Diese vergessenen Trip-Hop-Alben sind heute wichtiger denn je

Diese vergessenen Trip-Hop-Alben sind heute wichtiger denn je

Features. 17. Januar 2026 | / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Die Neunziger waren eine einzige Übertreibung. Alles musste plötzlich hyper sein: Techno, Aktienkurse, der Hype um das neue Internet. Die Popkultur atmete schwer, sie lief auf Hochtouren, bis der Motor stotterte – und Trip-Hop erfand.

Trip-Hop war der Beweis, dass man den zweiten Gang auch bei 140 Sachen auf der Autobahn reinbekommt. Es war Pop, der sich nicht länger vornüber beugen wollte, um sich selbst zu feiern, sondern sich lieber zurücklehnte, eine Zigarette anzündete und erstmal nachdachte. 

Melancholie wurde in Trip-Hop zur Währung der Intelligenz. Wer zu laut und zu schnell war, galt als naiv. Wer schön traurig war, hatte die Ironie der Zeit verstanden, denn: Das Beste am Spektakel war der Abschied davon. Hier also: zehn Alben, die stiller kapitulieren als jedes Tocotronic-T-Shirt.

Terranova – Close the Door (1999)

In Berlin war Trip-Hop nie Gefühl, sondern Aggregatzustand. "Close the Door" ist das gasförmige Produkt dieser Stadt im Spätneunziger-Schlafanzug. Beats, die klingen, als würden sie durch Kellerwände tropfen, Vocals, die zu müde sind, um sexy zu sein. Terranova – Ex-Punks, Ex-Graffiti, Ex-alles – ziehen Bristol durch eine filterlose Zigarette, inhalieren: Bass, Fläche und Kratzen. Songs wie "Tokyo Tower" oder "Just Enough" sind keine Hymnen, sie sind Verkehrsunfälle in Zeitlupe, aber rückwärts. Und trotzdem hat man das Gefühl, die Band wüsste genau, was sie tut, also: trippen ohne träumen. Dass sie 1999 ausgerechnet auf Studio !K7 landeten, sagt alles. Es war der Ort, wo man Soundtracks für Menschen schnitt, die heute bewusst auf Netflix verzichten.

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Bowery Electric – Beat (1996)

Bristol war der Körper, New York sein Schatten. "Beat" ist aber auch kein Trip-Hop-Album im klassischen Unsinn. Es ist eine Halluzination davon. Kann passieren, wenn man Schnürsenkelmusik hernimmt, ihr den Glamour entzieht und ihn langsam zu Staub zerfallen lässt. Übrig bleibt ein pulsloser Herzschlag, der ungefähr so ansprechend ist wie eine leere U-Bahn-Station. Ja, das ist Trip-Hop für Leute, die zu viel Galaxie 500 gehört und dann die Hoffnung verloren haben und jetzt sagen: Da ist kein Licht mehr, aber eine unglaubliche Ruhe in der Dunkelheit. "Beat" ist also nicht nur Schatten, es ist New York in 16-Bit-Graustufen. Viel zu langsam für Techno, zu kühl für Jazz, jedenfalls zu schön für Lärm. Und damit Musik, um das eigene Verschwinden zu üben. So, als stünde man nachts auf der Williamsburg Bridge und wüsste nicht mehr, ob man noch wartet oder schon gesprungen ist.

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Waldeck – Balance of the Force (1998)

Trip-Hop aus Wien klingt wie ein schlechter Witz: zu gemütlich, zu Kaffeehaus. Aber Klaus Waldeck macht 1998 aus der britischen Dark-Room-Fantasie eine Continental-Breakfast-Coolness, die in der Sofaecke im vierten Verlängerten rührt. Tracks wie "Northern Lights" oder "Defenceless" rufen Kruder und dann Dorfmeister, in ihrer Stimme schwingt nur weniger Wellnessschinken. Dafür mehr Weltuntergang im Abendanzug, weil: Waldeck war nie der Typ für Understatement. Seine Musik hat den Glanz von Cognac oder Chrom. Und genau das macht ihn so charmant. Er bringt Eleganz in eine Musik, die sich eigentlich nur in Nebelschwadenbildern wohlfühlt. Was in Wien, wo alles ein bisschen zu grau ist, um nach vier noch nüchtern zu bleiben, großartig funktioniert.

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DJ Krush – Strictly Turntablized (1994)

Trip-Hop ist im dritten Monat schwanger und DJ Krush macht den Ultraschall. Alles fließt, nichts ist fix. Es fehlen noch Refrain, Gesang, Posenblödsinn. Dafür schon klar erkennbar: Beats, die sich vor Verantwortung ducken. Krush war nämlich nie Romantiker, sondern eher Architekturbüro für Schweigen. Seine Tracks wirken wie Haikus zwischen Samurai-Ethos und MPC-Poesie. Während die Briten noch Samples von Soulplatten zerschnitten, hat Krush längst in Geräuschen gedacht: Regen auf Asphalt, Schritte in Gassen, das, was man sich heute in drei Minuten ziehen kann. "Strictly Turntablized" ist also die Anti-Trip-Hop-Platte der Neunziger. Gemacht für Menschen, die wieder in den Club rein wollten, aber dann doch noch mal einen bauten. Und im Gegensatz zu dem, was Burial später draus machen sollte, nicht der Soundtrack für nächtliche Fahrten, eher für den Moment danach – wenn man merkt, dass man angekommen ist, nirgendwo.

