Wegen 200 Euro am Tag: Größte Jugend-Suchtklinik Deutschlands muss Betrieb einstellen
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Wegen 200 Euro am Tag: Größte Jugend-Suchtklinik Deutschlands muss Betrieb einstellen

News. 12. Mai 2026 | / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Die Dietrich Bonhoeffer Klinik im niedersächsischen Ahlhorn, Deutschlands größte Reha-Klinik für suchtkranke Kinder und Jugendliche, schließt Ende Juni 2026. Der Grund: Eine Finanzierungslücke von gerade einmal 200 Euro pro Kind und Tag.

320 Euro zahlt die Deutsche Rentenversicherung als Tagessatz. Die Klinik bräuchte 520 Euro, um den Betrieb aufrechtzuerhalten – inklusive ausreichend Nachtwachen für teils suizidgefährdete Jugendliche. Alle Verhandlungen scheiterten, ein Antrag auf Anerkennung als Spezialeinrichtung wurde abgelehnt. Die 1,5 Millionen Euro Verlust aus dem Vorjahr hatte der Trägerverein Leinerstift noch aus eigener Tasche ausgeglichen.

"Wir geben pro Tag 1,3 Milliarden Euro im Gesundheitswesen aus", kritisiert der Bundesdrogenbeauftragter Hendrik Streeck. "Hier scheitern wir an 200 Euro pro Tag pro Kind." Mit der Schließung fallen 60 von bundesweit ohnehin nur 97 stationären Reha-Plätzen für drogenabhängige Jugendliche weg. Das ist mehr als die Hälfte des gesamten deutschen Angebots in dieser Altersgruppe.

Ein Problem, das größer ist als eine Klinik

Die Schließung trifft eine Altersgruppe, die ohnehin unter dem Radar bleibt. Schätzungsweise 200.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland sind abhängig von Alkohol, Drogen oder Medikamenten. Für Erwachsene gibt es  und 13.600 Reha-Plätze, für Minderjährige waren es bis jetzt gerade einmal 97. "Absolut verheerend" nennt das der Suchtexperte Prof. Rainer Thomasius vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen.

Dabei zeigen aktuelle Daten: Jugendliche in Deutschland konsumieren mehr Drogen als viele vermuten. Abwasserstudien, die in mehreren deutschen Großstädten regelmäßig durchgeführt werden, messen Rückstände von Substanzen wie Cannabis, MDMA, Kokain und Amphetaminen. Sie liefern ein nüchternes Bild des tatsächlichen Konsums, unabhängig von Selbstauskünften. Die Werte für Cannabis stiegen zuletzt in vielen Städten messbar an. Kokain- und Amphetaminwerte liegen in deutschen Städten teils auf dem Niveau westeuropäischer Spitzenreiter.

Parallel dazu zeigen Studien wie der DAK-Suchtreport, dass 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland als suchtgefährdet gelten. Das sei allerdings nicht nur auf klassische Drogen zurückzuführen, sondern auch auf den exzessiven Medien- und Gamingkonsum. Auf Plattformen wie TikTok kursieren unter Hashtags wie #pingtok Clips, die offen Drogenkonsum zeigen und Millionen Klicks generieren.

Politisches Versagen auf Kosten der Jugend

Am Standort der Dietrich Bonhoeffer sollen jedenfalls therapeutische Wohngruppen entstehen. Die ambulante psychiatrische Versorgung übernimmt das Klinikum Oldenburg. "Kein adäquater Ersatz", sagt der Vorstand des Trägervereins Leinerstift. Denn was die Klinik leistete, war mehr als Betreuung: Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen, Heilpädagog:innen und Erziehende arbeiteten hier unter einem Dach. Sie waren auf Jugendliche mit Suchterkrankungen spezialisiert. Eine Zielgruppe, die häufig auch an psychischen Begleiterkrankungen wie Traumata, Depressionen oder Angststörungen leidet.

Finanziert werden die neuen Wohngruppen künftig über die Kommunen der Erkrankten. Ein Systemwechsel, der auch bürokratisch neue Hürden bedeutet. Was konkret wann für wen zur Verfügung steht, ist unklar. Die Klinik nimmt bereits keine neuen Patienten mehr auf, Ende Juni 2026 endet die Behandlung auch für die letzten 21 Betroffenen.

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