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Entdeckt Musik, von der ihr nicht wusstet, dass ihr sie braucht – im Radio
Foto von Eric Nopanen auf Unsplash

Entdeckt Musik, von der ihr nicht wusstet, dass ihr sie braucht – im Radio

Features. 15. Juli 2026 | 4,0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Gleich

Als die Welt noch aus Antennen bestand, war Radio ein haptisches Ereignis. Meistens nachts, manchmal unter der Bettdecke. Immer mit dem kleinen Finger auf der Aufnahmetaste. Inzwischen ist der Äther zwar weitestgehend durch Glasfaserkabel ersetzt, aber das Bedürfnis nach Menschen an Mikrofonen, die mehr über die B-Seite einer 1992er-Pressung wissen als wir über unsere Mutter, ist zurück.

Warum? Wahrscheinlich weil wir unter der täglichen Tsunamiwelle der unendlichen Verfügbarkeit ersticken. Wir brauchen wieder Instanzen. Also irgendwen, der uns zuflüstert,was wichtig ist, damit wir es nicht selbst herausfinden müssen. Wir haben uns deshalb durchgehört. Vom deutschdemokratischen Staatsfunk-Relikt bis zum ziemlich coolen Souterrain-Funkloch aus Wien. Das Ergebnis: Sendungen, die Techno und House nicht als Playlist, sondern alsExistenzberechtigung begreifen. Oder begriffen haben.

sphere radio

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Klingt komisch, ist aber so: sphere radio sendet aus einem rostigen Peter-Lustig-Container in der Leipziger Pampa. Das umreißt Konzept und Idee und eigentlich alles, was man wissen muss, weil: Musikalisch ist das Ganze wunderbar unvorhersehbar. Hier teilen sich lustige lokale Leute, die sich noch nicht zerstritten haben, die Sendezeit. Und so klingt das dann. Mal wie Clubs. Mal anders. Und heute nach den Sommerferien von Lötkolben. sphere streckt damit mit manischer Sturheit jeder einzelnen Form von Formatierung, Clean-Cuts oder allseits gefälliger Algorithmuskumpelei den Mittelfinger in die Nase. Diese Verweigerungshaltung kann man sich übrigens auch ohne popeliger Nasenbohrung aneigenen, denn: sphere hat jetzt – wie jeder Radiosender, der was auf sich hält – seine eigene Kollektion. Keine Schals (zum Glück!), dafür aber ansehnliche T-Shirts für szenekundige Blicke. Und jetzt: Abschal…, äh, anschalten!

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Radio 80000

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Radio 80000 ist das gallische Dorf der, äh, Coolness im Schatten der Schickeriaschlagseite. Hier geht es nämlich nicht um die nächste P1-Hymne. Hier macht man Radio für Menschen, die ihre Vinyl-Sammlung alphabetisch nach dem Geburtsdatum der Produzenten ordnen. Es ist eklektisch, es ist très chic. Wenn 80k sendet, fühlt sich das also an wie eine sehr exklusive Vernissage in einem Rohbau, bei der der Wein zu teuer, aber die Musik genau richtig ist. Jedenfalls hört sich das so an wie die Münchner Antwort auf die Berliner Fliesenleger. Weniger Schweiß, mehr Konzept, weil: Techno läuft hier nicht als Dienstleistung für den Bizeps. Es ist ein, sagen wir es gemeinsam: intellektuelles Angebot an das urbane Bewusstsein. 

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Cashmere Radio

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Wenn man Cashmere Radio aus Berlin hört, betritt man den Bereich der akustischen Avantgarde, wo die Grenze zwischen Kunst und Tanzfläche so dünn ist wie eine 12-Inch im Hochsommer. Die Leute nennen das netterweise nischig, aber manchmal ist es so sperrig, dass man sich beim Zuhören fast den Kopf stößt. Shows wie "Happy Hours" von Grrr sind aber keine Fußmassagen. Während andere Sender dem Vibe der Zeit hinterherrennen, sucht Cashmere in den staubigen Ecken des Archivs nach dem Noch-nie-Gehörten, dem Ganz-sicher-Ungehörten, so was eben. Und: Man riecht die Mühen der stundenlangen Schreiberei für Anträge, die dann doch in einem Spendenaufruf münden. Aber so ist das mit diesem Gegenentwurf zum Algorithmus.

