Vom U60311 ins Kesselhaus: 10 Meilensteine der Schranz-Evolution, die TikTok nie verstehen wird
Schranz hatte keine Presseabteilung. Keine Doku. Nie eine Erklärung. Nur diese Tracks, die TikTok-Trends nie verstehen werden. Macht nichts. Hier.
Kein Rolling-Stone-Dossier, keine Spiegel-Titelgeschichte, keine Netflix-Doku mit Archivmaterial und einem Erzähler, der langsam und bedeutsam spricht. Schranz hat sich um all das nicht gekümmert, weil Schranz um vier Uhr morgens stattfand und vier Uhr morgens ist der Moment, in dem das tolle Feuilleton schläft und alle schlafen sollten. Außer den Leuten, die Basecap tragen und einen stoppligen Bart und siebenundvierzig sind und coole Homepages haben, kurz: für die dieser Sound gemacht wurde.
Schranz sei wieder da, heißt es. Das mag durch die sogenannte Industrie sickern wie der bittere Pillengeschmack den Rachen hinab. Aber: Alle, die mit TikTok aufwachen und Hard Techno dazu sagen, wissen: Schranz war nie weg. Es gibt da nur eine Vorgeschichte, die vor dem Algorithmus war, vor den Followerzahlen, vor großen Klappen und größeren Egos. Diese Vorgeschichte fängt in Frankfurt an, oder in Kassel, oder zwischen österreichischen Dorfpunks – je nachdem, wen man fragt.
Und wir haben gefragt. Zehn Mal uns selbst. Für die Tracks, die in keiner Erklärung stehen.
Mario Ranieri – Elektr. Volksmusik (1999)
St. Pölten, eine Stadt, die selbst Österreicher nur kennen müssen, weil sich da manchmal jemand vor den Zug schmeißt. Aus diesem kosmischen Niemandsland kommt ein Bursche namens Mario Ranieri, der eigentlich Leichtfried heißt, was klingt wie ein Schnitzel, das sich entschuldigt. Jedenfalls veröffentlicht dieses Schnitzel auf seinem eigenen Label "Elektr. Volksmusik". Weil: Schranz als Nachfolger der Blaskapelle, als nächste logische Stufe nach Polka und Mostviertler Gemütlichkeit, nur halt mit einer 909, die das Rumtata-Idyll kollabieren lässt. Der "DJ Rush Remix" gibt dem Ganzen eine Chicago-Breitseite, weil Ranieri offenbar der Meinung war, ein transatlantischer Handshake zwischen Hinterland und South Side wäre genau das, was die Welt 1999 brauchte. Recht hatte er. Schubfaktor als Label war danach die Heimat von Arkus P., von Wittekind-Remixen, von allem, was nicht Frankfurt war und trotzdem Frankfurt wurde. Und Ranieri machte einfach weiter. Dummheiten inklusive.
Boris S. – This Is Not Religious (2008)
Der Typ hat drei Labels gegründet, die "Schranz Total-Compilations" erfunden, also quasi die Bibel des Genres, was den Tracktitel nochmal interessanter macht. Und trotzdem findet man seinen Namen in keinem einzigen Musikjournalismus-Text der letzten zwanzig Jahre. Boris S. existiert in einem Paralleluniversum, das sich ausschließlich aus Discogs-Kommentaren, osteuropäischen Rave-Flyern und dem kollektiven Muskelgedächtnis von ungefähr dreihundert Menschen zusammensetzt, die alle wissen, wann dieser Track irgendwann mal gespielt wurde. Und: "This Is Not Religious" ist der perfekte Schranz-Titel, weil er eine Behauptung aufstellt, die sofort falsch ist. Es ist natürlich religiös. Es ist die Messe für Leute, die in Kirchen nicht reingelassen werden, oder es zumindest hoffen. Der Track selbst ist ein Lehrstück in Schlagzeugkompression als Weltanschauung: kein Aufbau, null Bogen, nur diese eine Maschine, die beschlossen hat, bis in alle Ewigkeit dasselbe zu tun. Wie eine tolle Waschmaschine von Miele oder so.
