"Was wir hier machen, ist ein menschliches Massaker" - Martin Kohlstedt im Interview
Foto: Karine Bravo

"Was wir hier machen, ist ein menschliches Massaker" - Martin Kohlstedt im Interview

Allgemein. 22. Mai 2026 | / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Martin Kohlstedt über sein neues Album "Kluft", die Midlife-Crisis als Kompositionsmethode und warum ein Konzert ein menschliches Massaker ist.

Martin Kohlstedt macht Klaviermusik, die sich nicht dafür entschuldigt, dass sie Klaviermusik ist. Der Thüringer, aufgewachsen im Eichsfeld, katholisch-konservativ, auf Befehl, hat sich irgendwann entschieden, das alles nicht mehr als Schicksal zu tragen, sondern als Material. Wer Nils Frahm für zu gefällig hält und Hauschka für zu verspielt, landet bei Kohlstedt – und bleibt. Sechs Alben, deren Titel man auch als Vokabeln für eine Wanderkarte oder ein Philosophieseminar nehmen könnte: "Tag", "Nacht", "Strom", "Ströme", "Flur", "Feld". Jetzt: "Kluft".

Die "Kluft" ist nicht Rückzug, sie ist Programm. Kohlstedt hat 2023 etwas durchlebt, das er selbst vorsichtig als Identitätslosigkeit beschreibt – und das er in zwölf musikalische Punkte übersetzt hat, statt einfach zwei Wochen Podcast zu hören und zu warten, dass es wieder wird. Das Album klingt stellenweise wie der Moment kurz vor dem Aufwachen, wenn man noch nicht weiß, wer man ist, aber schon merkt, dass man jemand ist. Das Gespräch darüber übrigens auch.

Foto: Karine Bravo

Martin, dein neues Album heißt "Kluft". Das klingt entweder nach Abgrund oder nach Berufsbekleidung. Bist du am Klavier im Dienst der Melancholie oder ihr Opfer?

Martin Kohlstedt: Die "Kluft" begann mit der Metapher. Eine Kluft ist nämlich nicht nur der Bruch, sondern oft auch: die Kluft zwischen etwas, jedenfalls zwischen zwei Polen. Der Raum dazwischen hat dagegen keine Definition. Viele versuchen sich mit Begriffen wie "liminal" anzunähern. Allerdings war mir das zu wenig, denn: Was mir 2023 widerfahren ist, entsprach weder einer alten noch einer neuen Form. 

Was ist passiert?

Vielleicht einfach nur eine Midlife-Crisis, aber: Eigentlich plagt die ganze Gesellschaft gerade ein ähnliches Gefühl. Die "Kluft" hat es für mich jedenfalls perfekt beschrieben. Ich habe mir in dieser Zeit so etwas wie eine Rüstung angelegt, damit niemandem auffällt, dass meine Identität wackelt. Darin war ich wohl im Dienste der verbindenden Melancholie unterwegs. Ich habe Lösungen gesucht, wie ich mit der Nicht-Definition des Dazwischens umgehen kann. Daraus entstanden zwölf Punkte, die diese Kluft umreißen. Sie haben mir geholfen, es durch eine Phase der Identitätslosigkeit zu schaffen.

Dieses Gefühl, das du ansprichst: Wie hast du das empfunden?

Ich wollte mich mit der allgemeinen Depression nicht zufriedengeben, aber: Sobald nicht derschrebergartengesteckte Grenzpfosten unser Leben definiert, hören viele auf zu suchen. Ich denke: Im Wogen und Weiterwandern muss es etwas geben, das uns nicht gelähmt in der Ecke sitzen lässt. Das führte in meinem Fall dazu, dass ich immer enger wurde. Dass selbst im Diskurs meine Meinung gebröselt hat. Alles war auf einmal relativ. Das soll übrigens kein Seitenhieb gegen die Zartheit sein. Sie ist das Benzin für alles. Allerdings braucht der Zweifel manchmal eine frontale Energie. Er muss in die Konfrontation gehen und sich nicht auf das besinnen, was er kennt. Ansonsten lebt man irgendwann in einer Blase, die sich …

Permanent selbst bestätigt?

Vollkommen! Man lebt dann für sich und hat nach außen keinerlei Verbindungen mehr. Das ist das Ende des Diskurses. Auch deshalb habe ich das Waldprojekt ins Leben gerufen. Dort kommt unterschiedlichstes Klientel zusammen. Die einen sehen es als Klimawald. Die anderen wollen in der Heimat unseren Wald beschützen. Am Ende suchen alle dasselbe. Das Zusammenführen dieser Meinungsspitzen hat mich in "Kluft" beschäftigt. Daraus entstand ein selbstbewussteres Ich, das die Dinge nimmt, wie sie kommen. 

Ich bin auf dem Land, katholisch-konservativ wie ein Soldat aufgewachsen, habe nur auf Befehle gehorcht. Jede Form von eigenzartem Umgang ist jetzt willkommen.

Martin Kohlstedt
Foto: Martin Kohlstedt

Das klingt nach einem reagierenden und agierenden Ansatz zugleich.

