Ein harmloses Foto, ein paar Y2K-Vibes und eine Frau, die Bock drauf hatte: Eigentlich hätte das neue Label von Techno-Producer Alarico nur eine Randnotiz in den Release-Charts sein können. Doch dann kommt Social Media. Und sieht einen Skandal, wo keiner ist.
Also gut. Alarico, Techno-Produzent aus dem seriösen Bereich des Genres, macht ein Label namens FLIRT und lässt seine Freundin aufs Cover. Die Freundin – man muss das wirklich festhalten, weil es später keine Rolle mehr spielen wird – wollte das. Hat mitgemacht. Hat sich gefreut. Hat hinterher so gar gesagt, es sei ihr wichtig gewesen, Teil davon zu sein, es sei aus einer Haltung der Wertschätzung entstanden, sie habe sich nie unwohl dabei gefühlt. Klare Aussage. Erwachsene Frau. Fall erledigt, könnte man meinen.
Dann kam das Internet. Weil: das Cover! Und die Tracknamen. Weil Kontext. Weil Backlash. Weil bigger picture, Baby.
Das Bild selbst, falls man es noch nicht gesehen hat: eine Frau. Schultern aufwärts. Wenig Fleisch, bisschen Pose, kein wirklicher Skandal – das übliche Y2K-Ibiza-Zeug, das man 2003 auf jedem zweiten Mixkassetten-Cover gesehen hat, ohne dass sich jemand hingelegt hätte. Wer das Bild sieht und nach dem eigentlichen Skandal sucht, sucht weiter und findet keinen. Mehrere Kommentare beschreiben denselben Effekt. Man erwartet Hardcore-Pornografie und findet ein Promo-Foto, das die Klums für einen schlechten Montag halten würden.
Das Prinzip gilt!
Aber das spielt keine Rolle, denn die Empörungsmaschine läuft nicht auf Bildinhalten. Sie läuft auf Symbolik. Und auf der Theorie, dass auch harmlose Symbole Misogynie in unserer Szene verankern. Weswegen man natürlich einschreiten muss. Stellvertretend. Für die Frau, die sich selbst nicht einschalten wollte. Die hat die Lage leider falsch eingeschätzt. Internalisierter Sexismus, höchstwahrscheinlich. Kommt vor. Wird erklärt.
Das ist der eigentliche Trick dieser Moralästhetik. Sie hebt die Betroffene auf und setzt sie gleichzeitig außer Kraft. She's his partner, she contributed creatively, and she chose to be represented that way – schrieb jemand in den Kommentaren. Woraufhin jemand anderes erklärte, dass das ja eben das Problem sei. Man kann nicht für Frauenautonomie sein und gleichzeitig die Autonomie dieser konkreten Frau respektieren, wenn diese Frau die falsche Entscheidung getroffen hat. Das Prinzip gilt, die Frau nicht.
Der Geschmack wählt!
Währenddessen ist Techno natürlich ein Genre, das bekannt ist für seine Prüderie. Die Clubs schließen um 22 Uhr. Es gibt Garderoben. Das Berghain ist ein Ort der Besinnung und des stillen Gebets. Glenn Wilson hat in den Neunzigern Cover gemacht, bei denen das FLIRT-Artwork wie ein Bild aus dem Brockhaus wirkt. Aber Glenn Wilson ist Vergangenheit und Alarico ist Gegenwart und Gegenwart muss sich erklären. With great following comes great responsibility, und der ganze Uncle-Ben-Sermon.
Man könnte sagen: Okay, Geschmackssache, das Cover ist tatsächlich nicht wahnsinnig originell, ein bisschen Kitsch, ein bisschen 2003, die Tracknamen klingen wie das Tagebuch eines Gymnasiasten, der Bukowski gelesen hat. Kunst darf peinlich sein. Kunst darf scheitern. Kunst darf sogar Frauen abbilden. Und dann bespricht man das. Aber was hier passiert ist, ist etwas anderes. Man hat einen Künstler so lange mit Stellvertretermoral beschallt, bis er nachgegeben hat. Und hinterher hat man sich bedankt, weil:This comes from a place of love!
Die Follower zählen!
Die Frau auf dem Cover hat am Prozess mitgewirkt und sich gefreut. Das interessiert niemanden, weil es die Geschichte ruiniert. Die Geschichte braucht ein Opfer, und wenn das vermeintliche Opfer sich weigert, eines zu sein, erfindet man ein abstraktes: die Frauen in der Szene, die Minderheiten, das bigger picture. Gegen ein abstraktes Opfer kann man nicht argumentieren. Es hat keine Meinung. Es widerspricht nicht. Es ist das perfekte Opfer.
Heidi Klum sitzt derweil irgendwo mit ihrer Tochter, die seit gefühlten drei Jahren auf jeder Titelseite steht, und wartet darauf, dass ihr jemand sagt, sie solle das Foto runternehmen.
Niemand sagt es. Aber das hat bestimmt mit Followerzahlen zu tun. Und nicht mit Prinzipien.

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