Zwischen dem ersten illegalen Rave und dem letzten Matcha-Tänzchen ist etwas verloren gegangen. Kein einzelner Moment, sondern sieben Dinge, die das Business dem Technogeklaut hat. Von der Anonymität bis zur herrlichen Nutzlosigkeit: eine Bestandsaufnahme dessen, was übrig bleibt, wenn der Underground zum Lifestylewird.
1) Das Gesicht
Man war eine Silhouette im Nebel, ein Schatten in Schweiß. Jedenfalls: geschützt durch das fehlende Interesse des Gegenübers an deiner bürgerlichen Existenz. Inzwischen ist der Club ein perfekt ausgeleuchtetes Set für die zwanghafte Reality-Show über das eigene Ich. Man tanzt nicht mehr, man performt. Und so stehen sie da, die Erlebniskonsumierenden. Und sie starren nicht in die transzendente Unendlichkeit eines siebenunddreißigminütigen Villalobos-Tracks, sondern auf den Autofokus ihres iPhone 17. Ein schneller Schwenk über die Crowd, Filter drüber, damit das Elend nach Ekstase aussieht, und geil: Die Intimität ist tot, erschlagen von der Reichweite. Irgendwann erwischt man sich dabei, wie man in der Stimmlage von Richard David Precht denkt: Wenn jede Sekunde verwertbar sein muss, findet kein Moment mehr statt.
2) Die Schamlosigkeit
Es ist alles teuer geworden. Sagt der Hausverstand. Oder ein Blick auf eine alte Getränkekarte im Berghain. Und schon davor, an der Tür, war es anders. Man zahlte einen Betrag, der sich nach dem Inhalt einer durchschnittlichen Hosentasche anfühlte. Man wusste nicht, was Business Techno bedeutet. Oder warum ein paar Jahre später diese komischen Start-up-Clowns mit ihren 600-Euro-Sneakern jetzt auch mal im Darkroom feiern wollen.
Der Einlass ist keine Frage der Attitude mehr, eher eine der Liquidität und des korrekt kuratierten Outfits, das ein toller Designer in Berliner Baumärkten zusammenlötet. Die Klassengesellschaft hat den Dancefloor besetzt und hinkt im Takt der Profitmaximierung. Wer 120 Euro für ein sogenanntes Early-Bird-Ticket zahlt, erwartet nämlich eine Dienstleistung. Nur: Ekstase ist nicht dienstleistungsfähig. Sie ist entweder – Obacht, Lehrerzimmer – umsonst oder unbezahlbar. Alles dazwischen ist nur eine laute Betriebsfeier mit teureren Drogen.
3) Der Kontrollverlust
Es war wie im Krieg, würde sicher niemand sagen, der oder die damals dabei war. Aber: einsturzgefährdete Gebäude, Stress mit den Bullen oder einfach nur eine absolut notwendige Unsicherheit waren schon verpflichtend. Man ging ja verloren. Also, eigentlich wollte man ja verloren gehen.
Jetzt ist der Rave eine zertifizierte Gesundheitsmaßnahme. Es gibt Awareness-Teams (was moralisch wertvoll ist, aber eben auch beweist, wie unfähig wir geworden sind, einfach nur menschlich aufeinander aufzupassen). Es gibt Obstteller. Es gibt isotonische Getränke. Und natürlich gibt es auch Yoga-Techno. Weil Unsicherheit? Da bräuchte es dann bittschön eine Triggerwarnung dafür.
Die Gefahr ist jetzt Komfort. Dafür wundert man sich, warum allen so unendlich langweilig ist, während man sich gegenseitig mit Tee zuprostet. Wer Angst hat, sich die Seele schmutzig zu machen, sollte nicht in den Keller gehen. Aber heute ist der Keller eben klinisch rein und riecht nach Desinfektionsmittel, Selbstoptimierung und Lavendelöl.
4) Der kaputte Sound
Am Anfang war: eine völlig übersteuerte, kurz vor dem Exitus stehende Anlage in einem feuchten Keller. Nun: alles digital optimiert, perfekt eingemessen, kristallklar.Und damit so steril wie ein Operationssaal in der Charité nach der Generalreinigung. Schließlich soll es nicht wehtun. Aber, kurz rumboomern: Techno muss wehtun. Alles andere ist Akustik-Design für Vollzeitpendler, die am Wochenende kurz so tun wollen, als wären sie subversiv, während sie innerlich die To-do-Liste für Montag abhaken.
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5) Das Mysterium
DJs waren schrullige Sammler, die Platten sorgfältig mit Edding übermalten, damit niemand ihre wertvollen Geheimnisse klaut. Es gab keine Rider (außer vielleicht zwei warme Dosenbier). Es gab kein Pressefoto. Und es gab auch keinen Booking-Agenten namens Konstantin, der auf LinkedIn über Brand-Alignment und Global Reach schwafelt.
DJs sind hochglanzpolierte Medienzentren mit angeschlossener Merchandising-Abteilung und eigenem Social-Media-Manager. Es gibt einen Lifestyle-Berater, eine perfekt abgestimmte Content-Strategie und ein Gesicht, das sehr oft in Weitwinkelobjektive gelächelt hat. Der Underground ist nur noch das notwendige, etwas lästige Warm-up für den Major-Deal und die eigene Modekollektion.
6) Die politische Wut
Techno kommt aus der schwarzen, queeren Community in Detroit und Chicago. Es war der Sound der Ausgestoßenen, derer, die keinen Platz in der glitzernden, heteronormativen Mitte hatten und ihn auch gar nicht wollten. Es war politisch, weil die reine Existenz dieser Partys ein massiver Mittelfinger gegen alles war.
35 Jahre vorgespult: Rave ist der Soundtrack für den "Festival-Sommer" der weißen, privilegierten Mehrheitsgesellschaft. Man hat die Ästhetik schamlos geklaut, die Ketten, die Latex-Elemente, sogar die Neonfarben –, aber den eigentlichen Inhalt im Pfandleihhaus der Geschichte gegen ein Sponsoring von Red Bull eingetauscht. Es ist eine peinliche Kostümparty geworden. Man trägt "Queer-Aesthetics" als modisches Accessoire spazieren, ohne jemals für irgendetwas kämpfen oder auch nur eine Sekunde Diskriminierung ertragen zu müssen.
Die Hülle glänzt in Regenbogenfarben, aber drinnen ist nur noch Corporate Identity.
7) Die herrliche Nutzlosigkeit
Rave war die totale Verweigerung von Sinnhaftigkeit. Man ging hin, man verballerte sein Geld. Und am nächsten Mittag storchte man aus dem Club und hatte absolut nichts. Außer dieser sehr schönen Erinnerung, die man niemals in Worte fassen darf.
Heute muss alles einen verdammten Nutzen haben. Man networkt auf dem Dancefloor. Man optimiert seinen Körper für die nächste "Session". Man geht zur Klubnacht, um danach einen viel zu langen Post abzusetzen, wie toll man losgelassen hat.
Die reine, zweckfreie, nihilistische Vernichtung von Zeit ist ausgestorben. Wir sind produktiv geworden, sogar beim völligen Durchdrehen. Wir haben den Exzess in den Moleskine-Kalender integriert (Samstag, 23:30 Uhr: Ekstase; Sonntag, 09:00 Uhr: Avocado-Toast). Damit haben wir ihm das Herz herausgerissen. Denn ein geplanter, zweckgebundener Exzess ist kein Exzess.
Nur noch Business. Mit Techno.