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Sneaker Pimps – Becoming X (1996)

Hier ist er, der Moment, als Trip-Hop Mascara entdeckt. Das heißt: "Becoming X" ist jenes Album, das die Coolness des Genres in Chartform brachte. Und: Die kiffenden Puristen hassten es. Logisch, war ja plötzlich eingängig und hübsch. Außerdem lief das auf MTV, igitt! Na ja, dem Rest gefiel es trotzdem. Kelli Ali singt, als hätte sie gerade mit Garbage und Björk um denselben Aschenbecher gestritten. "6 Underground" ist Pop-Nihilismus im Gucci-Kleid, "Spin Spin Sugar" klingt, als würde jemand einen Nervenzusammenbruch performen. Das Album hat diesen Moment eingefangen, in dem Trip-Hop endgültig zum Stil wurde. Es war die Kunst, sich langsam zu bewegen und dabei gut auszusehen. Dass die Band danach implodierte, passt perfekt. Niemand kann ewig so elegant an sich selbst zugrunde gehen.

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Hooverphonic – A New Stereophonic Sound Spectacular (1996)

Gerade noch die Augen schön gemacht, schon duftet alles nach Dutyfreehölle. Der Grund? "A New Stereophonic Sound Spectacular" ist, als hätten Portishead zu viel Sekt getrunken und sich dann in ein James-Bond-Intro verirrt. Sängerin Es haucht, man schmachtet. Darunter schleichen Beats, die viel zu tolle Tricks draufhaben, um wirklich gefährlich zu sein. Aber genau das ist der Reiz. Dieser Sound tut so, als würde er verführen, dabei sediert er. "2 Wicky" ist das elegante Eröffnungsritual. "Inhaler" das fiebrige Nachglühen. Hooverphonic machen Trip-Hop nämlich nicht für gebrochene Seelen, sondern für Menschen mit Siebträgermaschine. Das war Lounge, bevor Lounge ein Schimpfwort wurde. Und trotzdem: Zwischen all den Rattanmöbeln blitzt etwas auf, das größer ist als die Gartengarnitur: eine Ahnung, dass Coolness auch eine Form von Einsamkeit sein kann.

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Lamb – Fear of Fours (1999)

Endlich Breakbeats, die nicht so daherkommen, als hätte sie jemand mit dem Lineal gezogen. Rhythmen stürzen ein, Streicher nehmen Valium. Für "B Line" kollabiert sogar ein Jazzquartett in einem Serverraum. Denn Lamb wollten immer mehr als vollgequalmte Dancefloors. Sie suchten die Schnittstelle zwischen Feelings und Fehlercode. Der Titel ist Programm: ungerade Takte, ungerade Seelen. Und ein Engel, irgendwo zwischen Heiligenschein und Heulkrampf, singt. "Fear of Fours" ist die unromantische Wahrheit über Trip-Hop: Nicht alles, was langsam ist, muss traurig sein. Und nicht alles, was traurig ist, ist Trip-Hop. 

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Alpha – Come From Heaven (1997)

Alpha waren so etwas wie die kleinen Brüder von Massive Attack, nur mit noch weniger Tageslicht. Sie säuseln: Bloß kein Stress! Es herrscht ja Überfluss, melancholischer Überfluss! Gut, so kann man die Vollnarkose auch nennen, halt als Stilleben. In Songs wie "Sometime Later" oder "Rain" wird Traurigkeit nämlich zur Textur. Man könnte auch Ornament sagen, aber das klingt nach Revolution. Und: Alpha wollten keine Bengalos zünden, sie wollten Ruhe haben in einer Zeit, in der jede Snare noch politisch klingen musste. "Come From Heaven" ist also anders. Der beste Trip-Hop für Menschen, die seit zwei Jahren die Zeit abonnieren, aber einfoliert wegschmeißen.

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Archive – Londinium (1996)

Wo wir gerade dabei sind: Das ist Trip-Hop für Ingenieure: symmetrisch, präzise, ohne Sex. Archive kamen aus London, aber "Londinium" klingt, als hätten sie das Stadtbild nur durch eine milchige Glasscheibe gesehen. Dazu diese Orchestergrabenwehmut. So entstand ein Konzeptalbum über Entfremdung, bevor das Wort auf jedem Uni-Reader stehen musste. Ist alles düsterer als das Düsterste von Massive Attack. Es zersetzt sich aber so, dass das Feuilleton mitkommt. Dort steht dann wahrscheinlich: Songs wie "So Few Words" sind Kathedralen aus Hall, gebaut aus der Sehnsucht nach Kontakt. Na ja. Man kann auch Excel-Tabellen schön finden oder alles verdrängen.

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Madonna – Ray of Light (1998)

Vergesst alles! Madonna hat Trip-Hop salonfähig gemacht. Und zwar ohne es zu wollen. "Ray of Light" ist eigentlich ein Pop-Album auf Pilzen: Es riecht nach Chanel Nr. 5, glaubt an Reinkarnation, und klingt, als hätte William Orbit heimlich Portishead gehört und sich dabei vorgestellt, er sei Kruder oder Dorfmeister (aber halt mit Geld, Yoga-Lehrerin und Major-Deal). Ja, "Frozen" ist quasi Wiener Downtempo-Schule als Vitamin-D-Präparat. Aber: Madonna verwandelt das, was mutige Musikjournalisten später introspektive Beats nennen, in spirituelle Erweckung. Plötzlich fragt Trip-Hop nicht mehr nach langen Papes, sondern nach einer Klangschale. Man kann das für Hochverrat halten oder für den cleversten Kulturimport der späten Neunziger. Pop, der so tut, als würde er sich selbst verzeihen. "Ray of Light" ist jedenfalls das Album, mit dem Trip-Hop endgültig aus dem Untergrund herausleuchtet. Und zwar in die Umkleidekabine von Selfridges.

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