Der Überlebenskampf gegen Hotels und Investoren setzt ungeahnte Kräfte frei. Nun dürften die Betreiber des Berliner Clubs Humboldthain einen millionenschweren Skandal aufgedeckt haben, der weit über die Clubszene hinausreicht.
Der Humboldthain Club in Berlin-Wedding, seit 13 Jahren direkt am S-Bahnhof Gesundbrunnen betrieben, steht durch ein geplantes Hotelprojekt eines Luxemburger Investors unter Existenzdruck. Im Zuge ihrer Recherchen stießen die Clubbetreiber auf einen Grundstückstausch, der dem Investor möglicherweise einen wirtschaftlichen Vorteil von rund 1,2 Millionen Euro verschafft hat. Und zwar ohne erkennbare Gegenleistung an das Land Berlin.
Konkret geht es um einen Flächentausch aus dem Jahr 2021. Der Investor, das Luxemburger Unternehmen GLD Projekt 2 Sàrl, trat damals eine 191 Quadratmeter große Teilfläche seines Baugrundstücks an die Stadt ab und erhielt im Gegenzug eine gleich große Fläche an anderer Stelle. Doch: Durch den Zuschnitt wurde das Baugrundstück begradigt und zur Straße hin erheblich verbreitert, was die bauliche Nutzbarkeit deutlich steigerte. Ein geplantes Hotel mit bis zu 120 Zimmern, das ohne den Tausch womöglich nicht realisierbar gewesen wäre, soll nun rund 150 Meter vom Club entfernt entstehen.

Kein Geld, niemand zuständig
Das Grünflächenamt hat nach Angaben des Clubs bestätigt, dass im Rahmen des Tauschs keine Zahlungen geflossen sind. Abgesegnet wurde der Vorgang von der damals zuständigen Bezirksabgeordneten Sabine Weißler (Grüne), die inzwischen im Ruhestand ist. Das Bezirksamt selbst zweifelt die im Gutachten genannte Summe zwar an, hat jedoch bislang keine eigene Gegendarstellung mit Zahlen vorgelegt.
Für den Humboldthain Club ist die Lage doppelt brisant. Nicht nur droht das Hotel als direkter Nachbar zum Lärmschutzproblem zu werden, das dem Club die Betriebsgenehmigung kosten könnte. Die Bezirksverwaltung verweigert auch die Auskunft darüber, welche konkreten Schallschutzauflagen dem Hotelbauherrn auferlegt werden sollen. Ohne diese Information kann Betreiber Ludwig Eben seinen Mietvertrag nicht sinnvoll verlängern – und ohne Verlängerung droht dem Club das Ende nach 2028.
Politisch hat die Angelegenheit inzwischen erhebliche Wellen geschlagen. Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin-Mitte hatte bereits im März einstimmig einen Beschluss zum Schutz des Clubs gefasst. Bauprojekte in der Umgebung sollen seitdem auf ihre Auswirkungen auf den Kulturbetrieb geprüft werden. Doch das Bauamt ließ sich dadurch nicht aufhalten. Der Bauvorbescheid für das Hotel wurde positiv beschieden.
Wahlkampf trifft Bodenpolitik
Bei der jüngsten BVV-Sitzung scheiterte ein von der CDU eingebrachter Dringlichkeitsantrag zur Aufklärung des Grundstückstauschs knapp. 35 Verordnete stimmten dafür, sechs dagegen – für die erforderliche Zweidrittelmehrheit hätten es 37 sein müssen. Die fehlenden Stimmen kamen aus der SPD, der Partei des zuständigen Baustadtrats Ephraim Gothe. Der Club wertet das als weiteres Indiz dafür, dass der Vorgang nicht transparent aufgeklärt werden soll.
Für die Berliner Stadtpolitik kommt der Fall jedenfalls zu einem heiklen Zeitpunkt. Im September stehen Wahlen an. Was als lokaler Lärmkonflikt begann, ist mittlerweile eine Debatte über Bodenpolitik, den Umgang mit öffentlichem Vermögen und die Glaubwürdigkeit des viel beschworenen Schutzes der Berliner Clubkultur. Die CDU-Bezirksverordnete Daniela Fritz brachte es auf den Punkt. "Wenn dem Bezirk tatsächlich 1,2 Millionen Euro entgangen sind, wäre das angesichts der angespannten Haushaltslage ein Skandal."