Die Fußball-Weltmeisterschaft mit Techno vergleichen? Ist auf den ersten Blick ziemlicher Quatsch. Auf den zweiten aber die ultimative Dreierkette aus Nationalcharaktere, Musikstile und Szene-Codes. Eine Vorberichterstattung.
Anpfiff! Die FIFA-Weltmeisterschaft (der Herren – weil man das inzwischen dazusagt) findet bei Trump und auch ein bisschen in Mexiko und Kanada statt. Die gute Nachricht: Deutschland ist dabei. Manuel Neuer auch. Daneben spielen 47 weitere Nationen mit, darunter die Kapverden und der Irak. Was viele vergessen, wenn sie ihren Wecker auf sommermärchentaugliche drei Uhr früh stellen: Die WM 2026 ist das größte ungenutzte Line-up der Musikgeschichte. Beteiligen sich doch über 1200 Fußballspieler, die mehr über Timing, Druckaufbau und den richtigen Moment für Gegenpressing wissen als alle, die gerade durch den Resident-Advisor-Kalender scrollen.
Wer das jetzt schon für Quatsch hält, hat noch nie darüber nachgedacht, was ein Mittelfeldspieler und ein DJ eigentlich gemeinsam haben. Beide lesen Räume in Echtzeit, beide reagieren auf etwas, das sich ständig verändert. Und beide wissen, dass man einen Raum verlieren kann, wenn man zu lang mit der nächsten Entscheidung wartet. Der Unterschied ist, dass der eine für seine Fähigkeit mit bis zu vier Millionen Euro pro Woche entlohnt wird und der andere mit ein paar zerknitterten Scheinen und einem Freigetränk an der Bar. Das sagt vermutlich mehr über die Ökonomie der Aufmerksamkeit aus als über den Wert der Fähigkeit selbst. Aber lassen wir das kurz beiseite.
Denk ich an Kimmich in der Nacht
Nehmen wir Jamal Musiala. Er spielt für Deutschland, ist 23 und die Hälfte der vergangenen Saison auf Krücken rumgestorcht. Trotzdem ist er in Nagelsmanns Startelf gesetzt, weil es schlicht keine Alternative gibt zu dem, was er tut. Nämlich: Dinge tun, die kein Mensch vorausgesehen hat, die aber im Nachhinein alle gesehen haben wollen. Dieses Gefühl kennt man auch vom Dancefloor, wenn ein Track plötzlich in eine Richtung zieht, von der man nicht wusste, dass man darauf gewartet hat. Arrivierte Doppelpasskenner nennen das Instinkt, der durch tausende Stunden Arbeit so weit verfeinert wurde, dass er wie Leichtigkeit aussieht.
Musiala wäre deshalb der ideale Berghain-Pick. Einfach weil er der einzige Spieler in diesem Kader ist, der auf Anhieb durch die Tür käme. Und zwar nicht wegen seiner Bekanntheit, sondern wegen seiner Haltung dazu. Er gibt keine Interviews, in denen er erklärt, wie besonders er ist. Er spielt einfach. Das Berghain funktioniert nach demselben Prinzip: kein Promoblödsinn. Nur das, was passiert, wenn jemand weiß, was er tut.
Bonjour, Baguette!

Kylian Mbappé dagegen kommt nicht rein. Der französische Superstar ist zu sehr das, worüber alle reden. Also: Mainstage beim Tomorrowland, goldene Stunde vor dem Feuerwerk. Und vor 80.000 Verrückten, die genau wissen, was sie kriegen, und es trotzdem so feiern, als hätten sie es nicht gewusst. Sein Sound wäre French Toast mit Orchesterelementen, dem man anmerkt, dass dahinter zu viel Ghostwriter und zu wenig Selbstzweifel stecken.
Ausverkauft wäre der Auftritt natürlich trotzdem, weil Mbappé es schafft, das alles mit einer körperlichen Präzision zu füllen, die sich – wie sagt Charlotte dazu – total ehrlich anfühlt. Man weiß, dass es Spektakel ist. Und deshalb schaut man hin. Das ist eine eigene Qualität, und sie wird in der Szene chronisch unterbewertet, weil Größe dort gerne mit Ausverkauf gleichgesetzt wird. Dabei ist die Fähigkeit, ein Stadion zu diktieren, nur eine andere Spielart derselben Kompetenz, die nachts um vier in einem 300-Personen-Keller gefragt ist.