Viper XXL – Hardtechno Anthem (2008)
Das Schmachten kommt von Craig Armstrong, der Typ hinter Moulin Rouge, hinter diesem weichen schottischen Orchesterding, das in jedem romantischen Filmdrama der Nullerjahre lief. "Escape" heißt der Track. Und Viper XXL hat ihn gepackt, ihn durch einen Sampler gejagt, der offenbar schlechte Laune hatte, und daraus eine der schleimspurigsten Schranz-Schmonzetten gebaut, die die Genremutation hergibt. Die sogenannte Szene hat es trotzdem geliebt und nie laut darüber geredet, weil man beim Schranz nicht über so was redet. Man schranzt einfach und tut so, als wäre das alles organisch aus einer Stahlpresse gewachsen. Viper XXL war jedenfalls überall: kroatische Hotelkeller, österreichische Acker, polnische Clubs mit Belüftungsproblemen. Heute, 62.000 Klicks auf YouTube. Ein Vermächtnis.
Sven Wittekind – Braindead (2002)
Wittekind hat sich Techno über "Thunderdome"-Sampler erschlossen, was bedeutet, er hat den Weg von Hardcore zu Schranz nicht als Abstieg verstanden, sondern als Präzisierung. "Braindead" war seine erste Platte überhaupt, erschienen 2002 auf Overdrive, und wurde sofort die meistverkaufte Platte des Labels. Was für eine Chuzpe, einfach rauskommen und den Laden aufkaufen. Der Titel "Braindead "ist dabei keine Selbstdiagnose, eher Verfahrensbeschreibung. Das heißt: Dieser Track arbeitet nicht mit dem Kopf, er arbeitet mit dem Stammhirn, mit dem Teil der menschlichen Neurologie, der für Flucht und Aggression zuständig ist und dem es herzlich egal ist, ob man gerade in einem Club in Bingen oder in einer Turnhalle in Breslau steht. Wittekind hat danach eine Karriere gebaut, die ihn auf die Nature One, die Mayday, die Time Warp geführt hat. Aber mit "Braindead", da war alles noch nichts.
Gayle San – Route 501 (2000)
501, Jeans, die man anzieht, wenn man vorhat, etwas zu tun, das Spuren hinterlässt. Daneben: Highway in die Hölle. Bassline wie Betonpfosten, die einem links und rechts vorbeifliegen, wenn man zu schnell fährt. Und man fuhr immer zu schnell, wenn Gayle San aufgelegt hat. Sie hat das U60311 bespielt. Als Headlinerin. In einer Szene, wo Headlinerin ein Satz war, den die Szene noch lernen musste wie ein Kleinkind, das Fahrradfahren lernt, also: stürzen, aufstehen, aua, Mama! Gayle San ist zum Glück nie gestürzt. Sie ist einfach weitergefahren. Deshalb kennt sie TikTok nicht. Aber TikTok kennt auch keine Autobahn. TikTok kennt nur Kreisverkehr mit Kirmes drumherum. Und das ist nicht dasselbe.
PET Duo – Timeslice (Svetec Remix) (2008)
PET Duo sind die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat, weil niemand wusste, dass man sie stellen kann: Was passiert, wenn man Schranz nicht als deutschen Exportartikel begreift, sondern als universelle Sprache für den Zustand kurz vor dem Blackout, kurz vor der Erleuchtung, kurz vor dem Moment, in dem beides dasselbe ist? "Timeslice" in der SveTec-Fassung ist die Gründungsurkunde eines Labels, das niemand kannte und das trotzdem sofort wusste, was es wollte (was übrigens die einzige Eigenschaft ist, die im Leben wirklich zählt, Label hin oder her). Svetec hat den Track jedenfalls genommen und ihn in etwas verwandelt, das klingt, als hätte die Zeit beschlossen, sich selbst in Scheiben zu schneiden und die Scheiben dann falsch wieder zusammenzusetzen, sodass der nächste Moment immer einen Takt zu früh kommt und du nie ankommst und nie weggehst und irgendwo dazwischen ist der Dancefloor und irgendwo dazwischen bist du. Äh!
