Éliane Radigue: Die Mutter des Drone ist tot 
Foto: Delphine Migueres/ Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0

Éliane Radigue: Die Mutter des Drone ist tot 

News. 25. Februar 2026 | 0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Die französische Komponistin und Pionierin der elektronischen Musik, Éliane Radigue, ist im Alter von 94 Jahren verstorben. Das bestätigt das Pariser Klanginstitut INA GRM. Mit Radigue geht die "Mutter des Drone", eine Künstlerin, die das Wesen von Zeit und Klang jenseits von Rhythmus und Melodie neu definierte.

Geboren 1932 in Paris, begann Radigues Weg klassisch am Klavier und der Harfe. Eine Zufallsbegegnung mit Pierre Schaeffer, dem Begründer der Musique concrète, in den 1950er-Jahren änderte ihren Zugang zu Musik. In einer damals rein männlich dominierten Studio-Welt arbeitete sie sich als Assistentin hoch – eine Zeit, die sie später als harte, aber prägende Lehrjahre beschrieb: "Ich habe Tonbänder geschnitten, geklebt und bearbeitet", erinnerte sie sich in einem Interview. Während die Männer im Studio oft nur ihren Duft kommentierten, lernte Radigue die Mechanik des Klangs.

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Der Synthesizer als Lebenswerk

In den 1970er-Jahren fand Radigue ihre wahre Stimme im ARP 2500. Dieser schrankgroße Modular-Synthesizer wurde für über 30 Jahre ihr wichtigster musikalischer Partner. Radigue schuf darauf Werke von immenser Langsamkeit, sogenannte Drones. Dafür spielte sie den Synthesizer nicht, sondern "bewohnte" ihn, wie sie sagte. Mit Hilfe subtiler Feedbacks und feiner Schwingungen gelangen ihr Klangflächen, die sich so langsam verändern, dass die Bewegung für das menschliche Ohr kaum greifbar war. 

Ihr wichtigstes elektronisches Werk, die "Trilogie de la Mort", gilt heute als Meilenstein der elektroakustischen Musik. Es ist eine meditative Auseinandersetzung mit dem tibetischen Buddhismus und dem Übergang zwischen Leben und Tod. Themen, die ihre gesamte spätere Ästhetik beeinflussten.

Nach drei Jahrzehnten an den Reglern vollzog Radigue um das Jahr 2001 einen Bruch: Sie gab die Arbeit mit dem Synthesizer auf und wandte sich rein akustischen Instrumenten zu. In der Werkserie "Occam Ocean" arbeitete sie eng mit Solist:innen und Ensembles zusammen. Dabei übertrug sie ihre stehenden Klänge auf Harfe, Cello oder Blasinstrumente.

Die Wende zum Akustischen

Radigues Musik erforderte eine "neue Art des aktiven Zuhörens", wie der Komponist François Bonnet das Erlebnis ihrer Stücke beschrieb: "Es ist, als würde man dem Mond beim Wandern zusehen. Wenn man hinschaut, passiert scheinbar nichts , doch am Ende der Nacht steht er an einer anderen Stelle."

Éliane Radigue wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2019 mit dem renommierten Giga-Hertz-Preis des ZKM Karlsruhe für ihr Lebenswerk. Bis ins hohe Alter blieb sie aktiv und inspirierte Generationen von Musiker:innen im Ambient-, Elektro- und Avantgarde-Bereich. Mit ihr verliert die Kunst eine Persönlichkeit, die bewiesen hat, dass Stille und minimale Veränderung eine gewaltigere Wirkung entfalten können als jeder laute Effekt.

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