Techno im Hot-Yoga-Studio: Weil ich es mir wert bin

Techno im Hot-Yoga-Studio: Weil ich es mir wert bin

Features. 7. Januar 2026 | 3,7 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Es riecht nach Eukalyptus aus der Dose. Nicht nach Zigarettenrauch, nicht nach dem, was sonst an Sonntagen im Morgengrauen zu Techno aus jeder Pore dampft. Nein, es riecht nach Eukalyptus und einem Raum, der eigentlich steril sein will, aber sich nicht von der Tatsache befreien kann, dass hier gerade zwanzig verschwitzte Körper versuchen, gleichzeitig zur Kickdrum die Balance zu halten. 

"Atmet tief ein”, brüllt die Lehrerin vorne, barfußelastisch, in ihr Headset-Mikro. Sie heißt Annabel, vielleicht auch Charlotte, jedenfalls reißt sie hier gerade euphorisiert die durchtrainierten Arme hoch: "Wir spüren den Beat, wir spüren ihn wirklich!”, schreit sie ehrlich und im Hintergrund läuft das Intro zu Ben Klocks fabric-Mix von 2012.

Ich bin bei Techno im Hot-Yoga-Studio und kann es kaum glauben. Weil: Das ist die Pointe, die sich der sogenannte Underground selbst geschrieben hat. Irgendwann war man mal feiern, die ganze Nacht. Heute: Holt man sich nach einer Afterwork-Schnupperstunde das Drei-Monats-Abo, von dem man sich was erhofft – Selbstfindung, na ja, ein bisschen Wärme zumindest. Man schwitzt nämlich nicht mehr für den Rausch, man schwitzt für Detox und die Dehnbarkeit. Zur selben Kickdrum, nur diesmal nicht im Keller, sondern unter Infrarotlampen. 

Beats for Balance

Links von mir klappt ein junger Typ gerade in die "Krieger-Position” und trieft wie in der Panorama Bar kurz nach zehn Uhr morgens. Rechts neben mir: zwei Freundinnen, Lululemon von oben bis unten. Sie waren noch nie im Berghain, aber hier tun sie so, als hätten sie es zumindest auf der Matte geschafft. Sie bewegen sich synchron, Instagram-ready, wie ein Mini-Kollektiv aus Wellness-Techno-Jüngerinnen, die den Bass nicht im Brustkorb, sondern in der Aromatherapie verorten.

Ich schwitze auch. Aber nicht im guten, exzessiven Sinne, sondern im medizinischen. Meine Stirn, mein ganzer Körper wird zum Wasserfall. Ich zerfließe, spiegle mich schon im PVC-Boden. Früher hätte ich wahrscheinlich gesagt: "Ok, ich bin gut drauf, gleich hole ich mir noch ein Wasser an der Bar.” Hier sagt man: "Noch fünf Atemzüge, dann machen wir Shavasana.”

Die Musik ist gerade laut genug, die Scham über das eigene Stöhnen zu verstecken. Während ich versuche, die "Krähe” zu halten – was, ehrlich gesagt, so aussieht, als würde man gleichzeitig einen epileptischen Anfall vortäuschen und dabei beten, dass niemand es filmt – läuft im Hintergrund ein Track von Tale of Us. Ich denke mir: Das ist genau der gleiche Move wie damals, als es plötzlich Smoothie-Bars in Clubs gab. Eine Szene, die immer alles verschlingen muss: Pop, Kunst, Mode, jetzt eben auch Achtsamkeit bei 38 Grad im Schatten.

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Cold Brew war gestern

Annabel oder Charlotte lächelt. Ein professionelles Lächeln, das in jedem Club sofort verdächtig wirken würde. Hier ist es Teil der Dienstleistung. "Atmet ein, lasst den Beat in eure Wirbelsäule fließen.” Ich stelle mir vor, wie Laurent Garnier in den Neunzigern diesen Satz auf einem Flyer zitiert gelesen hätte. Vermutlich wäre er vor Lachen gestorben.

Aber hier funktioniert es. Die Leute um mich herum scheinen wirklich in Trance. Ich fantasiere, oder kapiere: Vielleicht ist das gar nicht so weit weg von dem, was Techno immer schon war. Ein Kollektiv, ein Raum, ein Zustand, der jenseits von Zeit und Ort funktioniert. Nur dass hier die Uhren anders ticken: Nicht 36 Stunden wach, sondern 60 Minuten Power-Yoga.

Es gibt Parallelen, die schmerzen. Das Hot-Yoga-Studio ist wie ein Club ohne die dunklen Seiten. Kein Drogenabsturz, keine versifften Toiletten, nicht mal Sonnenbrillen in der S-Bahn. Stattdessen: sauber, hell, aufgeräumt, "die Matten bitte mit dem hauseigenen Spray säubern”, steht da auf einem laminierten Din-A4-Zettel in Helvetica. Denn: Jeder Atemzug zählt, jeder Move hat einen Namen. Ordnung im Chaos. Genau das, was Clubs nie sein wollten. Genau das, was uns die Wellnessindustrie verkauft.

Underground Resilience

Und doch, wenn alle regungslos auf dem Boden liegen, ein langes Drone-Stück aus den Lautsprechern sickert, da passiert kurz etwas Echtes. Es fühlt sich an wie Afterhour, aber ohne die Müdigkeit. Wie Erschöpfung, aber mit der Garantie, dass danach ein frischer Fruchtsaft wartet. Schließlich ist Techno nicht mehr gefährlich, nicht mehr verboten oder exklusiv. Er ist Wellness. Und gleichzeitig bleibt er das, was er immer war: eine Schleife, die Körper und Kopf in eine andere Frequenz bringt.

Als ich das Studio verlasse, draußen, im Hellen, sehe ich die Menschen mit ihren eingerollten Yogamatten. Accessoires einer Subkultur, die längst keine Subkultur mehr ist. Man nickt sich kurz zu, ein stummes Einverständnis: Wir waren gerade zusammen auf einer Reise, die wir uns teuer erkauft haben. Man müsste fast weinen, hätte man nicht schon alles rausgeschwitzt.

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