Was passiert, wenn das Wir-Gefühl der damaligen Raves in Telegram-Kanälen von heute landet? Und wieso führt der Weg von Bachblüten manchmal über die Techno-Vergangenheit in den Schwurbelkanal?
"Meine Mutter hat früher zu Techno getanzt", sagt Sandra, Anfang 30. Sie zieht ihr Handy raus, tippt rum, hält es mir hin: "Heute leitet sie mir Artikel weiter über die Blutgruppen-Diät und einen Link zu einem Mann, der behauptet, seit drei Jahren von Licht zu leben." Ich blicke auf das Display. Der Mann sieht aus, als hätte man einen Waldorf-Lehrer durch einen Dörrautomaten gezogen. Und er hat 340.000 Follower.
Es gibt eine Abfolge. Die kennen alle, deren Eltern zwischen 1960 und 1970 geboren wurden und in den Neunzigern was erlebt haben. Meistens beginnt es harmlos. Räucherstäbchen kokeln im Wohnzimmer. Sandelhölzernes Patchouli-Ambiente verbreitet sich. Dann: ein Buch über Ayurveda. Irgendwann: kein Gluten mehr, aus Überzeugung, nicht aus Diagnose. Weiter zu Bachblüten und einem Heilstein, der "Energie" speichert.
Schließlich: Telegram.
Telegram ist der Ort, an dem die Pipeline mündet. Telegram ist das Meer, in das all diese Bächlein aus Alternativmedizin, Globuli-Vertrauen und vagem Misstrauen gegenüber "denen da oben" zusammenfließen. Telegram ist so was wie ein Dancefloor, auf dem niemand mehr tanzt, aber alle sehr aufgeregt sind.
Lena, eine Grafikdesignerin aus Wien, erzählt mir: "Meine Mutter hat angefangen mit Yoga. Das fand ich schön. Dann hat sie aufgehört zu impfen. Das fand ich beunruhigend. Als sie mir erklärt hat, dass 5G mein Smartphone überwacht und ich meinen Uterus mit Orgonit schützen soll, hab ich aufgehört zu fragen, wie es ihr geht, weil ich die Antwort nicht mehr ertragen konnte."
Wir sind alle Reptilienmenschen
Die Generation, die jetzt in Telegram-Kanälen lustige Grafiken teilt, die beweisen sollen, dass Bill Gates eigentlich ein Reptiloid ist — diese Generation hat mal etwas sehr Schönes erlebt. Sie hat das kollektive Hochgefühl erlebt. Diesen Moment, den wir auch kennen, der Augenblick, in dem wir wissen: Wir gehören zusammen. Klar, die Musik hat das produziert. Die Pillen auch. Nur: Jetzt produziert es ein Kanal namens "Wahrheit_wird_sichtbar_777".
"Die Mechanismen sind erstaunlich ähnlich", schreibt Dr. Pia Lamberty. Sie ist Sozialpsychologin, forscht zu Verschwörungstheorien und hat mit "Gefährlicher Glaube – Die radikale Gedankenwelt der Esoterik" ein Buch darüber geschrieben. Das Erleben von Zugehörigkeit zu einer Wissensgemeinschaft, so Lamberty, aktiviere dieselben Belohnungssysteme wie das gemeinschaftliche Erleben auf einem Konzert oder in einer religiösen Gemeinschaft. Der Inhalt sei austauschbar. Das Gefühl werde das Ziel.
Für dieses Gefühl gibt es ein Wort, das die gesamte Esoterik-Pipeline in ihrer heutigen Form erklärt. Und dieses Wort lautet: Vibe. Der Vibe ist die neue Wahrheit. Er ist das, was man spürt, wenn man einem Menschen oder einer Information begegnet, und er ersetzt jede Argumentation, jede Quellenprüfung, sogar jede Plausibilitätskontrolle. "Das hat einen guten Vibe" heißt: Ich glaube daran. Ohne Belege. Ohne Nachfragen. Der Vibe stimmt, also stimmt das Gesagte.
Lena kennt das. "Ich habe meiner Mutter mal gesagt, dass der Typ in dem Video keine Belege hat. Sie hat mich angeschaut wie jemanden, der einfach nicht bereit ist zu fühlen. Als wäre mein Problem, dass ich zu viel im Kopf bin und zu wenig im Bauch." Lena hält kurz inne. "Vielleicht hat sie das sogar so gemeint."
