Die Nacht ist vorbei, du noch nicht ganz. Burial klingt genau dann – und das seit zwanzig Jahren.
Es ist irgendwann morgens. Du sitzt in der U-Bahn. Draußen zieht Berlin vorbei, Wien, das Leben. Es spielt gar keine Rolle, weil alles um diese Uhrzeit gleich aussieht: leer auf eine Art, die sich persönlich anfühlt. Du hast getanzt. Du hast dich gut gefühlt, vielleicht sogar sehr gut. Und jetzt sitzt du da, und die Musik im Kopf läuft noch, aber sie läuft schon auf Sparflamme, wie ein Gerät, dessen Akku zu neunundneunzig Prozent leer ist.
Genau jetzt, in diesem Moment, das ist Burial.
William Bevan, wie Burial wirklich heißt, hat 2006 sein Debütalbum auf Hyperdub veröffentlicht. Ein Label, das wiederum Kode9 in London gegründet hatte und das noch niemand kannte. Übrigens in einer Zeit, in der die Musikpresse noch so tat, als gäbe es keine Musik ohne Pressefotos. Burial hatte kein Pressefoto. Er hatte nicht mal einen Namen, der irgendwas versprach. Burial, das klang nach Beerdigung. Nach Heavy Metal.
Komm mal runter!
Die Kritken waren interessant, weil sie fast reflexartig in eine bestimmte Richtung auswichen. Mark Fisher, der Ultimativtheoretiker, der kurz danach das Konzept der Hauntology für die gescheiten Popspalten einführte, schrieb über Burial als Musik, die von einem verlorenen Rave-Utopia haunted wird. Die kollektive Ekstase der Neunziger, so Fisher, habe eine Art Geist hinterlassen, und Burial kanalisiere diesen Geist. Das ist schön gedacht. Aber es greift zu kurz.
Denn Hauntologie beschreibt, was fehlt. Was nie mehr zurückkommt. Eine Abwesenheit. Burial aber beschreibt etwas anderes: eine Anwesenheit. Und zwar die unangenehme Anwesenheit von einem selbst.
Ja, Burial hat den Comedown vertont. Für ihn war das aber kein Zustand des Verlustes. Es ist eher ein Bewusstseinszustand eigener Art. Quasi: der Moment, in dem das Ich wieder auftaucht. Und zwar ungefragt, manchmal sogar unerwünscht.
Der Club ist ein Ort der Auflösung. Das ist sein Versprechen und sein Produkt. Man geht dorthin, um für eine Nacht nicht man selbst zu sein, oder zumindest nicht allein damit. Die Musik ist zu laut für Gedanken. Das Licht pulsiert. Andere Körper sind nah. Alles ist kollektiv, auch das Glück. Der Philosoph Émile Durkheim hätte das "kollektive Effervezcenz” genannt. Jener Zustand, in dem das Individuum in etwas Größerem aufgeht und sich dabei besser fühlt als je allein.
Aber dann geht das Licht an. Und dann beginnt der Rückweg, die Rückkehr. Das Ich schleicht sich zurück wie jemand, der weiß, dass er nicht eingeladen war und trotzdem die Tür aufmacht. Man hat nicht darum gebeten, wieder man selbst zu sein. Es passiert einfach. Die Pupillen verengen sich. Die Serotonin-Reserven sind leer. Die Welt hat wieder Ecken und Kanten. Und plötzlich sitzt man in der U-Bahn und denkt: Wohin jetzt?
Klappe zu, Affe tot
Burial klingt genau dann. Das Technische erklärt das Emotionale, einmal ausnahmsweise. Seine Drums sind keine Drums. Sie sind Fragmente von Drums, zerschnitten, falsch zusammengesetzt. Tatsächlich hat er menschliche Atemgeräusche in die Rhythmik eingebaut, was man erst kaum merkt und dann nicht mehr nicht hören kann. Die Hi-Hats fallen zu früh oder zu spät, aber nie so, dass es sich nach Fehler anfühlt, eher nach Erschöpfungserscheinung. Als würde jemand, der sehr lange getanzt hat, jetzt versuchen, weiterzutanzen, und die Beine machen nur noch so halb mit.
Das sogenannte Vinyl-Crackle, das durch fast alle seine Tracks läuft, ist kein nostalgisches Accessoire. Es ist atmosphärisch im wörtlichen Sinn. Es klingt nach draußen, klar. Aber nicht so ein In-der-Natur-draußen. Es ist der Sound der Stadt, die noch schläft. Die nur von Leuten bewandert wird, die anders funktionieren. Und dieser Sound erzeugt etwas, das manche seltsam empfinden, weil er Einsamkeit bewohnbar macht. Er füllt sie aus, ohne sie aufzulösen.
Andere Produzenten seiner Zeit haben auch traurige Musik gemacht. Aber traurige Musik will meist getröstet werden. Sie will, dass du erkennst: Ja, das ist traurig, und jetzt wird es besser. Burial-Tracks wollen das nicht. Sie sagen: Das hier ist der Zustand. Kein Davor, kein Danach. Nur dieser Moment, der sich anfühlt wie eine nutzlose Zigarette an der Bushaltestelle und vielleicht auch wie ein ganzes Leben.
Zwanzig Jahre später ist Burials Debüt kein historisches Dokument. Es ist immer noch Gegenwart. Das liegt nicht nur daran, dass Burial in der Zwischenzeit nichts getan hätte. Er hat produziert, immer wieder. Es liegt aber daran, dass sich der Zustand, den er damals beschrieb, nicht verändert hat. Eigentlich hat er sich vervielfacht.
Verkorksen wir uns einsam
Wir leben in einer Kultur, die den kollektiven Rausch zum Standard erklärt hat. Dieser Rausch spielt sich aber nicht mehr in Clubs oder auf Dancefloors ab. Eher: dort, wo Menschen kurz das Gefühl haben, Teil von etwas zu sein. Und überall gilt dasselbe: Danach kommt das Danach. Das Licht geht an. Die Benachrichtigungen laden. Man scrollt durch einen Feed, der weiterläuft, als hätte man nie aufgehört. Aber man ist allein damit. Weil man immer allein damit sein wird.
Burial hat 2006 die Musik für 2026 geschrieben. Das Seltsame daran ist, dass er das gar nicht wollte. Er hat in Interviews – den wenigen, die es gibt – gesagt, er mache Musik für Leute, die nachts allein nach Hause gehen. Das klingt nach einer kleinen, randständigen Aussage. Aber: Es ist das präziseste Statement über den Zustand der verkorksten Moderne, das ein Musiker in den letzten zwanzig Jahren gemacht hat.
Seine Anonymität war dabei kein Gimmick. Sie war das Argument. Als irgendwann herauskam, wer hinter Burial steckte – ein junger Mann aus South London, Sohn eines Musikers, introvertiert, kein Netzwerker, kein Szenegänger – reagierte die Presse mit einem Ton milder Enttäuschung. Da war kein Mythos. Kein Geheimnis mehr. Einfach dieser Typ.
Aber das verkennt, was die Anonymität eigentlich tat. Sie hat das Ich aus der Musik herausgehalten. Nicht weil das Ich unwichtig ist, sondern weil das Ich in dieser Musik schon vertreten ist. Man hört Burial und man hört sich selbst. Sich selbst in diesem Moment, in dieser U-Bahn, auf diesem Heimweg. Es gibt keinen Künstler, den man anschauen könnte. Also schaut man nach innen.
Und da ist er, dieser Zustand: ein Leben, das vorbeizieht und ist und dann gewesen war.