Es gab sicher eine Zeit, da war die Clubtoilette ein Ort ohne Narrativ. Man ging hin, man kam zurück, Ende. Niemand blieb länger als nötig. Niemand tat so, als wäre hier irgendetwas Teil des Abends. Die Toilette war einfach das Gegenteil des Dancefloors. Wer zu lange blieb, galt als verdächtig. Wer sich unterhielt, hatte offensichtlich etwas vor.
Heute? Ist die Toilette der eigentliche Mainfloor. Wer zur falschen Zeit in einen Techno-Club geht, stellt fest: Die Schlange vor der Toilette ist länger als die Schlange am Einlass. Und das liegt nicht an einer kollektiven Blasenschwäche der Millennials. Das liegt an der Evolution. Die Toilette hat sich vom existenziellen Abort zur performativen Darbietung transformiert.
In Amt und Würden
Der zentrale Schauplatz dieser neuen Soziologie ist die Kabine. Einst ein einsames Unterfangen, ist die Kabine mittlerweile eine Art Co-Working-Space. Man geht zu viert rein, zu fünft, im Grunde passt da eine ganze mittelständische Werbeagentur rein, wenn man sich nur genug Mühe gibt. Und was passiert da drin? Es ist ein rituelles Hochamt.
Die Kabinen-Gemeinschaft ist die kleinste soziale Gemeinschaft der Welt. Hier werden Freundschaften geschlossen, die genau drei Minuten halten, aber in diesen drei Minuten intensiver sind als jede Ehe aus den Fünfzigern. Hier werden Weltformeln entwickelt. "Verstehst du, es ist eigentlich alles politisch, Alter. Alles." Und der andere, der gerade versucht, seinen Schlüssel nicht in die Schüssel fallen zu lassen, nickt so heftig, als hätte er gerade die Diskografie von Aphex Twin verstanden.
Draußen, vor der Tür, wartet derweil der Rest der Gemeinde. Die Schlange ist ein Laufsteg des Elends und der Ekstase. Hier sieht man sie alle: Die Kieferschieber-Fraktion, die im Sekundentakt ihr Spiegelbild kontrolliert, als würde das Gesicht jeden Moment wie eine schlecht gebaute Sandburg in sich zusammenfallen. Die "Habt-ihr-noch-was"-Touristen, die mit den Augen eines hungernden Rehs durch die Gegend blicken. Und natürlich das Klopersonal, diese wichtigen Gestalten, die für Ordnung sorgen, während sie die wahren Zeugen einer kollektiven Kapitulation vor dem Verstand sind.
Helden der Nacht
Die oft liebevoll-herablassend "Klo-Frau" oder "Klo-Mann" genannte Person – obwohl es sich meist um die einzigen psychologisch stabilen Instanzen im gesamten Gebäude handelt – ist die Instanz der Clubtoilette. Vor ihr: meist ein kleiner, weißer Porzellanteller, der wie ein Altar im Vorraum steht. Wer hier kein Kleingeld hinterlässt, hat nichts verstanden. Es ist das Schutzgeld für die eigene Restwürde.
Denn diese Nachtarbeiter sind die wahren Anthropologen unserer Zeit. Sie sitzen dort mit einer stoischen Ruhe und beobachten das Elend in Echtzeit. Während der Rest des Clubs in einer kollektiven Psychose aus "Wir-sind-alle-eins"-Gefasel versinkt, wissen sie: Am Ende sind wir alle nur Menschen. Verstrahlte, versoffene Menschen.
Es ist eine faszinierende Symbiose: Der aufgepumpte Clubgänger, der sich für den Gipfel der Evolution hält, und die Reinigungskraft, die ihn ansieht wie ein klebriges Kleinkind, das mal wieder seine Grenzen nicht kennt. Es ist ein stilles Abkommen. Wir geben ihnen zwei Euro und das Versprechen, die Kabine nicht komplett zu zerlegen, und sie geben uns das Gefühl, dass es jemanden gibt, der die Kontrolle behält, während wir sie gerade auf einem Handydisplay auflösen.
Das Toilettenpersonal ist das einzige Korrektiv der Subkultur. Wenn du denkst, du seist der Allerbeste, schau in die Augen der Frau, die sich gerade mit dem Industriesauger durch die Kabinen kämpft. Dieser Blick ist die ehrlichste Rezension deiner Existenz, die du jemals bekommen wirst.

Das Design der Dekadenz
So wie jeder Teil unseres Lebens ist inzwischen auch die Clubtoilette kuratiert. Da baumeln keine laminierten Schilder mehr mit "Bitte sauber halten", da hängen Neonröhren in Form von zu viel Geld und keinem Geschmack. Die Wände sind nicht mehr beschmiert, sondern mit sogenannter Kunst behangen. Es gibt Clubs, da tun die Toiletten so schick, dass man dort auch Drei-Hauben-Menüs servieren könnte – wenn die Leute dort nicht so beschäftigt damit wären, aus ihrer Nasenscheidewand einen Haftbefehl zu machen.
Es ist eine ästhetisierte Form des Zerfalls. Wir haben das Notwendige in ein Event verwandelt, weil wir es nicht ertragen, auch nur fünf Minuten ohne Reize zu sein. Selbst beim Pinkeln müssen wir Teil einer Subkultur sein. Wir brauchen den Vibe, wir brauchen die Kachel-Ästhetik, wir brauchen das Wissen, dass wir gerade am exklusivsten Ort der Stadt stehen, auch wenn dieser Ort eigentlich nur ein gefliester Raum mit schlechter Belüftung ist.
Der Rückzug in den Uterus
Irgendwann ist das Geschäft dann erledigt – egal welches. Man tritt wieder hinaus, zurück in den Lärm. Man ist wieder der König von Preußen. Man ist wieder Teil der Masse. Bis in zwanzig Minuten, wenn die Biologie oder das Ego wieder rufen und man sich erneut in die Schlange einreiht, um in einer quadratmetergroßen Kabine nach Freude zu suchen.
Es ist ein ewiger Kreislauf. Und wenn die Sonne draußen schon so hämisch durch die Ritzen der Industriehallen lugt, wissen wir alle: Die beste Geschichte der Nacht hat nicht der DJ erzählt. Die beste Geschichte der Nacht ist da hinten, in Kabine 3, passiert.
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