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Jenseits von "Sunshine": 10 unterschätzte Loveparade-Hymnen, die wir garantiert vergessen haben
Foto: Arne Müseler / CC BY-SA 3.0 de

Jenseits von "Sunshine": 10 unterschätzte Loveparade-Hymnen, die wir garantiert vergessen haben

Features. 23. Juli 2026 | 5,0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Gleich

Von Underground Resistance bis Bonzai Records – wir erinnern uns an 10 vergessene Loveparade-Hymnen, die sicher mal der  Soundtrack für Friede und Freude waren.

Man kann über die Loveparade reden wie über eine alte Beziehung, die man romantisiert, weil die Streits vergessen sind und nur noch die Fotos übrig. Oder man ist ehrlich. Es gab nämlich nur vier, fünf Tracks, an die sich alle Trillerpfeifen erinnern. "Sunshine" natürlich vorneweg. Und dann diese komische Leere danach. Dabei fing genau da die eigentliche Musik an. Das Zeug also, das man nur kennt, wenn man nicht dort war, 30 Jahre später in den Kommentarspalten auf YouTube aber davon träumt.

The Aztec Mystic (DJ Rolando) – Knights of the Jaguar

Pete Tong eröffnet sein Set bei der 2000er-Loveparade (der falschen) mit genau diesem Track. Kurz danach spielen Carl Craig und Laurent Garnier ihn (bei der richtigen) ebenfalls. Dabei hat diese Nummer mit der Loveparade (der einzig wahren) ungefähr so viel zu tun wie ein Trappist mit einer Bierwerbung. Er kam ja nicht ohne Grund bei Underground Resistance raus, das hieß mal: Widerstandsbewegung gegen Kommerz, gegen die Majors, jedenfalls gegen irgendwas, für das die Loveparade zu der Zeit sicher schon stand. 

Ach ja: Als Sony/BMG kurz darauf versuchte, den Track zu lizenzieren und dann ungefragt zu covern, feuerte die Szene zurück, bis Sonys Server in die Knie gingen. Zwei Wochen später lief dasselbe Stück auf der größten kommerziellen Bühne, die Techno je hatte. Widerstand und Vereinnahmung, an einem einzigen Wochenende erledigt.

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Jens – Loops & Tings (Fruit Loops Remix)

Hochfrequentes Plastikgequietsche, das klingt, als würde man einem Zwölfjährigen das Jamba-Sparabo sperren – genau das war der Soundtrack dieser sogenannten Freiheit. Während Dr. Motte vorne an der Siegessäule noch intellektuell wertvoll über "Keta, Ekstase und Dosenbier" schwadronierte, lief hinten auf dem Truck vom "Tresor" oder irgendeinem obskuren Frankfurter Hardtrance-Label die Realität. Und die hieß: Loops & Tings.

Wer den Zeitzeugen traut, erklärt damit dann in Faktentonlage: Da gab es damals kein Entkommen von dem Ding. Auf Gutdeutsch: Man tanzte dazu, bis die Buffalos zu Barfußschuhen wurden. Und: Wer diesen Track immer noch hört und nicht sofort das dringende Bedürfnis verspürt, sich eine neongelbe Warnweste anzuziehen und mit wildfremden Menschen am Nasenspray zu zutzeln, hält Rave für eine Teambuildingmaßnahme im Großraumbüro.

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Jones & Stephenson – The First Rebirth

Bonzai Records aus Belgien hat Mitte der Neunziger einfach alles plattgewalzt, was irgendwie nach Blümchen-Techno roch. Allen voran: "The First Rebirth". Gespielt hat den jeder, der auf den Trucks noch dauerkauenden Restverstand besaß. Vor allem die Frankfurter Fraktion um DJ Dag, Taucher oder die Jungs vom Omen haben damit exzessiv die Anlagen verstrahlt.

Wer das nacherleben will, ignoriert die glattgebügelten Compilations und sagt schöne Sätze wie: Such auf YouTube mal nach Loveparade 1995 Truck Cam. Und irgendwie stimmt das ja, weil: Da hört man das Ding genau so, wie es sein muss.

Tja.

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Sunbeam – Outside World

Weil offenbar jeder Trance-Act der Neunziger einen Namen brauchte, der nach Wetterlage klang, nannten sich Florian Preis und Michael Gerlach eben Sunbeam. Am Mischpult halfen, kaum zu glauben, aber gut dokumentiert: Rick J. Jordan und Michael Simon, beide später die Non-Playable-Characters bei, huch, Scooter!

Die Connection ist deshalb interessant, weil sie zeigt, wie klein dieses ganze Universum eigentlich war. Jeder kannte jeden, alle mixten für alle. Am Ende blieb ein Netz von Credits übrig, das komplizierter ist als jeder Bundestagsausschuss. Der eigentliche Clou aber: Sunbeam taucht später bei den "Trance Allstars" auf, gemeinsam mit ATB, Schiller, Talla 2XLC und DJ Taucher. Dort remixte man dann, natürlich … "The First Rebirth" von Jones & Stephenson.

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Devilfish – Manalive

"Man Alive" entsteht im Jahr 2000 für Bush Records, UK-Label mit Gespür für das, was später mal "Peak Time Techno" heißen würde. Devilfish, bürgerlich Frederik Söderström und Sina Morshed Solouk, nannten sich wiederum "Evil Minded Producers", was 2000 vermutlich bedrohlich klang und heute wie der Bandname einer Mittelstufen-Punkband. 

