Schön dreckig, schön nostalgisch. Bis zum 9. November kann man in bislang nicht zugänglichen Kellern des Kraftwerk Berlin den Ist-Zustand der Clubkultur bewundern, wie sie sich in Berlin und Ostdeutschland zur Zeit von Mauerfall und Wiedervereinigung darstellte, entwickelte und näher kam. Um Musik geht es dabei so gut wie gar nicht. Zumindest das ist dann wohl die Brücke in die Gegenwart.

Der Boden ist uneben, die Decken sind niedrig, und die großen Stahltische mit den Exponaten schwingen im Staub der Geschichte. Hier unten im Berliner Kraftwerk, Wand an Wand mit der Tanzfläche des Tresor, bekommt man einen Eindruck davon, wie Clubkultur mal war in den Berliner Kellern, damals in den frühen 90er-Jahren. Abgeschirmt von der Außenwelt, prekär, improvisiert, kategorisch ohne Schanklizenz und Fluchtweg. Prägende Zeiten. Wichtige Zeiten. Diese Periode steht im Mittelpunkt von "Tanzflächen der Wiedervereinigung. Die Ausstellung – organisiert von der Berliner Clubcommission und kuratiert von Lisa Weinhold und Katharin Ahrend nutzt den Rahmen und fragt, wie sich gesellschaftlicher Wandel auf den Tanzflächen abbildet. Für damals ist die Frage historisch zigfach beantwortet und dokumentiert: Eine Bassdrum wurde in Ost und West gleichermaßen verstanden und gefeiert. Interessant und vielleicht unbeabsichtigt ist aber die Parallele in die Gegenwart, in der einerseits das Insta-Foto der DJs vor dem Berghain wichtiger ist, als die Musik, die drinnen läuft, und der gesellschaftliche Wandel andererseits ... naja, reden wir auf dem Klo drüber.
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Unterschiedliche Szenen, unterschiedliche Positionen
Mehr als 30 künstlerische Beiträge und Positionen bringt "Tanzflächen der Wiedervereinigung" zusammen – zum Glück nicht nur aus Berlin und dem Techno-Kontext. Statt noch mehr Jeff-Mills-Fotos mit Zahnspange und Monatskarte im Brustbeutel zeigt Christiane Eisler ihre Bilder der DDR-Punkszene; dem Kassablanca in Jena ist eine Video-Installation gewidmet, bei der man u.a. erfährt, was die Wighnomy Brothers mit der RAF zu tun haben könnten. Der (notgedrungene) DIY-Ethos des DDR-Underground wird beleuchtet, dessen Techniken im Westen beim Verlegen der ersten Audiokabel in gefundenen Kellerräumen adaptiert wurden. Und dann ist da das West-Berlin, die vergessene Mauerstadt, in der Kreuzberg Ende 1989 plötzlich nicht mehr das Ende des Horizonts war. In den Videos von Uli Happe reist man zurück in die urbane Wüste von damals, hüben wie drüben. Mark Reeder, der Joy Division nach West-Berlin buchte und die Toten Hosen nach Ost-Berlin schmuggelte, zeigt sein Filmmaterial einer Stadt, die so Super-8-bit strahlt, dass man sie sofort sampeln möchte.

All das – von Punk in Karl-Marx-Stadt bis Acid in Kreuzberg – wirkt nur auf den ersten Blick zufällig kontextualisiert. Die Kuratorinnen Ahrend und Weinhold sprechen vom "Spurenlesen einer vielstimmigen Geschichte", von "einer unglaublichen Gleichzeitigkeit und multiplen Perspektiven". Tatsächlich mögen sich viele dieser Perspektiven dabei nie begegnet sein, sind aber letztlich Scherben des gleichen Haufens: rausgehen, Mut haben, machen, widerstehen, laut sein. Techno mag dabei am lautesten gewesen sein und konnte mit neuen Sounds eine neue Welt auch wirklich orchestrieren. Aber wenn der Oi!-Punk im Eimer zu Underground Resistances "Panic" durch das Loch auf dem Dancefloor direkt in den Keller köpperte, zeigte sich schnell, wie nah beieinander man in vielerlei Hinsicht dann eben doch war.
Löcher buddeln, Flyer drucken
Dass es das alles in dieser Form nicht mehr gibt, muss man nicht betrauern, im Gegenteil. Es wäre schlimm, den Status Quo von damals zum Wunschtraum von heute zu verklären. Die Clubkultur braucht heuer ganz anderes Gerät, um die entscheidenden Schrauben zu justieren, muss sich selbst schrumpfen, braucht den kalten Entzug auf dem Nagelbrett, um sich wieder daran zu erinnern, worum es wirklich geht und schon immer ging. Der Club ist nichts ohne die Kultur.

