Nachdem wir uns im letzten Artikel mit den nativen Delay Plugins auseinandergesetzt haben, schauen wir uns heute an, was Ableton Live 12 in Puncto Reverb zu bieten hat. Auf den ersten Blick fällt die Auswahl deutlich geringer aus: Mit Standard und Hybrid Reverb haben wir "nur” zwei Halleffekte, die allerdings ziemlich komplex ausfallen. Dieser Workshop erklärt die wichtigsten Parameter sowie Pros und Cons.
1. Reverb Überblick
Die Namen bleiben kreativ: "Reverb” heißt das Hall-Plugin, das von Lite bis Suite in sämtlichen Ableton Versionen enthalten ist. Statt verschiedene Reverb-Typen, wie Room, Hall, Spring oder Plate anzubieten, liefert Reverb die Tools, um eure eigenen Hallräume zu erzeugen. Neben den Standardparametern Decay, Predelay und Dry/Wet finden wir verschiedene Filter, Chorus sowie ausführliche Sektionen für Diffusion und Reflection.
- Predelay: 0,5 bis 250 ms (kein Tempo Sync!)
- Decay: 200 ms bis 60 s (kein Tempo Sync!)
- Input Filter: 50 Hz bis 18 kHz (Lo Cut und Hi Cut)
- Diffusion Highshelf/Lowpass: 20 Hz bis 16 kHz
- Diffusion Highpass: 20 Hz bis 15 kHz
- Spin Rate: 0,07 Hz bis 1,3 Hz
- Chorus Rate: 0,01 Hz bis 8 Hz
- Volume Regler für Reflection und Diffusion
- Size, Diffusion und Scale für Reverb-Textur
1.1 Input Filter, Chorus und Size
Mittels Input Filter können wir bestimmen, wie viele tiefe bzw. hohe Frequenzen des Direktsignals in den Reverb gegeben werden. Der Chorus verleiht der Hallfahne etwas Bewegung. Der Size Regler hängt, wie wir noch sehen werden, mit vielen anderen Parametern zusammen. Niedrige Werte klingen metallisch und glitchy, höhere Werte klingen weiter weg und offener. Mit dem Dropdown nebenan können wir Artefakte ausglätten.
1.2 Reflect VS Diffuse
Reverbs sind praktisch sehr vielschichtige Echos. In einem Raum erzeugter Schall erreicht früher oder später eine Oberfläche und wird von dieser reflektiert. Die ersten Reflektionen sind dem Direktsignal noch recht ähnlich, prallen jedoch noch viele weitere Male durch den Raum, bis ein diffuser Gesamtklang entsteht. Ableton Live’s Reverb widmet fast 50% des UI dem Finetuning der Reflect- und Diffuse-Anteile – schauen wir mal genauer rein!
1.3 Early Reflections
Eigentlich steuern wir hier nur zwei Aspekte unseres Reverb Sounds: Spin sorgt für Variationen in der Hallansprache (Filter- und Panning-Modulation), die ihr mittels Amount und Rate regelt. Wer will, dass jeder Reverb Hit gleich klingt, schaltet Spin einfach aus. Shape steuert die Überblendung von Reflection zu Diffusion. Höhere Werte erzeugen eine Art Predelay, 0 klingt smoother und schließt die Lücke zwischen Direkt- und Hallsignal.
1.4 Diffusion
Im Diffusion-Bereich können wir die tiefen und hohen Frequenzen unseres Halls filtern. Standardmäßig ist hier ein Highshelf aktiv, das sich zu Lowpass switchen lässt. Außerdem können wir ein Highpassfilter zuschalten. Die Filterung sitzt im Feedbackloop und kann je nach Setting für Sweep-ähnliche Sounds sorgen. Diffusion und Scale hängen unmittelbar mit den Size- und Stereo-Reglern zusammen, was deren Effekt relativ intransparent macht.
Bei hohen Size Settings, wenig Diffusion und viel Scale beginnt der Reverb im Stereobild zu flattern und entlarvt die Verwandtschaft zu Echo oder Delay. Size und Scale steuern quasi die Delaytime, Scale können wir auch mit Grain Size von Granular Delays vergleichen. Wenn wir Diffusion erhöhen, verdichtet sich der Sound und klingt verwaschener. Wer ausreichend CPU hat, kann die Dichte auch via Drop Down erhöhen.
2. Hybrid Reverb
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Ableton’s Hybrid Reverb ist eine Kombination aus den Impulse Responses (IR) von Max for Live Convolution Reverb und verschiedenen Hall-Algorithmen. Das Plugin ist erst ab Live 12’s Suite Version erhältlich und in so ziemlich jeder Hinsicht ein Upgrade zum Basic Reverb. Das UI teilt sich in die Convolution- und Algorithmus-Anteile auf. Der 4-Band-EQ mit variablem Routing hat nicht mehr ins Bild gepasst und muss separat aufgerufen werden.