Alex Sword & John Chevalier – Daumenschraube (2002)
"Daumenschraube". "Streckbank". Wer jetzt denkt, das sei übertrieben, der hat noch nie verstanden, dass Schranz immer schon ein Genre war, das die Dinge beim Namen genannt hat, während alle anderen so getan haben, als sei das alles nur Tanzmusik, als sei das nur Spaß, als sei der Körper, der da um vier Uhr morgens gegen eine Bassbin gedrückt wird, nicht auch ein Körper, der etwas erfährt, das er anders nicht erfahren würde. Alex Sword und John Chevalier, zwei Namen, die sich für einen Mittelaltermarkt angemeldet haben und dann versehentlich in einem Frankfurter Club gelandet sind, haben 2002 auf einem Label namens Phuture Wax diese Platte veröffentlicht. Phuture mit Ph, weil gerade das Jahr 2002 war und man Zukunft noch mit Ph geschrieben hat. Klang ja weniger nach Schule, irgendwie mehr nach dem Ort, wo man hinwollte. Mit festgeschraubten Daumen.
Thomas Krome – Bitches From Hell (1998)
Schweden 1998. Nicht Deutschland. Nicht die Frankfurter Küche, nicht das Rhein-Main-Biotop. Schweden, ein Land, das die Welt bis dahin mit Abba und Ikea beschenkt hatte und das auf der allerersten Platte eines Labels einen Track namens "Bitches From Hell" veröffentlicht. Übrigens: Es ist bezeichnend, dass die besten Tracks dieses Genres fast immer auf der Eins eines Labels erschienen sind, weil die Eins der Moment ist, in dem noch niemand weiß, ob das was wird. In dem noch kein Businessplan existiert. In dem noch keine Zielgruppe definiert wurde. Thomas Krome hat "Bitches From Hell" 1998 veröffentlicht. Ein Jahr, bevor Liebing das Wort Schranz offiziell in Umlauf gebracht haben will, was bedeutet: Dieser Track ist Schranz bevor Schranz einen Namen hatte. Schranz im Naturzustand eigentlich. Schranz als bloßes Faktum ohne gehässigen YouTube-Kommentar und ohne Discogs-Tags.
Sven Väth – Ein Waggon Voller Geschichten (Terence Fixmer Remix) (2000)
Sven Väth ist auf dieser Liste wie ein Ehrengast bei einer Party, zu der er nicht eingeladen wurde. Er steht da, er passt irgendwie nicht ganz rein, und trotzdem ist er der Einzige im Raum, der schon auf drei anderen Partys war, bevor er hier aufgetaucht ist. "Ein Waggon voller Geschichten" ist kein Schranz-Track von Väth, es ist ein Väth-Track in einer Fixmer-Fassung, die ihn in Schranz verwandelt. Terence Fixmer, Belgier, EBM-Sozialisation, hat aus Väths Original etwas gemacht, das klingt, als hätte die Industriegesellschaft ein Lied geschrieben und dabei vergessen, es wieder abzuschalten. Auf der Schranzwerk-Compilation steht dieser Track zwischen deutschem Hardtechno-Material und klingt wie ein Kontextbruch, was er ist. Väth hat danach Cocoon gegründet, hat House gespielt, hat sich in Ibiza eingerichtet. Der Waggon ist abgefahren. Fixmer hat ihn umgebaut. Was übrig blieb, ist dieses Ding: eine Erinnerung an eine Welt, bevor die Zielgruppen gefunden wurden.
Chris Liebing & André Walter – Stigmata 4 (2000)
Die Wunden Christi, übertragen auf den Körper von Heiligen – ein Begriff aus dem religiösen Vokabular, der beschreibt, dass etwas Transzendentes sich ins Fleisch einschreibt. Chris Liebing hat diesen Begriff für eine Techno-Serie gewählt, was entweder blasphemisch ist oder präzise, je nachdem, ob man schon mal in einem Raum war, wo "Stigmata 4" lief. Die vierte Folge, nicht die erste, nicht die bekannteste, die vierte, die niemand als Einzeltrack zitiert, aber alle kennen. Sie ist das beste Argument für André Walter, dessen Name in der Schranz-Geschichtsschreibung konsequent unter dem Liebing'schen Markennamen verschwunden ist. Aber: Walter hat produziert. Liebing hat aufgelegt. Das war die Arbeitsteilung. Das war der Deal. Und es ward Licht.