Fein ist, wer anders denkt
Das klingt nach New Age und ist in Wirklichkeit sehr alt. Es ist Vertrauen als primäre Erkenntnisquelle. Es ist das, womit Kirchen seit Jahrhunderten arbeiten. Nur dass die Kirche zwischen all den Missbrauchsskandalen selbst für die Babyboomergeneration verdächtig geworden ist. Und der Mann auf YouTube mit dem Leinenhemd und den ruhigen Augen eben nicht.
Wenn man lang genug durch die Ästhetik der Esoterik-Pipeline scrollt, fällt etwas auf: Sie ist konsistent. Die Farbpalette ist Beige, Terrakotta, Salbeigrün. Die Schriftart ist handgeschrieben oder so, als wäre sie handgeschrieben. Die Fotos zeigen Bergpanoramen, Kräuter auf Holzuntergrund, Frauen mit offenen Haaren, die in den Himmel schauen. Es ist eine Ästhetik der Entschleunigung, die auf Hochdruck verkauft wird.
Doch mittendrin, zwischen dem Rezept für Goldene Milch und der Anleitung zur Herstellung von Kunstharz mit Metallspänen, das bis zu 240 Euro kostet, so gut wie ein Glückskeks funktioniert, aber hübscher aussieht — taucht er auf: der Feind.
Ich weiß, was du nicht weißt
Der Feind ist immer diffus und immer derselbe. Die Pharmaindustrie. Die Lügenpresse. Die Globalisten. Bill Gates persönlich, der offenbar außer Weltherrschaft und Impfstoff-Entwicklung keine weiteren Interessen hat und rund um die Uhr an beiden Projekten arbeitet. Ein klassisches Muster, schreibt Sozialpsychologin Lamberty. Denn Verschwörungszählungen bieten eine Art kognitiver Effizienz: Ein Feind erklärt alles. Die Komplexität der Welt wird auf eine Ursache reduziert. Das sei psychologisch entlastend, auch wenn es faktisch falsch ist.
Die Welt ist kompliziert. Es gibt keinen Grund, warum Dinge schieflaufen. Es gibt keine befriedigende Erklärung, warum man selbst mal jung war und jetzt Knieschmerzen hat und die Rente kleiner ist als gedacht und der Klimawandel real ist und man nichts dagegen tun kann. Es gibt keine befriedigende Erklärung. Es sei denn, es gibt einen Plan. Und man hat ihn durchschaut.
Hör mir bitte zu
Plötzlich wissen sie etwas, das andere nicht wissen. Menschen, die in den Achtzigern gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert haben. Menschen, die in den Neunzigern auf Technopartys die Grenzen des Bewusstseins erkundet haben. Nicht aus Dummheit, sondern aus Hunger. Einem ehrlichen Hunger nach Erfahrung und dem Gefühl, dass das Leben mehr enthält als Schichtpläne und Jahresabschlüsse.
Dieser Hunger ist nicht gesättigt. Er ist nur in die Telegram-Kanäle umgezogen. Dorthin, wo es noch Antworten gibt. Verständnis. Ein Gehört-Werden. Etwas, das viele nicht verstehen wollen: Nicht die Dummheit führt in die Pipeline. Es ist die Erschöpfung. Die berechtigte Erschöpfung angesichts einer Welt, die zu schnell und zu grausam und zu unverständlich geworden ist.
Verstehen wir uns noch?
"Ich habe meiner Mutter nicht erklärt, warum der Mann, der von Licht lebt, keinen Stoffwechsel außer Kraft setzen kann", sagt Sandra. "Sie weiß das eh. Sie ist nicht dumm. Ich habe sie stattdessen gefragt, ob sie sich noch an früher erinnern kann. Sie hat gelacht. Echt gelacht. Und mich angesehen und mir dann ein Foto gezeigt. 1994. Sie in Plateauschuhen und mit bunten Haaren. Ja, das war meine Mutter."
Sandra meint: Nicht die Heilsteine sind das Problem. Nicht Telegram. Nicht mal Bill Gates. Es ist die Sehnsucht nach dem Abend, an dem man keine Angst hatte. Und die Bereitschaft, für diese Sehnsucht sehr viel Unsinn zu glauben.
Lena findet das menschlich. Auch wenn sie diesen Satz gleich relativiert. "Diese Erkenntnis macht es auch nicht besser, aber verständlicher." Und Verständnis – das war damals auf dem Dancefloor genauso wichtig wie heute – ist der Anfang von allem.