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Ich kauf dein Leben, Oida!
Was die Szene wirklich liebt, aber nie zugeben würde, ist die Figur des späten Anlasses. Den Spieler, der eigentlich nicht mehr gebraucht wird, der aber immer noch da ist, weil niemand sonst diese spezifische Aufgabe erledigt. Marko Arnautovic, 37, letztes Turnier für Österreich, mehr Länderspiele als fast jeder andere im Kader, mehr Vereine als manche Spieler Saisons, ja dieser Ich-kauf-dein-Leben-Arnautovic ist immer noch dabei, weil der Trainer keine andere Wahl hat und weil Arnautovic im zweiten Gruppenspiel gegen Messi beim Spielstand von 0:9 einen Gesichtsausdruck aufsetzen kann, der sagt: Ich war schon in schlimmeren Situationen, heast!
Das ist eine sehr österreichische Qualität, dieser trotzige Gleichmut, diese Weigerung, sich von der Größe des Moments beeindrucken zu lassen. Arnautovic wäre deshalb der DJ fürs Closing in der alten Pratersauna, letztes Set Sonntagmorgen, wenn der Stuck von der Decke rieselt und alles rund ist. Manch ein Phrasendrescher nennt das horizontales Verschieben. Andere sagen einfach Erfahrung dazu.
Tiki-Taka-Toe
Das Interessante an nationalen Spielstilen ist, dass sie sich mit nationalen Clubkulturen decken, auf eine Art, die niemand geplant hat und die deshalb glaubwürdig ist. Der spanische Fußball war mal Tiki-Taka, kurze Pässe, Ballbesitz als Wert an sich, das Spiel als Selbstzweck. Die spanische Clubszene, Barcelona und Madrid und das, was in diesen Städten nachts passiert, funktioniert nach demselben Prinzip: Prozess vor Resultat, Bewegung als Aussage.
Lamine Yamal, der jüngste Spieler in diesem Turnier, der ernsthaft gehandelt wird, verkörpert das auf eine Art, die schon fast unangenehm ist, weil sie so mühelos wirkt. Er wäre der Überraschungs-DJ beim Pop-up im Hinterhof, kein Flyer, kein Listing irgendwo, Einlass über eine Nummer, die man von jemandem hat. Und trotzdem die beste Nacht seit Monaten, weil das, was dort passiert, noch nicht durch Erwartung verformt wurde. Das ist er dann, der Moment, den die Szene sucht und meistens erst versteht, wenn er schon vorbei ist.
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Like a Hurricane
Der englische Fußball ist das Gegenteil davon. Er ist physisch, direkt, laut, er vertraut auf Wucht und Tempo und hat mit Harry Kane einen Spieler, der das alles in eine Person fasst, die gleichzeitig zu viel und genau richtig ist. Kane ist fabric London, Room One, Peaktime, kein Aufwärmen, direkt rein. Er ist der Typ, der mit einem Track beginnt, der einem das Gefühl gibt, die letzten zwei Stunden seien eine Vorleistung gewesen. Das ist technisch Wahnsinn und sozial manchmal schwer zu ertragen, aber niemand geht früher. Die Engländer haben das Problem, dass ihre Szene international unterschätzt wird, weil sie zu offensichtlich ist. Das sagen die Leute übers fabric auch, solange bis sie dort waren.
Diese WM findet in den USA, Mexiko und Kanada statt, in 16 Städten, verteilt über eineinhalb Monate. In Stadien, die eigentlich für den American Dream gebaut wurden, mit Logistik, die nach Brachialökonomie riecht und Atmosphäre, die man kaufen muss, weil sie sich nicht von selbst einstellt. Das ist natürlich das genaue Gegenteil von dem, was eine gute Klubnacht ausmacht. Aber das war das Berghain letzte Woche auch. Manchmal entsteht das Richtige nämlich gerade deswegen. Aus den falschen Bedingungen und ein bisschen Quatsch.