7 Clubs, die heute Luxus-Lofts sind – eine Bestandsaufnahme des Clubsterbens
Wir sagen Clubsterben. Aber eigentlich nehmen uns die sogenannten Investoren den Techno weg. Sie wischen einmal feucht drüber, streichen die Wände "Eggshell-White" und nennen das Ganze dann "Urban Living Experience". Wo früher die Pupillen so groß waren wie Untertassen, stehen dann Designer-Espressomaschinen. Und alles ist zehn Mal so teuer.
Von München bis Berlin, vom Kiez bis an die Spree: Wir blicken auf sieben Club-Orte, wo man Schall und Rausch längst gegen Rendite und Eigentümerversammlungsprotokolle getauscht hat.
Die Registratur (München – Blumenstraße)
München, natürlich. Wo sonst würde man die Kapitulation der Subkultur vor dem Sichtbeton-Lifestylismus schöner zelebrieren? Die Registratur in der Blumenstraße war ja eigentlich schon dem Namen nach eine Behörde. Ein ehemaliges Stadtwerke-Gebäude, in dem man die bayerische Beamtenmuffigkeit gegen eine Hochfrequenz-Euphorie-Verwaltung eingetauscht hatte. Es war eng und dunkel und einer dieser seltenen Orte in München, an dem man nicht sofort schief angeschaut wurde, wenn man keine gebügelte Chino trug.
Wenn man heute an der Blumenstraße 28 vorbeiläuft, riecht es nicht mehr nach abgestandenem Bier und dem milchigen Dunst der Jugend, sondern nach teurem Putzmittel und der Arroganz von Leuten, die "Networking" für ein Hobby halten. Die einstige Registratur wurde abgewickelt, archiviert und in renditestarke Quadratmeter zerhäckselt. Wo früher Plattenteller rotierten, drehen sich heute höchstens noch die Blicke der Bewohner, wenn sie prüfen, ob der Biomüll auch wirklich korrekt getrennt wurde. Tja. München, natürlich.
Knaack-Klub (Berlin – Prenzlauer Berg)
Der Knaack-Klub war ein, wie sagt man: Ost-Berliner Urgestein, das die Wende nicht nur überlebt, sondern mit einer Mischung aus schmuddliger Udo-Lindenberg-Attitüde und willensstarker Rio-Reiser-Militanz umarmt hatte. Und dann passierte das, was man heute die "Prenzlauer-Berg-Parallaxe" nennen sollte: Menschen ziehen in ein Viertel, weil es dort so "schön lebendig" und "authentisch" ist, nur um dann alles zu verklagen, was Geräusche macht, die lauter sind als das Umrühren eines laktosefreien Latte Macchiatos.
Es war ein bizarrer juristischer Vernichtungsfeldzug. Die neuen Nachbarn – diese Lärmschutz-Taliban in ihren sanierten Altbaufestungen – hatten das Knaack im Visier. Die Tragik war von einer fast schon komischen Qualität: Man kaufte sich ein Luxus-Loft neben einem Club, der seit 1952 existierte, und stellte dann fest: "Huch, da läuft ja Musik!" Das ist so, als würde man neben den Frankfurter Flughafen ziehen und sich über Flugzeuge beschweren.
2010 war Schluss. Die Lärmwert-Diktatur hatte gesiegt. Heute ist das Areal in der Greifswalder Straße ein Wohnprojekt, bei dem das Wort "Projekt" als Drohung zu verstehen ist. Wo früher Rammstein oder Die Ärzte auftraten, herrscht jetzt die Friedhofsruhe der Arrivierten. Es ist ein Mahnmal der Intoleranz; ein Ort, an dem die Stille nach dem endgültigen Sieg der Eigentümerversammlung über die Euphorie klingt.
Bar 25 (Berlin – Holzmarktstraße)
Die Bar 25 war ein hölzernes Neverland am Spreeufer. Man ging am Freitag rein und kam am Montag – oder Mittwoch – wieder raus, mit Konfetti in der Unterwäsche und einer völlig neuen Definition von Zeitmanagement. Es war das Epizentrum der Hedonismus-Autarkie. Und natürlich: Sobald etwas so viel Spaß macht, kommen die Männer in den grauen Anzügen mit den großen Plänen.
Das Gelände wurde zum Schlachtfeld des "Mediaspree"-Widerstands. Die Bar 25 ist zwar irgendwie als "Holzmarkt" wiedergeboren worden – eine Art subkulturelles Freilichtmuseum mit Streichelzoo-Vibe –, aber der Geist der totalen, uferlosen Anarchie wurde längst von der Immobilienlogik filetiert. In der direkten Nachbarschaft ragen jetzt diese glasig-kalten Bürotürme und Luxus-Residenzen in den Himmel, die so aussehen, als hätten sie Angst vor allem.
Da, wo früher Menschen barfuß im Schlamm zu Minimal-Techno tanzten, sitzen heute wahrscheinlich Leute vor Doppelglasfenstern und schauen auf ihre Aktien-Apps. Die Bar 25 wurde wegoptimiert und in eine Form von Lifestyle-Kitsch gegossen, der zwar noch nach Freiheit aussieht, aber streng nach Hausordnung funktioniert.
