Schranz war schon immer ehrlicher als Techno: Eine kleine Verteidigung des Lächerlichen 
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Schranz war schon immer ehrlicher als Techno: Eine kleine Verteidigung des Lächerlichen 

Features. 10. August 2026 | / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Gleich

Die Musikindustrie sagt: Schranz ist wieder da. Das darf man finden, wie man will. Lächerlich sollte man sich trotzdem machen.

Du kennst sie, diese Räume, die so tun, als wären sie keine Räume, sondern Konzepte. Sichtbeton, klar, so ein feiner, gestreichelter Edel-Sichtbeton, der wahrscheinlich täglich mit Bio-Ziegenmilch eingerieben wird. Vorne steht eine Person, die aussieht wie eine sehr gut bezahlte Grafikdesign-Instanz aus Kopenhagen, und es läuft – man wagt es kaum auszusprechen – Minimal.

Dieses homöopathische Plätschern, das jetzt doch endlich sicher mal zurück sei. Weil man sich so danach sehnt, also eigentlich: nach der Verweigerung des Ereignisses sehnt. Dass einfach mal nichts passiert. Zehn Minuten lang. Ein Leben.

Das Evangelium der Arschglätte

Und genau in diesem Moment der ästhetischen Überzuckerung, in dieser Arschglätte des Seins, bricht es sich Bahn. Wie ein Tourette-Anfall in der Oper. Oder ein ölverschmierter Schraubenschlüssel, den jemand in das Getriebe dieser MacBook-Eleganz feuert. Es gibt kein sanftes Hinübergleiten. Nur die sogenannte Industrie, die auf die Pauke haut, was meint: Schranz ist wieder da!

Angeblich jedenfalls. Und sicher nicht deswegen. Aber ja, Schranz. Allein das Wort ist eine Kriegserklärung an jeden Deutschlehrer. Schranz. Das klingt wie das Geräusch, das entsteht, wenn die Zivilisation kurz Pause macht und das Hämmern gegen eine Fläche die ehrlichste Reaktion auf eine Welt ist, die behauptet, subtil und komplex und durchstrukturiert zu sein.

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Dabei ist Schranz die einzige Antwort auf das Problem der Distinktion, weil es keine Distinktion zulässt. Man kann zu Schranz nicht interessant aussehen oder schick. Man sieht dabei immer aus wie eine holländische Waschmaschine im Schleudergang, die versehentlich mit Backsteinen gefüllt wurde.

Die Nötigung als Angebot

Wir wissen um die Erzählungen aus dem Paulanergarten, äh, Frankfurt. Die 90er. Das U60311. Und Chris Liebing, der Verwalter der deutschen Stahlkraft. Der soll es ja nicht so gehabt haben mit dem, was DJs heute Storytelling nennen. Da war einfach nur: Bum, tschak, tralala! 

Was ziemlich einfach zu verstehen ist, weil es das Einzige ist, was man verstehen muss. Beim Schranz gibt es sonst nichts zu verstehen. Schon gar nicht zu interpretieren (na ja). Man kann nicht intellektuell über Schranz stehen. Entweder der Geschmack kapituliert, oder er wird Teil der Maschine. Und also zu einer industriellen Massenvernichtungswaffe gegen Feuilletonspalten und das bürgerliche Ego.

Unterkiefermalen statt Storytelling

Man stelle sich nur mal die Jünger von damals vor. In ihren weiten Hosen, die Schweißperlen auf der Oberlippe, die Augen so weit offen, dass man darin die gesamte Industriegeschichte des Ruhrgebiets und drei Weltwirtschaftskrisen gleichzeitig lesen konnte. Das war nicht unbedingt Textbook-cool. Eigentlich war es genau das Gegenteil. Drüber. Lächerlich. Aber eben auch: echt. Wer bei 155 BPM mit dem Unterkiefer mahlt, der meint es ernst. Der simuliert nicht.

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Der Techno-Hörer hingegen simuliert permanent. Er simuliert Ekstase, während er eigentlich nur darauf wartet – in der Schlange vor dem Club, in der Schlange vor dem Klo, in der Schlange vor der Schlange. Schranz hingegen ist das Gegengift. Man kann zu Schranz nicht warten. Egal wie man es anlegt, es sieht immer aus wie ein Störfall in einem Atomkraftwerk, gefilmt von einer Überwachungskamera in einer Schrottpresse.

Und genau das muss zurück. Die Rückkehr der unerträglichen Lächerlichkeit. Diese stumpf-rasierte Keule der Monotonie, um diese ganze feinsinnige Nachmittagsbeschallung bei Bayern 2 aus den Gehörgängen zu kärchern.

Petition zum Kärchern

Eigentlich müsste eine Petition her. "Schranz statt Schaumwein". Weg mit den Designer-Clubs, her mit den dunklen Kellern, in denen die Wände schwitzen und der Boden klebt wie die Moralvorstellungen eines Gebrauchtwagenhändlers auf zu viel Koks.

Derweil gibt es nur eine Wahrheit. Der Techno-Hörer sieht aus wie ein schlecht tätowierter BWL-Student im siebzehnten Semester. Der Schranz-Hörer hingegen sieht aus wie jemand, der gerade einen Krieg gewonnen hat. Einen Krieg gegen sich selbst. Gegen den guten Geschmack. Gegen die Angemessenheit.

Und wer diesen Krieg gewinnt, der ist frei. Lächerlich frei. Aber immerhin frei. Weil alles andere nur Marketing ist für Leute, die wissen, was so eine Sichtbetonwand eigentlich kostet. 

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