- Kombination aus Impuls Response und diversen Reverb-Algorithmen
- Routing wahlweise parallel oder seriell (Convolution->Algo)
- Predelay: 0 ms bis 4 s mit Tempo Sync (0 bis 16/16 = max. 1 Takt)
- Inklusive Feedback bis 96% (kurz vor unendlich, keine Selbstoszillation)
- variable Stereobreite von 0 bis 200%
- Bitcrush mit vier Intensitäten
- Bass-Mono-Schalter
- 4-Band-EQ mit High- und Lowshelf oder Lowcut sowie zwei Bells mit variablem Q
- EQ-Routing wahlweise vor oder nach der Algo-Sektion
2.1 Convolution und Impulse Responses
Ähnlich wie bei den Early Reflections des Basic Reverb bilden die IRs den ersten hörbaren Anteil des Hybrid Reverb. Der Clou ist, dass wir viel mehr Auswahl haben und den Sound entsprechend flexibler gestalten können. Via Dropdown erreichen wir diverse Kategorien, von Early Reflections über Real Spaces, die bspw. nach den Abbey-Roads-Studios designed sind, bis zu den gängigen Reverb-Typen Spring, Room oder Hall.
- zahlreiche Preset IR beliebig erweiterbar via. User Bank und Audio drag and drop
- Attack-/Decay-Hüllkurve (0 ms bis 3 s bzw. 20 ms bis 20s)
- Diffusion Highshelf/Lowpass: 20 Hz bis 16 kHz
- Diffusion Highpass: 20 Hz bis 15 kHz
- Spin Rate: 0,07 Hz bis 1,3 Hz
- Chorus Rate: 0,01 Hz bis 8 Hz
- Volume Regler für Reflection und Diffusion
- Size, Diffusion und Scale für Reverb-Textur
Pro Kategorie erhalten wir Zugriff auf mehrere IRs, insgesamt 153! Wenn wir uns für eine IR entschieden haben, können wir diese gemäß Attack, Decay und Size anpassen. Size reicht bis zu 500% und kann selbst kurze IRs künstlich vergrößern, wodurch auch ohne Algo-Sektion ein voller Reverb entsteht. Das Beste ist, dass wir beliebige Audioschnipsel als "User-IR” verwenden können, was für unfassbar flexibles Sounddesign sorgt.
2.2 Algorithm
Die fünf verschiedenen Reverb Algorithmen kommen mit jeweils eigenen Parametern, wobei die Basics Decay, Size, Damping und Predelay bei allen vorhanden sind. Dark Hall und Quartz sind sozusagen übersichtlichere Versionen des Basic Reverbs. Dark Hall kürzt das Trail Filtering auf Crossover Frequenz und bipolarer Intensität für High- oder Lowpass "Sweeps”. Quartz widmet sich dem Echo-artigen Diffusion-Aspekt verbessertem Zugriff.
- Decay: 100 ms bis 60 s
- Predelay: 0 ms bis 1 s (unabhängig vom "global” Predelay!)
- Chorus mit fixer Rate: Dark Hall, Quartz und Shimmer
- Pitch-Shift von -36 bis +12 Halbtönen
- Random Pitch Modulation mit fixer Rate und Wellenform
- Größe/Dauer der Grains: 1 bis 150 Hz
- Zufällige Delay-Schwankung/ Spray: 0 bis 500 ms
- X/Y Matrix für experimentelle Bearbeitung und Modulation
Weiter geht’s mit experimentellen Algos: Shimmer ist ein Pitch Reverb mit Reichweite von -12 bis +12 Semitones. Tides besticht mit Tremolo-artiger Modulation samt umfassender bpm-Sync, variabler LFO-Wave und Phase. Bei Prism handelt es sich um eine Velvet-Noise-basierte Reverb-Emulation mit klaren Obertönen und künstlich diffusem Nachhall.
(00:23 Dark Hall, 02:18 Quartz, 03:23 Shimmer, 04:21 Tides, 05:14 Prism)
Fazit
Abgesehen von dem Niche Case, die glitchy Diffusion-Artefakte und das sweepy Trail-Filtering des Basic Reverbs gleichzeitig zu nutzen, ist Hybrid Reverb klar überlegen. Egal ob Convolution- oder Algorithm-Seite – Hybrid Reverb kann sehr unterschiedliche Hall-Sounds erzeugen, während Basic Reverb primär einen Grundcharakter bietet. Auch das UI gefällt mir bei Hybrid besser, weil dort alle Parameter gut nachvollziehbar sind.
Foto: Anton Shuvalov auf Unsplash
