In der Schweiz soll Kokain staatlich reguliert, nicht verboten werden. Sagen zumindest Expert:innen. Vorbild sei man mit einer Drogenkampagne aus den 1990ern vor allem selbst.
Die Westschweizer Arbeitsgruppe für Suchtforschung (Grea) präsentiert heute einen Leitfaden, der konkrete Modelle für eine staatliche Regulierung von Kokain und anderen Stimulanzien beschreibt. Der Vorschlag kommt nicht aus dem Nichts. Er steht am Ende einer langen Debatte über das Scheitern der Drogenprohibition und wird von aktuellen Zahlen zur Lage in der Schweiz gestützt.
Konsum trotzt Verbot
Laut Sucht Schweiz haben 6,2 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren bereits Kokain konsumiert. Am stärksten verbreitet ist der Konsum unter 20- bis 34-Jährigen. Abwasseranalysen aus Schweizer Städten zeigen zudem: Der Kokainkonsum ist seit 2012 kontinuierlich gestiegen, besonders an Wochenenden in Städten wie Lausanne, Zürich und Chur.
Genau diese Hartnäckigkeit des Phänomens ist es, die Expert:innen frustriert. "Drogen von unserem Planeten zu verbannen, ist schlichtweg unmöglich", sagt Romain Bach, Co-Generalsekretär der Grea. Das Verbot habe Konsumentinnen und Konsumenten in die Kriminalität gedrängt, den Schwarzmarkt gestärkt und den Zugang zu Behandlungen erschwert. Allerdings ohne den Konsum nennenswert zu senken.
Was der Leitfaden vorschlägt
Das Grea-Modell unterscheidet drei Risikostufen. Kokainhaltige Produkte mit niedrigem Risikopotenzial – etwa Kokatee – könnten demnach frei im Einzelhandel erhältlich sein. Kokainpulver würde einem strikten staatlichen Verkaufsmodell unterliegen: Abgabe ausschliesslich in spezialisierten Fachgeschäften, keine Werbung, klare Mengenbeschränkungen, neutrale Verpackungen aus der Apotheke, und eine verpflichtende Registrierung der Kaufenden. Crack und injizierbare Formen würden nicht verkauft, sondern ausschliesslich über Schadensminderungsangebote und medizinische Einrichtungen zugänglich bleiben.
Der Ansatz zielt darauf ab, einen Teil des Marktes aus der Illegalität zu holen und damit Steuereinnahmen zu generieren, die heute in die Kassen krimineller Organisationen fließen. Gleichzeitig würden Konsumentinnen und Konsumenten vor den gefährlichsten Formen der Substanz geschützt: gestrecktes Kokain, mit Pestiziden oder Entwurmungsmitteln verunreinigtes Pulver, oder eben Crack.
Genf zieht voraus
Was auf dem Papier radikal klingt, hat in Genf bereits eine konkrete Vorstufe. Das Genfer Universitätsspital (HUG) bereitet sich darauf vor, schwer crack-abhängigen Patientinnen und Patienten pharmazeutisches Kokain auf Rezept zu verschreiben – nach dem Vorbild der seit den 1990er Jahren bewährten heroingestützten Behandlung. "Es geht nicht um die Abgabe einer Droge, sondern um ihre ärztliche Verschreibung", betont Daniele Zullino, Leiter der Genfer Suchtpsychiatrie.
Vorbild sei man vor allem selbst, denn: Als Zürich Ende der 1980er-Jahre unter einer offenen Drogenszene am Platzspitz kollabierte, setzte die Schweiz auf das Vier-Säulen-Modell: Prävention, Therapie, Schadensminderung und kontrollierte Heroinabgabe. Was damals als skandalös galt, gilt heute als weltweiter Meilenstein. Weniger Sterbliche, weniger Kriminalität, stabilere Lebensverhältnisse. Zullino in Genf wendet genau diese Logik jetzt auf Crack an.
Kein Freifahrtschein, sondern ein Systemwechsel
Grea-Vertreter Bach macht deutlich, dass die Regulierung keine Verharmlosung bedeutet. Internationale Studien zeigten keinen Zusammenhang zwischen Strafverfolgungsintensität und Konsum. In Frankreich, wo die Drogenpolitik besonders repressiv ist, ist der Kokainkonsum extrem hoch. Eine Regulierung bedeute vielmehr, den Graubereich zu verkleinern, die Qualität zu kontrollieren und den Zugang zu Hilfe zu erleichtern.
Die Debatte, die die Grea heute anstösst, dürfte dennoch noch einige Zeit brauchen, um in konkrete Politik zu münden. Mehrere Schweizer Städte haben allerdings bereits Interesse an Pilotprojekten bekundet.