Kein Genre-Tag, kein Popularity-Score: diggercamp analysiert den Sound selbst und will damit das Digging im Underground neu definieren. Die Plattform ist ab sofort kostenlos nutzbar.
Der Mailänder DJ ti es hat eine neue KI-gestützte Musikentdeckungsplattform für elektronische Underground-Musik veröffentlicht. diggercamp erlaubt es Nutzer:innen, Links von YouTube, Bandcamp oder SoundCloud einzufügen und daraufhin Tracks zu finden, die ähnlich klingen. Der entscheidende Unterschied zu bestehenden Diensten: diggercamp analysiert nicht Genres, Hörgewohnheiten oder Popularitätskennzahlen, sondern den Sound selbst.
Wie diggercamp funktioniert
Der Dienst kombiniert klassische Audioanalyse mit CLAP, einem neuronalen Audiomodell von Microsoft Research. Fügt man einen Track bei diggercamp ein, wird er in einen mathematischen Fingerabdruck umgewandelt, der Rhythmus, Textur, Energie und Klangfarbe kodiert. Über sogenannte Cosine Similarity werden Einreichungen dann gegen eine Datenbank von derzeit über zwei Millionen Tracks abgeglichen. Das Ergebnis ist das, was ti es ein "semantisches Verständnis" von Klang nennt: Die Maschine begreift nicht nur, was ein Track ist, sondern wie er sich anfühlt.
Drei Suchmodi stehen in diggercamp zur Verfügung: "Standard", "Deep Match" und "Surprise Me". Der Schwerpunkt liegt aktuell auf Techno, Trance, Elektro, Dub Techno und Acid, soll aber bald um Jazz, Reggae, Hip-Hop, Ambient und Funk erweitert werden.
Im "Loop Rituals"-Test mit der Standardversion funktioniert diggercamp zumindest mit Überraschungen. Wir haben als Eingangstrack Ben Klocks Techno-Klassiker "Subzero" gewählt. Der Dienst schlägt uns daraufhin einen Melodic-Techno-Remix von Mielafon. Wesentlich passender, wenn auch nicht ganz "Subzero"-Material: ein deeper und gerade erst veröffentlichter Techno-Track des niederländischen Producers Makam mit einem Match von über 95 Prozent.
Beide Tracks sind jedenfalls Entdeckungen, hinter denen kein Label-Deal steht, der Klicks über Klang stellt, so ti es. Damit will sich diggercamp bewusst gegen Spotify oderApple Music positionieren, die ihre Empfehlungssysteme unter anderem auf Engagement optimieren, was strukturell zur Bevorzugung von Major-Label-Releases und viral geeignetem Content führt. Für unabhängige Artists und Labels, die keine Marketing-Budgets für Playlist-Pitching haben, ist diese Sichtbarkeit längst ein Nullsummenspiel.
Diggen, aber richtig
Für DJs und Produzent:innen, für die das Diggen nach unbekannten Tracks noch konstitutiver Teil ihrer Praxis ist, könnte diggercamp wiederum eine echte Ressource werden. Die klassische Crate-Digging-Kultur lebt von der Entdeckung, vom zufälligen Fund in einer Plattenkiste, vom Tipp eines befreundeten DJs, vom Discogs-Rabbit-Hole. Genau dieses Gefühl will diggercamp digitalisieren, ohne es zu kommerzialisieren.
"The rabbit hole is the same. The entrance is just wider", sagt diggercamp-Gründer ti. Wer bisher stundenlang Bandcamp durchforstet hat, bekommt damit ein Werkzeug, das die Suche nach neuen Sounds beschleunigt, ohne sie zu ersetzen. diggercamp ist in der Basis-Version aktuell kostenlos nutzbar, Abo-Pläne mit Erweiterungen sollen später im Jahr folgen.