Radio Rudina

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Vergesst den sogenannten Wiener Schmäh, vergesst die Fiaker-Romantik. Radio Rudina ist das Herz des ersten Bezirks. Im Souterrain-Schatten der Staatsoper haben Freunde ein Hauptquartier errichtet, das die Wiener Ringstraße aus ihrer imperialen Starre reißt. Und zwar nicht als "Wohnzimmer-Radio" für Hobby-DJs. Rudina ist eigentlich ein Coworkingspace für die globale Club-Elite. Hier schauen Oliver Huntemann oder Marlon Hoffstadt vorbei. Der eine Kalkbrenner war gerade da. Und: Twitch glüht. Insta sowieso. Der eigentliche Clou, aber: Hier steht die Clique, die gestern noch im Park gefeiert hat, am selben Pult wie die internationalen Headliner. Es ist die Demokratisierung des, na ja, Deejayings. Unter einer massiven Schicht aus Hard Groove und Trance zwar. Aber hey … 

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Dublab

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Der Kölner Ableger des L.A.-Urgesteins ist kein einfacher Radiosender, es ist eine Forschungsanstalt für den, hui: guten Geschmack. Techno findet hier statt, aber immer im Kontext. Es ist der Ort, an dem Detroit-Techno auch Free Jazz mag und Dub gern über Hip-Hop stolpert. Quasi: Musikfernsehen für die Ohren, moderiert von Menschen, die wahrscheinlich die Seriennummern jeder Moog-Synthesizer-Reihe auswendig kennen. Wer hier zuhört, will die Wurzeln verstehen, will wissen, warum die Snare genau so klingt und nicht anders. Ein Muss für alle, die Techno nicht nur im Bauch, sondern auch im Kopf spüren wollen.

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Mutant Radio

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Mutant Radio ist die Stimme einer Szene, die Techno nicht als Wochenendvergnügen, sondern als politischen Überlebensmodus begreift. Gesendet wird aus einem modifizierten Wohnwagen, was der Sache die richtige "Mad Max"-Stimmung verleiht. Musikalisch ist das genauso düster, wie Menschen, die keine Angst vor der Dunkelheit haben. Anders gesagt: Good Vibes Only ist ein schöner Kalenderspruch, hält der vollen Breitseite der Realität aber nicht stand. Mutant ist eher die pure Energie einer sogenannten Jugendkultur, die sich ihren Raum erkämpft hat. Und damit den "Montag ist mein Sonntag"-DJs in Kreuzberg zeigt, dass die spannendste Musik dort entsteht, wo der Widerstand nicht bei der Kombucha-Auswahl endet. 

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Byte.fm – "Electro Royale"

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Byte.fm ist die letzte Bastion des moderierten Musikjournalismus im Netz, und "Electro Royale" ist das Kronjuwel für alle, die in all der Heiterkeit auch gerne mal was lernen. Martin Böttcher führt hier Regie mit einer Gelassenheit, die man in der hypernervösen Techno-Welt kaum mehr findet. Es ist weniger "Rave-Hölle", mehr "Kultur-Salon". Hier trifft Geschichte auf Gegenwart, hier wird Techno als Kunstform ernst genommen, ohne in prätentiöses Geschwafel zu verfallen. Es ist die perfekte Mischung aus Nerd-Wissen und Spielfreude. "Electro Royale" ist damit der Beweis, dass man auch unter 130 Sachen noch einen klaren Satz formulieren kann. Es ist das Radio-Äquivalent zu einem perfekt sitzenden Trenchcoat im Hamburger Nieselregen: Man sieht gut aus, bleibt trocken und weiß trotzdem genau, wo die beste Party der Stadt steigt.

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GDS.FM 

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"Gegen den Strom" ist kein gummibärchenkauender Hippie-Slogan für Marketingmenschen, sondern eine Notwehrverordnung. In einer Stadt, die vor lauter Effizienz und Schwarzgeld fast das Atmen vergisst, ist dieser Sender die Lunge. Klar, es ist nicht alles Techno, was "Zmorgemusig” heißt, aber: egal! GDS ist das Radio für jene, die wissen, dass ein 22-Minuten-Ambient-Track vor Mundartrap die logische Entscheidung ist. Man sucht ja keine Hintergrundberieselung für den Feierabend-Apéro. Eher das, was der Gründer meint, wenn er "Plattformen wie Spotify betreiben die Entmenschlichung eines menschlichen Produkts" sagt.

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vlan.radio

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Wir reden von Wien. Und zwar ausdrücklich nicht über das Vorhofflimmern zwischen dreivierteliger Sachertorte und Fiakerkommerz. Nein, wir reden von vlan.radio – dem Vienna Local Area Network. Gegründet mitten im dystopischen Pandemievakuum als, wie hat man damals gesagt: überlebensnotwendige Notwehr. Inzwischen wurde vlan so etwas wie der größte Nischenpulsgeber der Stadt. Man hat schon mal aus einem Container im Museumsquartier gesendet oder direkt vom ausgerotzten Praterstern. Das Credo, immer: #worldwidewien. Aber eben nicht mit imperialer Walzerverkitschung. Eher so: Underground, wow! Ob man immer noch am Tropf hängt oder die sogenannte Szene schon wieder auf den sogenannten Beinen steht, ist sozusagen egal. Nachhören darf man ja bis in alle Ewigkeit (na ja, es sind 21 durchgehende Tage, aber besser als nichts!).

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Radio
Foto: Eric Nopanen auf Unsplash 


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