Es gibt in der elektronischen Musik circa zwei Arten von DJs: Die einen wirken, als hätten sie eine berufsbegleitende Fortbildung als DJ absolviert, inklusive Farbmarkierung ihrer Rekordbox-Playlists und einem LinkedIn-Profil, das behauptet, sie seien "Creative Audio Entrepreneur". Und dann gibt es Ricardo Villalobos.
Einer, der nicht auflegt, sondern passiert.
Der die chaotische Seele des Raves bewahrt. Und der sich hinter dem Pult herumbeugt, als suche er seinen Autoschlüssel, aber eigentlich nur die Clubgeschichte neu kalibriert. Ja, Ricardo Villalobos ist der Einzige, der wirklich alles getan hat, was man im Techno tun kann, ohne jemals etwas davon zu planen. Der letzte Rockstar, weil er der erste war, der nie versucht hat, einer zu sein.
Achtung, Cliffhanger!
Man sagt, er sei "exzentrisch". Das ist die höfliche Pressetext-Variante für: Dieser Mann funktioniert nach seinen eigenen Regeln. Außerdem hat er die Aura eines Menschen, der seit 1999 nicht mehr geschlafen hat und genau so aussieht. Trotzdem haut er zwischendurch Sätze raus wie: "Musik ist an sich eine Ironisierung der normalen Verständigungsebene, weil die Stimmungslagen in der Musik unabhängig von deiner persönlichen Realität passieren.”
Äh, ja. Villalobos ist eben Musikauflegen, als hätte man sich vorgenommen, das Set in Echtzeit zu erfinden. Nicht vorbereiten, wirklich: erfinden. Wie dieser Meese, der gleichzeitig malt, tanzt, redet und vergisst, in welcher Reihenfolge das alles passiert. Ist bei Ricardo gleich. Dafür gibt es bei ihm die langen Build-ups, diese endlosen Tracks, in denen alle glauben, gleich passiert etwas. Ricardo ist der Einzige, der Anti-Klimax in eine Kunstform verwandelt hat. Er baut Spannung auf, nur um sie aus Prinzip nicht aufzulösen. Er ist ein menschlicher Cliffhanger.
Und all das in einer Szene, in der inzwischen sogar Nachwuchs-DJs Sponsoring-Deals mit proteinangereicherten Mate-Start-ups haben, steht Villalobos da wie der letzte echte Bohemien. Der Anti-Influencer, dessen wildestes Content Piece ein verschwommenes Handyvideo ist, auf dem er aussieht wie ein weltberühmter Philosoph, der auf der Suche nach der verlorenen Line ist.
Dabei ist es völlig egal, ob es das superlange Fabric-Set war, die nächtliche 5-Stunden-Impro in der Panorama Bar oder der Magaluf-Ausrutscher auf irgendeinem Festival, dessen Name klingt wie ein Energy-Drink-Schadenersatzprozess. Die Leute reden immer von denselben abstrakten Dingern: "Magie", "Ekstase", "Ricardo-Moment". Oder, wie ein YouTube-Kommentar mal sagte: "I don’t know what he’s doing, but I know why I’m crying."

Ernst ist tot
Ach ja, das ist übrigens die Definition von Rockstar. Nicht zugeballert das Hotelzimmer umgestalten. Sondern die Fähigkeit, eine Masse Menschen völlig unberechenbar zu kontrollieren. Mit Loops auf 15-Minuten-Dehnung. Mit, ähem: minimalen Mitteln.
Der Mythos hängt daran, dass Villalobos der letzte ist, der es geschafft hat, sich der Vollprofessionalisierung des DJ-Business zu entziehen. Alle anderen wurden von Managementfirmen gebügelt. Der Techno von heute ist "Artist Development" und "Storytelling". Sogar Nina Kraviz hat irgendwann aufgehört, die Snowboardjacke von 2006 zu tragen.
Nur Ricardo Villalobos steckt sich die Sonnenbrille ins Gesicht und ist nicht der perfekte DJ. Aber der letzte, der glaubhaft glauben lässt, dass Techno nicht von Algorithmen erzählt wird, sondern von Menschen. Menschen, die tanzen, stolpern, improvisieren, verschwinden, wieder auftauchen. Menschen, die die Nacht ernst nehmen, indem sie sie nicht ernst nehmen.
Deutschland denkt: Ich an die Nacht
Wenn Techno die Gegenwart ist, dann ist Villalobos der Don Draper dieser Gegenwart: ein Mann, der ein Chaos verkörpert, das nicht erklärt werden will. Er ist Amy Winehouse mit Drumcomputer. Er ist Björk, wenn Björk 12 Stunden im Circoloco spielen würde und niemand es hinterfragt. Er ist Keith Richards, wäre Keith Richards statt Drogen einfach Minimal verfallen. Er ist der Thom Yorke der Afterhour, der einzige Mensch, der im Morgengrauen aussieht, als sei seine Seele im richtigen Licht. Und natürlich ist er der einzige DJ, über den man gleichzeitig im Spiegel und im DJ LAB schreiben kann, ohne dass es Ironie ist.
Warum? Weil alles domestiziert wurde: das Chaos, die Nächte, die Fehler, die Magie. Alles ist quantisiert, alles synchronisiert, alles bereits vermarktet. Diese Unsicherheit, diese unberechenbare Schönheit, diese Möglichkeit, dass etwas Großes entsteht, oder etwas völlig anderes. Dass man die Kontrolle verliert, weil da vorne jemand steht, der die Kontrolle nie haben wollte.
Ricardo Villalobos ist das Gegenteil von dem, was Techno geworden ist: Er ist Leben. In einer perfekt durchformatierten Wellness-Dystopie ist er der letzte Rockstar des Techno. Denn er ist der letzte, der uns das Gefühl gibt, dass die Nacht etwas mit uns machen kann, statt wir mit der Nacht.
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