Wie wunderbar es sein kann, an dieser Kultur zu arbeiten, zeigt "Tanzflächen der Wiedervereinigung" überzeugend, weil facettenreich. Der erste Teil der Ausstellung ist dem Raum des Kraftwerk-Kellers selbst gewidmet. Hier hat Cecilia Tosh eine Klanginstallation aufgebaut, die im Zusammenspiel mit Videos von Jascha Müller-Guthof und dem Licht von Lars Murasch die Gewölbe so in Szene setzt, dass um die Ecke dann eben doch Jeff Mills vor seinen ersten drei Platten noch schnell eine Cola trinkt. Das Chaos ist sogar im Stroboskop zu erkennen. Nichts ist hier unten fertig, sauber, strukturiert, irgendwie geregelt – eben nur so hergerichtet, dass die Raver:innen jetzt kommen könnten. Bei der Entstehung so eines Raums dabei zu sein, ist vielleicht doch wichtiger, als Haus bauen und Baum pflanzen. Aber der zweite Teil ist vielfältig genug, um auch die abzuholen, die lieber keinen Bauschutt verräumen wollen. Die Mode von damals bekommt Raum.

Statt der strengen Kombination unterschiedlicher Schwarztöne von heute, strahlen die Hemden, Hosen und Shirts so grell wie die E-Bowle schmeckte. Schwere Schuhe, die tausende Kilometer Tanzen hinter sich haben, selbst gebaute Helme zwischen Kunst und Protest und die damalige "Bibel", der Sabotage-Katalog – all das liegt aus. Dazu kommen Flyer, Poster, Aufkleber, skurrile Manifeste und verschiedene Fanzines zum Studieren. Tatsächlich ist das einer der besten Abschnitte der gesamten Ausstellung. Denn er zeigt, wie Informationen vor dem Internet vermittelt und verbreitet wurden – wie viel Aufwand und Herzblut in die Promo einer Party floss und wie langweilig und überflüssig die "I'm super excited to play in Hamburg next week"-Reel dagegen wirken kann, wenn man das Damals noch miterlebt hat. Inspiration für einen anderen Umgang mit dem, was die Nacht auch heute noch birgt.
Nostalgie im richtigen Moment
Natürlich ist immer alles eine Frage der Perspektive. Früher war vieles einfach anders. Das Gute von damals herauszufiltern und fit zu machen für die Gegenwart: Das ist ein möglicher Ansatz, sich "Tanzflächen der Wiedervereinigung" anzusehen und dann daraus zu schöpfen. Die Ausstellung als durch und durch nostalgisch zu betrachten und als "cute" abzukanzeln, ein anderer. Auch der ist ok, lässt jedoch etwas außer Acht, was das Nachtleben der Subkultur schon immer auszeichnete: eine wie auch immer geartete Radikalität, eine Haltung, mit der die eigenen Interessen vertreten und aufgebaut werden. Das hatte nie etwas mit Strenge und selten mit Abgrenzung zu tun, sondern vielmehr mit dem kategorischen Feiern einer Idee. Dass die Berliner Clubcommission dieses Damals nun begeh- und erfahrbar macht, ist einerseits nachvollziehbar, ist diese Zeit doch noch immer Grundlage dessen, wie heute gefeiert wird. Andererseits ist das auch schon ein bisschen crazy. Immerhin kritisierte der Interessenverband kürzlich erst die geplante Erhöhung der Alkoholsteuer in Deutschland als weitere finanzielle Belastung für die Clubs. Wirtschaftlichkeit ist wichtig, befördert aber nicht das Innovative, schon gar nicht im kreativen Bereich.
So ist "Tanzflächen der Wiedervereinigung" vor allem eine Erinnerung daran, wie kraftvoll Jugend- und Subkultur war. Und vielleicht auch immer noch sein kann. Wieder werden muss. Resilienz und der Glaube an ein besseres Morgen war nie wichtiger als heute.

Tanzflächen der Wiedervereinigung
Bis zum 9. November 2026, jeweils Mittwoch bis Sonntag, 15:00 bis 21:00 Uhr
Kraftwerk Berlin, Köpenicker Straße 70, 10179 Berlin
Kostenloser Eintritt, Ticketbuchung erforderlich