Ja, das Schöne an der Kluft ist: Es muss ein Gegenüber geben. Deshalb war ich mir sicher, dass ich aus ihr hinausfinde. Das führte von himmelhochjauchzend zum Beat Nicken bis hin zu der Idee, falsche Musik zu machen.  

Wie meinst du das?

Ich habe Raketen in verschiedene Richtungen abgefeuert und 60 Skizzen zusammengetragen. Danach habe ich herauskristallisiert, was echt ist oder nur cool sein will. Sich damit im Gericht zu befassen, war spannend.

Du sagst, du bist ins Gericht gegangen. Hast du dich für manche eigene Musik geschämt?

Verrückte Auswüchse haben mir zumindest einen Schmunzler abgerungen. Dafür musste ich aber erst zu mir selbst zurückfinden. Im Moment hat es mir geholfen, so einen kindlichen Ansatz des Musikmachens zuzulassen. Manchmal habe ich mich wie ein Mittfünfziger gefühlt, der wieder Window Color malt. Erst später habe ich mich in meiner eigenen Seltsamkeit ertappt. 

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Was hat das mit dir gemacht?

Ich bin in Eichsfeld, auf dem Land, katholisch-konservativ wie ein Soldat aufgewachsen, habe nur auf Befehle gehorcht. Jede Form von eigenzartem Umgang ist jetzt willkommen. 

Davor war das anders?

Ich habe in meinen Zwanzigern den Weg freigewühlt. Die Dinge teilweise viel zu straight abgehakt. Dabei habe ich links und rechts die Schönheit verloren – einfach weil ich nicht hingeguckt habe. Mittlerweile kann ich es zulassen. Das Blöde ist, und das geht gerade mehreren Menschen so: Wir haben in letzter Zeit ein bisschen viel davon zugelassen. Dadurch sind wir in eine Klebrigkeit gekommen. Man ist zwar da, aber man wird spürig. Dieses Spürige unterschätzt man sehr schnell, weil das Gehirn eine Pause macht. 

Das musst du mir erklären.

Die Reibung fehlt auf einmal. Wir brauchen sie aber für die Entwicklung. Im ewigen Warten, auf dass der Sturm vorüberzieht, habe ich mich irgendwann nicht mehr wohlgefühlt. Also musste der alte, blöde Soldat wieder übernehmen. Er hat die Videos gedreht, die aktuell von mir kursieren. Das bin ich eigentlich gar nicht. Es ist die Person, die ich mir erschaffen habe, um in seltsamen Welten klarzukommen mit dem, was abgeht. Dafür braucht es Ernst,  also habe ich zu mir gesagt: Martin, nimm dich ernst! Ich konnte schließlich nicht mehr alles ablachen. Ich brauchte ein Spiegelbild, das sagt: Was is’ nun? 

Und?

Die Frage, die dahinter steckt, ist: Was will ich von mir halten? Wer will ich vor meiner Tochter sein? Ich will ja nicht der ratlose Depp sein, der zwischen den Zeilen landet. Deshalb war es wichtig, diese "Kluft" zu durchleben. Wie in einer zweiten Pubertät alles in Frage zu stellen. Defragmentierung.

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Du hast mal gesagt, deine Musik sei ein Spiegel – die Leute kommen mit sich selbst in Kontakt. Aber ein Spiegel macht nichts, er reflektiert nur. Das passt eigentlich nicht mehr, oder?

Richtig, aber: Die Musik ist die Wahrhaftigkeit im Sehnsüchtigen. Sie kommt aus mir, ich verhandle sie – und sie kann zum Beispiel in einer Konzertsituation überspringen. Sie ist also der echte Spiegel, die wahrhaftige Reflexion. Wenn man hingegen aktiv gegen etwas vorgehen will, ist so ein unsicherer elfjähriger Junge in sich nicht das, was sich traut, aus sich herauszugehen. Es muss eher so etwas wie eine Stolzverletzung her, in der man sich so richtig selbst zusammenscheißt. Wir sind nämlich gewohnt, vom Außen definiert zu werden. Nur: Weil jeder mit sich selbst zu tun hat, bekommen wir nicht mehr von allen die Projektion, die wir bräuchten, um voranzukommen. 

Also, eigentlich ist nichts richtig und alles falsch.

Schlimmer: Alles ist richtig und falsch zugleich. Wer viel arbeitet, kriegt auf den Latz. Wer wenig arbeitet, kriegt auf den Latz. Alle sollten Verantwortung übernehmen und keiner übernimmt sie wirklich. Plötzlich kommen die großen Lebensfragen und man wird zum Stein. In dieser Mickrigkeit habe ich mich nicht mehr ertragen.

Muss man sich mickrig fühlen, um eine Kluft zu überbrücken?

Ich habe noch nicht alles erfühlt, dafür muss zuerst die Tour kommen. Allerdings habe ich eine Ahnung. Mehr zuzulassen, also mehr zu machen, ohne direkt an den Output zu denken, hilft. Es löst in mir eine Motivation aus, alles anzurühren, wie ein Kind, und dabei Intention zu provozieren. Schließlich ist das gute alte Bauchgefühl genau das, was leidet, wenn man in Selbstmitleid verfällt. Ich habe es mir in "Kluft" zurückerkämpft.