Molotow & Esso-Häuser (Hamburg – Reeperbahn)
In Hamburg-St. Pauli ist die Sache noch eine Spur brutaler, weil hier die Architektur des Alltags direkt mit der Musikgeschichte kollidierte. Die Esso-Häuser waren die Beton-Visitenkarte des Kiez. Mittendrin: das Molotow. Ein Kellerclub für die Bands, die morgen groß sein würden; für Leute, die heute schon zu viel gesoffen hatten.
Dann kamen die Risse. Nicht im Weltbild, sondern im Beton. Die Investoren (die "Bayerische Hausbau", natürlich wieder Bayern) ließen das Ganze so kontrolliert verfallen, bis die Abrissbirne als Rettung verkauft werden konnte. 2013: Räumung. Ende. Heute klafft da eine Wunde, die mit einem "Quartier" gefüllt wird, das so tut, als sei es ein St.-Pauli-T-Shirt, aber eigentlich nur die Kaufkraft-Maximierung im Schmuddel-Look ist.
Das Molotow musste wandern, exiliert wie ein unliebsamer Verwandter. Die neuen Lofts und Gewerbeflächen, die dort entstehen, sind die High-End-Simulation eines Viertels, das sie selbst zerstört haben. Man verkauft den Leuten jetzt die "Nähe zum Kiez", während man das Herz des Kiez’ gerade im Schredder entsorgt hat. Es ist eine identitätspolitische Geisterfahrt auf dem Kiez-Boulevard.
Cookies (Berlin – Friedrichstraße)
Wer hier rein wollte, musste durch den Lieferanteneingang des Westin Grand Hotels – eine Inszenierung, die so wunderbar prätentiös war, dass man sich schon beim Betreten wie ein Staatsfeind im Smoking fühlte. Drinnen: Kronleuchter und Menschen, die Kunst sagten und exklusiv meinten: "Das ist unser Studio 54."
Heute ist die Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden das Bermuda-Dreieck aus High-End-Gastronomie, Touristenslalom und Büros, die so teuer sind, dass man schon für das Atmen der dortigen Luft eine Bonitätsprüfung braucht. Die Friedrichstraße ist zu einer begehbaren Excel-Tabelle erstarrt. Nirgends mehr Krümel auf dem Boden, nur noch polierter Marmor und die gähnende Leere von Gewerbeeinheiten, die so viel Seele haben wie ein eingeschlafener Fuß. Ja, mit dem Cookies verschwand auch der letzte Rest von Ironie in Mitte.
KW – Das Heizkraftwerk (München – Kunstpark Ost)
Der Kunstpark Ost war das Disneyland der Depravierten. Und das KW – das Heizkraftwerk war das Zentrum dieses Wahnsinns. Eine – na ja, wie sagen Kulturredaktionen, wenn sie ein anderes Wort fürs Berghain suchen – Industrie-Kathedrale. Quasi die Münchner Antwort auf Detroit, nur mit weniger Adrenalin und mehr Zukunftsaussichten. Man tanzte in den Ruinen, während draußen der bayerische Ordnungsstaat kurz die Luft anhielt.
Heute heißt das Areal "Werksviertel-Mitte", und es ist das Musterbeispiel für subkulturelles Taxidermie-Management. Man hat die Hüllen stehen gelassen, aber das Innere mit Lofts, Start-up-Inkubatoren und einem Riesenrad ausgestopft. Es ist eine Erlebnis-Attrappe für Menschen, die Sneaker zum Sakko tragen und "Synergieeffekte" sagen, ohne rot zu werden. Alles ist sehr bunt, sehr kreativ, sehr "urban", aber es brennt kein Feuer mehr. Nur noch die LED-Lampen der Co-Working-Spaces leuchten bis in die Nacht. Ein Energiewende-Desaster der menschlichen Art.
Hard Wax (Berlin – Spreeufer)
Erwischt! Das Hard Wax war natürlich nie ein Club, sondern seit eigentlich immer eine Plattenladen-Institution in einem Hinterhof am Paul-Lincke-Ufer, die so einflussreich war, dass sie das Wetter in Detroit beeinflussen konnte. Ein Ort der asketischen Coolness. Wer dort die vollgestickerten Stiegen hochstieg und nicht genau wusste, welche Basic-Channel-Pressung man suchte, wurde vom Personal mit einem Blick bestraft, der kälter war als ein Berliner Wintermorgen.
Über drei Jahrzehnte lang war dieser Ort der immunologische Schutzschild gegen den Kotti-Kitsch und die Gentrifizierung des Ufers. Doch am Ende musste der Laden doch ziehen – um ein Loch zu hinterlassen, das man sicher schon mit Luxus-Büros für App-Entwickler zugestopft hat, die "Techno" für eine Playlist bei Spotify halten.
Wenn selbst das Hard Wax gehen muss, ist in Berlin endgültig Feierabend mit dem Bestandsschutz. Aber so ist das in einer Stadt, die ihre eigenen Denkmäler wie Sperrmüll auf die Straße stellt, sobald ein Investor die nächste Betonphantasie anmeldet.
0 Kommentare zu "7 Clubs, die heute Luxus-Lofts sind – eine Bestandsaufnahme des Clubsterbens"