Maschinen lernen 909, wir applaudieren: Wie KI die nächste Technowelle produziert

Maschinen lernen 909, wir applaudieren: Wie KI die nächste Technowelle produziert

Features. 26. Februar 2026 | 0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Überraschung: Techno hatte nie Angst vor Maschinen. Techno war Maschine. Die Angst kam erst später, als Menschen begannen, aus Kickdrums Identität zu bauen. Und daraus irgendwas mit Moral zu machen. Heute stehen sie da, die gleichen Leute, die sich irgendwann mal zu dieser Maschinenmusik auflösten, und sagen Dinge wie: "Aber das ist doch gar nicht mehr authentisch!"

Dabei ist Techno ja nicht entstanden, weil jemand gesagt hat: "Lasst uns Kunst machen." Sondern weil ein paar Jugendliche in Detroit herumgedrückt und gemerkt haben: Das schiebt gerade richtig an. Die 909 war also nie ein Instrument mit Seele. Sie war der Fehler in der Betriebsanleitung. Und genau dieser Fehler wurde zur Weltanschauung.

Drei Schritte zur Seite: Alle labern von der Maschine und nicht mehr vom Menschen. Nur: Die Maschine lernt jetzt, wie der Mensch mal getan hat. Wie er beispielsweise einen Roland-Filter bauen konnte, der sich langsam öffnet, bis man denkt, da passiert nichts und dann passiert alles. Wir reden hier von Maschinen, die wissen, wann man eine 909 braucht oder eine 808. Oder bestenfalls beide, weil: Kawumm! 

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Die Maschine lernt jetzt zu sprechen, weil eine große Musikfirma ihr zuwinkt und sagt: "Okay, du darfst jetzt auch Scooter hören." Das heißt: Die Maschine bekommt offiziell Zugang zu allen Hits, zum Backktalog. Vor ein paar Monaten löste das noch Proteste, Petitionen,empörte Posts aus. Inzwischen: "strategische Partnerschaften", "verantwortungsvolles Training", "neue Möglichkeiten".

Darüber kann man "besorgt" sein. Oder so etwas wie "Bruch" dazu sagen. Aber eigentlich ist diese Entwicklung ein Coming-out – zumindest für das, was wir Clubkultur nennen. Techno gibt nämlich zu, was er immer war: ein Gespräch zwischen, äh: Mensch und Maschine. Nur diesmal wirklich ohne falsche Scham. 

Du bist kein Genie!

Die große Überraschung ist ja nicht, dass KI Techno kann. Die Überraschung ist, wie schnell wir uns damit abgefunden haben. Keine offenen Briefe, keine "Save the Underground"-Petition. Stattdessen hört man Sätze wie: "Ich nutz das als Tool." Oder: "Schon, aber nur für Skizzen." Irgendwann auch: "KI kann ja eh keine Seele." Was meistens heißt: Sie kann meine Seele erstaunlich gut simulieren.

Deshalb ist die Maschine im Studio vor allem eines: der perfekte Kopilot. Nie beleidigt. Selten mit Meinung, die nach Böhmermannpodcast klingt. Man wirft ihr eine vage Idee hin, sie wirft zehn zurück. Neun davon sind egal. Eine ist gefährlich gut. Und genau hier beginnt die Magic.

Schließlich entscheidet nicht die Maschine, was bleibt. Das müssen wir schon noch selbst tun. Die Maschine macht nur Vorschläge. Der Mensch trägt immer noch die Verantwortung. In einer Welt, in der man Festival-Line-ups und Drogenkonsum, die Timeline und den Kontrollverlust, Betroffenheit und Körperbilder, Zukunftsentwürfe, Empörungszyklen und sogar den eigenen Freundeskreis kuratiert, ist das neu. Und alt zugleich.

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Denn Techno war nie der Ort großer Genies. Techno war der Ort guter Entscheidungen. Zur richtigen Zeit. Mit den richtigen Werkzeugen. So war auch die 909 kein Künstler, sie war ein Angebot. Genau wie der Sampler. Genau wie der Laptop mit der gecrackten Fruityloops-Version. Und genau wie jetzt KI.

Der Unterschied: Jetzt denkt die Maschine mit. Oder tut zumindest so. Aber das reicht oft schon, um festgefahrene Routinen zu sprengen. Der zehnte langweilige Loop, der sonst im Unterordner stirbt, wird plötzlich weitergedacht. Nicht besser, aber nochmal. Und dieses Nochmal war immer der eigentliche Motor dieser Musik.

Ob wir wirklich richtig stehen …

Natürlich erzeugt das Angst. Dassalles gleich klingt, zum Beispiel. Dass Algorithmen Techno glattschleifen. Dass am Ende nur noch perfekt berechnete Locked-in-Loops existieren. Aber, ey, zwei Sekunden Spiegelblick: Diese Gleichschaltung existiert doch längst! Wir nennen sie "Peak Time Tools" oder "Business Techno" oder "Der funktioniert immer". Die Maschine erfindet also nicht. Sie hält uns neuerdings nur den Spiegel, in den wir schon lange starren.

Das Ding ist: Wir sehen darin nicht nur uns, wir erkennen darin jemand anderen. Eine Kränkung, die zeigt, wie viel von dem, was wir für Magie hielten, schlichtes Handwerk war. Pattern, Wiederholung. Sogar das, was wir Erwartungsmanagement nennen. Auf einmal ersetzt Prompt-Wissen das Crate-Digging. Wer weiß, wie man fragt, kommt weiter als der, der behauptet, nichts zu brauchen. Und: Authentizität wird keine Herkunftsfrage mehr, sondern eine Frage der Entscheidung.

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Schon ist die Maschine weniger Bedrohung, als vielmehr Entlastung. Sie nimmt einem nicht die Idee weg, sie nimmt einem die Angst vor der leeren Session. Sie ist der etwas bekiffte Freund, der sagt: "Geile Idee, lass uns ausprobieren." Und genau das hat Techno, der zuletzt so ernst geworden ist und überall Bedeutung erkennt und also viel zu viele Diskurse über Diskurse führt, gefehlt: dieses Einfach-mal-Machen.

Ja, Maschinen lernen 909. Wir sollten applaudieren. Nicht weil die Maschine besser ist. Sie erinnert uns bloß daran, warum Leute diese Musik überhaupt gemacht haben: um gemeinsam mit der Maschine etwas zu fühlen, das bisher kein Mensch so richtig erklären konnte. Und das wird uns die Maschine auch weiterhin nicht abnehmen.

Veröffentlicht in Features und getaggt mit AI , KI , Künstliche Intelligenz , Roland TR-909 , Suno , Techno , Udio , Universal Music