrund fürs Homeoffice. BoC ist dagegen Musik, bei der man nichts anderes machen kann. Man kann dabei nicht arbeiten. Man kann dabei nicht tanzen. Man darf nur dasitzen und dabei zuhören, wie die eigene Vergangenheit vor dem inneren Auge langsam oxidiert.
Dass BoC zurück sind, ist das ultimative Korrektiv. Und so etwas wie der Beweis, dass das Mysterium überlebt hat. In einer Welt, in der wir alles über jeden wissen müssen, ist die Existenz einer Band, die sich weigert, Teil dieser großen Untransparenz-Show zu sein, das radikalste politische Statement, das man im Fransenteppich der Popkultur noch abgeben kann.
Klar, ihr Comeback mag kurz Euphorie auslösen, dann in Pathos übergehen, bis sie irgendwann ins Feuilleton kotzen. Am Ende ist es aber nur ein erleichtertes Aufatmen. Die Welt ist immer noch ein seltsamer Ort. Doch: Jetzt hat sie wenigstens wieder den passenden Soundtrack.