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"Tag", "Nacht", "Strom", "Ströme", "Flur", "Feld" jetzt "Kluft". Die Reihe hat eine Logik. Es sind fundamentale Hauptwörter, kurz, archaisch-deutsch, naturverbunden, ein bisschen romantisch, aber nicht kitschig. Eher elementar. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, sie führen irgendwo … hinein?

Die meisten Menschen sprechen immer nur von Weltflucht, das hat immer etwas Passives. Ich sehe es dagegen als aggressive Weltflucht, die man provoziert und in die man absichtlich hineingeht. Dafür braucht es allerdings ein Dazwischen. Das gab es bisher immer. "Tag" und "Nacht". "Strom"  und "Ströme". Darin liegt ein Kontrast. Mit "Kluft" öffnet sich ein neuer Dualismus. Ich brauche darauf später also noch eine Antwort. Und ich werde sie finden. Gerade deshalb meine ich aber: Es ist immer ein aktives Hineingehen.

Pullquote: "Ich habe den einfachen Weg, oder den, der dir mehr Erfolg verspricht, vermieden. Weil ich ihn nicht nötig habe. Weil ich ihn nie nötig gehabt habe."

Damit sind wir mitten in der Philosophie. Die Titel erinnern mich vielleicht nicht ohne Grund an Heidegger. Der hätte deine Systeme, in denen Klavier und Synthesizer und du permanent miteinander sprechen, vielleicht Geviert genannt – alles trägt alles. Aber was passiert, wenn ein Element schweigt? Nutzt sich das System ab, oder wird es interessanter?

Mit der "Kluft" bin ich an einem Punkt angekommen, an dem die Elektronik oder das Klavier nicht mehr einzeln benannt werden können. Die Systeme sind verschwommen. Das Klavier trägt keine alten Schleifen und Sehnsüchte mehr. Die Synthis, die früher diese Vergangenheit geknackt haben, sind keine Nussknacker mehr. Ich stehe in der Verantwortung, sie neu zu benennen. Deshalb sind diesmal auch Melodien entstanden. Dass ich Melodien benutze – diese Sprechorgane der Musik! Das war bisher äußerst selten. Ich habe sie bisher oft in Akkorden versteckt. Und damit verhindert, dass ich wirklich etwas sage – in voller Nacktheit und mit dem Risiko, dass es Gegenwind gibt. 

Es darf jetzt einfach sein?

Ja, schließlich sind Melodien immer: Vereinfachungen. Oder auch Essenzen von etwas, das vorher komplexer war. Diese Essenzen sind aus bis zu 80-minütigen Aufnahmen entstanden. Bei "RAI" bleiben so nur noch zweieinhalb Minuten übrig, weil ich gemerkt habe: Darum geht es! Andererseits hatte ich Titel dabei, von denen ich wusste, dass sie durch die Decke gehen könnten. Mein Gehirn sagte dennoch: Junge, sei ehrlich! Indem ich darauf gehört habe, ist das Urvertrauen zurückgekommen. Ich habe den einfachen Weg, oder den, der dir mehr Erfolg verspricht, vermieden. Weil ich ihn nicht nötig habe. Weil ich ihn nie nötig gehabt habe.

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Das hört sich an, als stecke dahinter eine neue Selbstüberzeugung. Nicht im negativen Sinn der Überhöhung, eher: als Schritt, den du zurückgegangen bist. 

Ja, diese Selbstüberzeugung musste ich zuerst ertappen. Gerade wenn es einem nicht gut geht, wenn sich die Schwäche in die Morgen und Nächte hineinzieht … Dann erreicht man keinen Frieden. Die Zeit zieht an einem vorbei, gleichzeitig vergeht sie nicht. Man steckt fest und wartet, dass etwas passiert. Aber es passiert nichts. Man muss erst ganz zu sich zurück, bis zu einem Eingeständnisfeuerwerk, das weh tut, weil es aus nichts anderem als den allereigensten Fehlern besteht. Die Überzeugung, von der wir sprechen, ist also eigentlich ein Werden. Ein persönliches, eigenes Werden, kein gemeinsames, pseudoromantisches Wir-schaffen-das-Werden, das das Scheitern vor dem Publikum zelebriert. Dorthin musste ich erstmal zurück.

Wenn du nach einem Konzert den Applaus hörst: Glaubst du denen eigentlich? Oder denkst du dir: "Ihr habt doch gar nicht verstanden, wo ich gerade war?"

Die Leute leiden mit. Ich merke das gerade am Applaus. Es ist keine Ablehnung, sondern eher ein: Wir zeigen dir, dass wir noch da sind, und wir lassen dich auch nicht allein. Das hat für mich einen therapeutischen Ansatz. Ich kultiviere mir die Reflexion, die ich brauche, um mich zu erkennen. Und ich merke, alle anderen im Saal tun es auch. Was wir hier machen, ist schließlich ein menschliches Massaker. Wir reißen sinnlos Sachen auf und gucken rein und trotzdem kann ein 20-minütiges Klavierstück dabei sein. Einfach so, weil es sein darf.

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