Der Sommer ist da. Techno macht Freude. Also trägt man zum Rave sogenannte Funktionsstoffe wie zwei Deuter-Rucksäcke auf dem Weg zur nächsten Erstbesteigung. Doch Scuba-Materialien, Neopren-Korsagen und Mesh-Bodysuits signalisieren eher Tauchgang statt Gipfelsturm. Dabei will man eigentlich nur einen ganz normalen Sonntag im Clubgarten verbringen.
Die Ästhetik des Sommer-Raves ist ein Hitzeaufopferungsritual im Namen der sogenannten Authentizität. Man steht da und verwandelt sich bei direkter Sonneneinstrahlung in eine Art tragbares Gewächshaus. Sogar die schnelle Oakley-Kopie, die zuletzt auf jedem zweiten Open-Air-Gesicht saß und uns spiegelte: "Ich bin bereit, für was auch immer, möglicherweise für einen Triathlon oder für sechs Stunden Minimal-Techno”, ja, diese schnelle Brille hat ein sommerliches Systemupdate bekommen.
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2026 trägt man aerodynamische Wraparound-Speed-Shades, die drei Viertel des Gesichts bedecken. Oft mit UV-reaktiven Gläsern, die sich je nach Lichteinfall von Rauchgrau zu Spiegelgold verfärben und dabei aussehen, als hätte jemand Ski Aggu viel zu ernst genommen.
Dazu dann: die üblichen modularen Harness-Gurte, die quer über den Oberkörper laufen und an nichts befestigt sind außer an der Überzeugung, dass Struktur wirklich Haltung verleiht. Und natürlich Chest Bags aus ballistischem Nylon (was auch immer das sein soll), in denen neben der Powerbank auch noch ein politisches Statement Platz findet.
Nackt ist nicht so geil
Das Absurde an dieser maximalen Ausrüstungswut ist der dialektische Umschlagpunkt zur nackten Haut. Weil es selbst im Taucheranzug irgendwann zu heiß wird, mutiert die Haut selbst zur Uniform. Überall sieht man diese flüssigen Cyber-Tribals, die sich wie metallische Parasiten über Schlüsselbeine und Nacken ziehen, weil: War bekanntlich schon vor 20 Jahren geil.
Wenn aber alle gleichzeitig verschwitzt und mit metallischen Aufklebern verziert im Kreis springen, passiert das Unvermeidliche: Die Nacktheit verliert jede Erotik. Sie wird zur reinen Dienstkleidung des Sommers und damit vollkommen asexuell. Man steht in einer Fleischmatrix, die nach Poppersschweiß und abgelaufener Sonnencreme riecht und muss so tun, als wäre das jetzt erstrebenswert.
Mit diesen Voraussetzungen treffen sich jedenfalls die echten Raver (erkennbar an der Hörschutz-Kordel), die Festival-Touris (erkennbar am Foto-vor-dem-Bühnen-Logo) sowie die Lollapalooza-Leute (ab 199 Euro für beide Tage), und jene, die Peggy Gou kennen aber den Tresor nicht, was auch vollkommen in Ordnung ist – man muss ja nicht. Aber es erklärt gewisse Reaktionen auf gewisse Momente.

Spanking on Sunshine
Freilich, das alles mag schon immer so gewesen sein. Neu ist bei alldem: die kuratierte SPF-Guideline für die Gürteltasche. Weil Ü-Irgendwas-Menschen da immer so komisch gucken: SPF steht nicht für sonderpädagogischen Förderbedarf. SPF ist Lichtschutzfaktor, oder: der wahrscheinlich jüngste Awareness-Bereich der Szene, nach Safe-Space-Policies, Consent-Guidelines und dem jahrelangen Kampf um Gehörschutz als kulturelle Selbstverständlichkeit.
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Ist auch alles richtig, will man meinen. Außerdem duftet der Scalp & Hair Mist so schön nach Meersalz und Salbei, was eigentlich niemanden interessiert, aber trotzdem erwähnt werden muss. Einfach weil es so präzise beschreibt, wo wir gerade stehen.
Irgendwann ist die linke Schulter trotzdem leicht rosé. Nur: Die Sonne, die knallt ja immer noch krass. Das ist der Preis des Sommers: Er lügt nicht, gibt einem kein Alibi gegen die Realität. Der Sommer ist einfach da, gleißend und heiß, und man muss damit umgehen wie erwachsene Menschen.
Zumindest bis die Sonne untergeht. Und sich das Licht ändert. Alles also abkühlt. Dann nämlich ist der Sommer-Rave keine freilüftende Authentizitätsperformanz mehr, kein Hitzemanagementkompromiss. Er ist einfach: ein guter Moment, der so nicht hätte entstehen können, wenn man drinnen geblieben wäre. Der mittelschwere Sonnenbrand war es jedenfalls wert. Oder auch nicht. Das weiß man immer erst, wenn die Musik aus ist. Und der Sommer auch.
Fotos: Leo_Visions auf Unsplash | Juan Manuel Núñez Méndez auf Unsplash
