Papa hat euch gar nicht lieb: Wie Marlon Hoffstadt das Coachella-Trauma in Plastikscheisse gießt
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Papa hat euch gar nicht lieb: Wie Marlon Hoffstadt das Coachella-Trauma in Plastikscheisse gießt

Features. 19. August 2026 | 4,8 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Gleich

Erinnern wir uns noch an das Jahr 2020? Wir klatschten in Jogginghosen auf dem Balkon, tranken Naturwein aus unglasierten Tontassen und warteten auf den Apokalypsengong. Es war die Epoche, in der clubkulturelle Intim-Melancholie noch eine Berechtigung hatte. Dann kam Marlon Hoffstadts "Planet Love". Das war (man muss es heute mit romantisch verklärter Wehmut einräumen) wirklich gute Musik. Der Sound roch nach feuchter Kellerluft, verschüttetem Club-Mate-Vodka und echter Euphorie. Und irgendwie war das alles wie ein zerknitterter Liebesbrief, den man nach 20 Jahren noch mal gelesen hat.

Doch dann passierte das, was immer passiert, wenn der Spätkapitalismus Witterung aufnimmt: Die Sehnsucht wurde marktfähig. Egal wohin wir heute schauen, irgendwo weint heute immer jemand im Oversized-Hoodie vor 80.000 Menschen. Wenn man im Jahr 2026 Reichweite will, genügt es nicht mehr, einen tighten Loop zu basteln. Nein, man braucht eine saublöde Stimme, die übers Wlan-Passwort oder den Verlust der emotionalen Verfügbarkeit wimmert, während im Hintergrund ein Marketing-Manager bei Universal die Conversion-Rates für TikTok analysiert.

Marlon Hoffstadt hat dieses Prinzip verstanden. Er hat den Zwölftes-Semester-Geisteswissenschaften-Look gegen Haribo-Haarfarbe getauscht, dem undergroundigen Dahinsiechen Adieu gesagt und den Major-Deal unterschrieben. Capitol Records, Goodlife Management, das volle Programm. Der Junge aus Berlin ist jetzt globaler, hust, Brand-Ambassador für hochfrequenten Kitsch. Wer will schon Realkeeper sein, wenn man Major-Budget und einen prall gefüllten Merchandise-Shop haben kann?

Hit me Daddy one more time

Das vorläufige Manifest dieser Transformation flimmerte kürzlich über die gigantischen LED-Wände der Sahara Stage beim Coachella Festival. Dort, wo Tech-Bros mit Hafer-Latte-Macchiato im Becher und Influencerinnen im Häkel-Bikini so tun, als würden sie den Absprung aus der Leistungsgesellschaft feiern, prangte der hemdsärmelige Slogan: Das ist Daddy.

Nun liegt sie also vor uns, die dazugehörige Platte. Acht Tracks, die sich anfühlen wie ein dreißigminütiger Werbespot für ein Energydrink-Surrogat, das nach künstlicher Überforderung schmeckt. Ja, "Das ist Daddy" ist wirklich das musikalische Äquivalent zu einem Bällebad auf einer AIDA-Kreuzfahrt. Hoffstadt bedient sich mit der Präzision eines besoffenen Chirurgen am musikalischen Buffet der Technokultur, filtert aber alles heraus, was jemals Haltung oder Widerstand bedeutet haben könnte. 

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Im Opener "Party People" sampelt er Marshall Jeffersons legendären House-Klassiker "Move Your Body" und verquirlt ihn mit "Hokey Pokey II". Ergebnis: die perfekte Begleitmusik für eine Corporate-Teambuilding-Maßnahme in den Calabasas-Hills.

Die Vocals – unter anderem mit Rose Gray ("My Darlin") oder Niko Rubio ("On My Mind") – schmiegen sich so glattgebügelt an die Synths, dass man Angst hat, beim Hinhören abzurutschen. Alles ist auf den einen Moment ausgerichtet: Den Drop, bei dem 20.000 kalifornische Berufsjugendliche ihre Smartphones hochreißen, um festzuhalten, dass sie auch mal kurz "ganz wild" waren, bevor sie ins Hotel-Shuttle steigen.

Mami, der Mann mit dem Kloß ist da

Kaum zu glauben, dass der Typ, der hier Wohlstandssurrogat-Trance zusammenpanscht, vor ein paar Jahren noch den Sonntagsausflug in die Panorama Bar vertont hat. "Das ist Daddy" tut dafür so, als wäre es eine Umarmung, ist aber in Wahrheit nur eine gut kalkulierte Rechnung. Hoffstadt verkauft die Illusion von Ekstase an ein Publikum, das den Unterschied zwischen fünf Ecstasypillen und einem Zuckerberg nicht mehr kennt.

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"Planet Love", Hoffstadts Debütalbum von 2020, ist mittlerweile ein verstaubtes Relikt aus einer Zeit, in der Rave noch nicht die Hintergrunduntermalung für Coffee-Shops und Content-Creation war. Sechs Jahre und ein Image-Makeover später ist Marlon Hoffstadt dafür im Olymp des Pop-Raves angekommen. Klar, er mag schon länger den Daddy geben. Aber wie das mit Vätern oft so ist, wenn sie zu viel Geld und zu wenig Zeit haben: Er kauft uns mit teurem Plastikscheisse ein, weil er für die echten Gefühle keine Kapazitäten mehr hat. 

Tja, Papa hat uns gar nicht lieb. Am Ende will er einfach nur unsere Streams.

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