Es ist viertel nach vier am Nachmittag und das Erste, was einem auffällt, ist das leinenverzierte Premiumprekariat des gehobenen Mittelstands. Da schiebt es mit einer Verbissenheit, die man sonst nur von Hobbybergsteigern kurz vor dem Gipfelsturm kennt, einen Kinderwagen in der Preisklasse eines soliden Gebrauchtwagens. Er pflügt durch den Sand und bezwingt die Kronkorkenachttausender, denn: Der Junge muss an die frische Luft!
Ja, Kinder und Technofestivals. Ein Phänomen, das man schon mal gesehen hat und sich deshalb genauer anschauen muss. Auf den Ohren des Dreijährigen sitzen neongrüne Kapselgehörschützer, Modell "Baustelle Großflughafen". Das Kind selbst blickt mit jener absoluten, stoischen Teilnahmslosigkeit in die Gegend, die man sonst nur bei den Lebenspartnern von Staatsgästen beobachtet. Es ist anwesend, aber es ist nicht gemeint. Also: Nur das lebende Standbild einer elterlichen Weigerungserklärung. Nämlich jene elterliche Weigerung, die Partyzone ordnungsgemäß zu verlassen.
Seht her, wir tanzen noch!
Die erziehungsberechtigten Entitäten – der eine Teil trägt eine Vintage-Trainingsjacke, die nach ehrlichem Schweiß aus der Wendezeit riecht, der andere ein fließendes Etwas aus recycelter Fallschirmseide – betreiben hier eine Form der frühkindlichen Immersionspädagogik. Motto: Waldorf war gestern, Fusion ist heute. Warum den Nachwuchs mühsam mit hölzernen Klanghölzern im Altbauwohnzimmer traktieren, wenn man die akustische Dauerfeuerung des Subwoofers als gratis Vibrationsmassage für das Urvertrauen nutzen kann?
Das ist keine Vernachlässigung, nein, nein! Weil: Das Kind wird natürlich nicht mitgenommen, das Kind wird mitempfunden. Noah oder Fritzi oder Alma sind das brennende Accessoire der eigenen Unsterblichkeitsfantasie. Seht her, wir tanzen noch! Wir sind keine Vorstadt-Zombies mit Weber-Grill und monatlichem Sparplan. Wir haben das Leben einfach erweitert!
Schaut man allerdings zweimal hin, also: unter die staubige Glitzerschicht dieser Lifestyle-Verteidigung, blickt man in den Abgrund des elterlichen Egos. Dort erkennt man: eine fast schon rührende Aggression, mit der hier die eigene Coolness gegen die Realität der Biologie verteidigt wird. Das Kind fungiert nämlich als lebendes Schutzschild gegen den drohenden Verdacht der Spießigkeit. Oder, für die Akademischen unter uns, verständlicher ausgedrückt: Kinder auf Festivals mitzunehmen, ist die Instrumentalisierung des Nachwuchses zur Absicherung der eigenen Party-Lebenslauf-Kontinuität.
Babybrei und Feuchttücher
Doch: Das Kind will kein Set von Ben Klock hören. Das Kind will, wenn man seine Körpersprache ohne den Filter der elterlichen Projektion liest, einfach nur ein Schlumpfeis aus der Plastikwaffel, einen Sandkasten ohne die Gefahr von herumliegenden Pillen und vor allem: andere Kinder. Stattdessen wird es im Schritttempo durch die Dehydrierungshölle geschoben, vorbei an Menschen, die pupillenmäßig den Grundriss der Münchner Allianzarena erreicht haben.
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Das Festival, jener Sammelbegriff, der historisch dafür erfunden wurde, sich für drei Tage aus der zivilisatorischen Pflichtordnung herauszuschrauben, wird zum Schauplatz einer bürgerlichen Pflichtveranstaltung umgedeutet. Die Filetierung der Aufsichtspflicht wird als avantgardistischer Erziehungsstil verkauft. Aber: Man nimmt dem Exzess seine Gefährlichkeit, indem man ihn mit Babybrei-Gläschen und Feuchttüchern sterilisiert.
Fluide ist nicht nur die Avantgarde
Trotzdem greift niemand ein. Natürlich greift niemand ein. Die Umstehenden, selbst gefangen im Loop der ewigen Jugend, werfen den Eltern Blicke zu, die schwanken zwischen mitleidiger Bewunderung für diesen unbedingten Lebenswillen und dem unausgesprochenen Impuls, beim Jugendamt anzurufen, um diese Situation aufzulösen.
Wenn schließlich die Sonne hinter den umfunktionierten Industriekranattrappen versinkt, nützt auch das dekonstruierte Rollenmodell nichts mehr, dann: ist Schluss mit der fluiden Avantgarde. So wird nicht mehr über die Emanzipation vom Spießbürgertum verhandelt, sondern über die ganz reaktionäre Frage, wer jetzt eigentlich den verkrusteten Dinkelbrei von der sündhaft teuren Funktionsjacke kratzt.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Man kann zwar den Kinderwagen aus Prenzlauer Berg aufs Festival schieben, aber man kriegt Prenzlauer Berg eben nicht aus dem Kinderwagen heraus.
Kinder Kinder Kinder
Foto: Charlie Solorzano auf Unsplash