Sie klauen also die Piano-Akkorde aus Inner Citys "Good Life", pressen sie durch die Techno-Waschstraße, bis das Original nur noch als Ahnung mitschwingt. Dazu, heimlicher noch, das Schlagzeug aus Grooveyards "Watch Me Now". Es mögen zwei Diebstähle gewesen sein, aber ein Meisterwerk. Was eigentlich die übliche Rechnung in der Popmusik ist, nur dass hier niemand eine Anwaltskanzlei engagierte.

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Quench – Dreams

Es gibt Glockenspiele, die klingen nach Gerlindes Aufgabenbereich bei der Jungschar. Und es gibt das Glockenspiel in "Dreams". Das Gute: Beides bringt Erleuchtung. Man kennt das Gefühl, wenn ein Set kurz vor dem Kollaps steht. Alle schon halb Walking Dead, halb selig. Und plötzlich stehen wir wieder aufrecht. Genau darüber gibt es Anekdoten von Leuten, die dabei waren, immer mit diesem Ehrfurchtsunterton, den Techno-Oldtimer gerne pflegen, wenn sie über ihre besten Zeiten reden.

Dass der australische Bänger überhaupt zum Loveparadebänger wurde, hat man Paul Oakenfold zu verdanken. Der spielt den Track 1994 in seinem BBC-Radio-1-Essential-Mix. Weil das damals noch was wert war, gehörte "Dreams" von da an zur Grundausstattung jedes ambitionierten Sets. Tony De Vit legt später einen Remix drauf, der bis heute Fanlager spaltet. Die einen sagen Meisterwerk, die anderen sagen Blasphemie. Im Grunde dasselbe Kompliment. Ans Original reicht trotzdem nur das Känguru.

Cherrymoon Trax – The House of House

Ein Kickdrumeinschlag, der durch drei Länder gleichzeitig fährt. Belgien, wo Yves Deruyter, Axel Stephenson und Franky Kloeck 1994 auf Bonzai Records veröffentlichen; benannt nach einem Club in Lokeren namens Cherry Moon, in dem offenbar so viel passierte, dass ein ganzes Trio sich nach ihm taufte. Deutschland, wo der Track sofort zur Pflichtübung wird. Und die Niederlande, wo gerade ein Genre erfunden wird, das noch keinen Namen hat, aber schon einen Sound.

Der Titel ist, die brotlosen Geisteswissenschaftler unter uns ahnen es schon: eine Tautologie. The House of House. Ein Wahnsinnssatz, der nichts erklärt und zur Häuserwandparole taugt, weil Inhalte da genauso viel Gewicht haben wie beim Stampfen. Der Track lief deshalb auf allen Compilations, die den Soundtrack jener Jahre konservierten. Wegen des Bumms, eh klar.

Komakino – Outface

Zwei Jungs, Detlef Hastik und Ralph Fritsch, pressen auf einem Label, das sich "Suck Me Plasma" nennt, weil Anfang der Neunziger noch niemand Angst vor irgendwas hatte.  Zwei Jahre später holt Intercord den Track und plötzlich läuft "Outface" überall, wo Rauchmaschinen mehr Strom verbrauchen als Wohnsiedlungen im Speckgürtel. 

Der Trick: dieser gegatete Synth, wahrscheinlich zweifingrig. Jedenfalls unverschämt simpel, dazu ein Vocal-Sample aus Neneh Cherrys "Buffalo Stance", das keiner mehr erkennt, weil es längst nur noch Textur ist. Übrigens: Der Flipside-Track "Can't Stop" dürfte man eigentlich nicht vergessen, aber natürlich vergisst den jeder, das ist ja das Prinzip der B-Seite. Und dann, 2023, zum Runden, zum Dreißiger: Systematic Recordings holt Egbert, Petar Dundov und Robert Babicz ran, alle drei aus dem Cocoon/Bedrock-Adel, um den Track neu zu drapieren. Als hätte man Helmut Kohl exhumiert und ihm ein Tailoring von Prada verpasst. Funktioniert zu gut, als dass man den heute nicht mehr auspacken darf.

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Elektrochemie LK – Schall

Ein Mann, zwei Namen, ein Track, der eigentlich schon 1995 existierte, aber erst 1999 offiziell erscheint. Typisch für eine Szene, in der Aliasse mehr Bedeutung hatten als Pässe. Thomas Schumacher gründet Elektrochemie LK 1997, nachdem sein vorheriges Projekt NIP Collective auseinandergebrochen war, und veröffentlicht fortan doppelgleisig: unter eigenem Namen die radiotauglicheren Sachen wie "When I Rock", unter Elektrochemie LK das Härtere, Kompromisslosere. "Schall" erscheint jedenfalls 1999 auf Confused, gebaut auf einem Adonis-Sample, "Acid Poke", plus im Remix jenes berüchtigte "Vater Unser"-Sample, das eine komplette Kirchenpredigt in eine Schranz-Kickdrum presst. Was soll man da sagen, wahrscheinlich: Heiliger Bimbam!

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Samuel L. Session – Velvet

Manche Discogs-User schwören bis heute, die Basslinie in "Velvet" sei geklaut aus Laurent Garniers "Flashback". Der mutmaßliche Dieb: Samuel L. Session, schwedischer Techno-Produzent, Gründer gleich dreier Labels. Natürlich erscheint "Velvet" auf seinem eigenen SLS-Imprint und wird sofort das, was manche DJs hinter vorgehaltener Hand "Secret Weapon" nennen. Bis sie dann nicht mehr secret ist und nur noch ballerndes Diebesgut.

Foto: Arne Müseler / CC BY-SA 3.0 de

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