Im Buchstabensalat der Drogen 

Im Buchstabensalat der Drogen 

Features. 16. Januar 2026 | 5,0 / 5,0

Geschrieben von:
Jacob Runge

Von der Landidylle zum Drogenlabor

Nauen, Brandenburg. Ein kleiner süßer Ort, wo bis vor kurzem noch die Substanzen brodelten. Vor einigen Wochen wurde in der Kleinstadt 40 Minuten westlich von Berlin ein Drogenlabor hochgenommen. Kanister, Wannen und Fässer — alles andere als stubenrein, aber trotzdem professionell, im großen Stil. Produziert wurde hier nicht für den Eigenbedarf, sondern für den europäischen Schwarzmarkt: 3-CMC und 4-CMC, zwei synthetische Cathinone. Verkauft werden sie als Mephedron (4-MMC). 

Ein Buchstabendreher mit Tücken 

Was viele nicht wissen: die kleine CMC Abwandlung hat eine viel höhere Neurotoxizität als sein Vorgänger. Auf den ersten Blick sieht der Unterschied harmlos aus: Aus dem "M" in MMC (Methyl) wird ein "C" für Chlor – 4-MMC wird zu 4-CMC. Ein Buchstabenwechsel, der es aber in sich hat. Während Mephedron (4-MMC) Anfang der 2000er als die "Feelgood-Version" von MDMA galt – euphorisch, verbindend, tanzbar –, haben seine Nachfolger aus der CMC-Reihe einen anderen Charakter. Weniger High, dafür unberechenbarer und toxischer. Hinzu kommt, dass es dann fälschlicherweise als Mephedron, also MMC verkauft wird. Vielleicht weiß der Dealer um die Ecke auch selbst nicht mal, was er da vom Großproduzenten bekommt. Hinterfragt es aber auch nicht. 

Die Herstellern interessiert das wenig. Die Abwandlungen sind billiger herzustellen, Rohstoffe leichter zu kriegen und die Substanz weniger hygroskopisch — also härter und kristalliner. Während Konsument:innen glauben sollen, sie bekommen hier gerade guten Stoff, wächst für sie aber das Risiko, also alles mehr Schein als Sein. Für den Schwarzmarkt dagegen ist es ein wahr gewordener Traum.

Was früher noch aus dem asiatischen Raum importiert werden musste, wird heute nämlich vor Ort selbst produziert. Die Welle der dezentralen Laboren rollt längst durch Europa. Polen, Deutschland, die Niederlanden und Belgien, überall wird produziert. 53 von ihnen wurden allein 2023 hochgenommen, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Die Wege für den Vertrieb werden kürzer, die Produktion flexibler. Die EUDA (European Union Drug Agency) beschreibt diese Entwicklung als "rapid market shift". Also ein Markt, der schneller neue Moleküle hervorbringt, als Behörden sie überhaupt einordnen können. Dynamisch und schwer vorhersehbar. Politische Instabilität, Globalisierung und technologische Entwicklungen beeinflussen sowohl Angebot als auch Nachfrage. Und wird ein Labor stillgelegt, steht das nächste meistens schon bereit. Das wiederum führt zu starken Schwankungen in der Qualität und Reinheit der Substanzen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer: Wer heute noch hochwertiges 4-MMC ergattert, bekommt beim nächsten Mal vielleicht etwas völlig anderes. Bei neuen Varianten, die strukturell ähnlich aussehen wie MMC, geht die Unsicherheit weiter: Man weiß erst, was es ist, wenn etwas schiefläuft – oder wenn getestet wird.

Was habe ich da eigentlich gekauft?

Europa ist mittlerweile ein Experimentierfeld für synthetische Drogen, vor allem für Cathinone, eine Gruppe stimulierender Substanzen, die vom natürlichen Wirkstoff der Khat-Pflanze abgeleitet sind. In einer Zeit, in der Substanzen rasend schnell wechseln, können Konsument:innen mit bloßem Auge kaum noch unterscheiden, was sie gekauft haben. Kristalline Struktur, Farbe, Geruch – all das sagt nichts mehr aus. Damit man nicht ins offene Messer läuft und für sich selbst die Gefahr minimiert, ist es deshalb ratsam seine Drogen vorher testen zu lassen. Drugchecking ist das einzige Instrument, das in diesem hohen Tempo einigermaßen Informtionssicherheit kann. Wer testet, schützt nicht nur sich, sondern auch die Szene. Viele Projekte spiegeln ihre Ergebnisse in Echtzeit auf Websites, über Warnmeldungen, über Netzwerke der europäischen Frühwarnsysteme. Bei CMC-Fälschungen kann das den Unterschied zwischen "unangenehm" und "gefährlich" machen. Wenn innerhalb einer Woche dieselbe toxische Charge in drei Städten auftaucht, wissen Drugchecking-Programme das oft schon bevor Krankenhäuser es merken.

Ohne diese Teststellen wäre der Blick, den wir von der Szene haben, deutlich blinder. Beschlagnahmungen zeigen nur, was zufällig hängen bleibt. Aber Drugchecking fängt das ein, was wirklich durch die Nächte wandert. Es zeigt die Substanzen so, wie sie im echten Umlauf sind –  ungefiltert und oft anders als gedacht. Zusätzlich bietet es einen Zugang zu Präventions- und Beratungsangeboten.

Die Probe, nicht größer als ein Hagelsalzkorn wird anonym abgegeben. Die Analyse zeigt, was wirklich drin ist: Wirkstoff, Reinheit, Verunreinigungen, Überraschungen. Wenn eine Substanz etwas völlig anderes enthält, als das, wofür sie gekauft wurde, landet sie nicht im Archiv, sondern als Warnsignal auf der Website. So erfährt die Szene sofort, wie oft etwas falsch verkauft wurde – ein Reality-Check, der hilft sich zu schützen und auch die eigene Charge zu hinterfragen.

Zwischen Realität und Freifahrtschein

Politisch ist das Thema komplex. Deutschland hat 2023 mit dem ALBVVG erstmals einen rechtlichen Rahmen geschaffen, der Drugchecking grundsätzlich erlaubt. Bundesländer können inzwischen eigene Modellprojekte starten, doch die Umsetzung bleibt dünn. Und das fällt direkt auf die Szene zurück. Denn die Realität sieht anders aus: Wer synthetische Cathinone konsumiert, tut das in einem Markt, der sich schneller verändert, als Behörden eingreifen können. 

Seit 2023 darf also getestet werden, ohne gleich als Straftäter:innen dazustehen. Klingt nach Fortschritt, und irgendwie ist es das auch. Doch leider ist es komplizierter. Viele Bundesländer haben das Konzept noch nicht wirklich umgesetzt und Fördergelder sind immer noch ein Fremdwort. Die Projekte kämpfen oft mit Genehmigungen, die eher wie Hürden als wie Hilfe wirken. Auf der einen Seite wissen Politiker:innen und Expert:innen längst, dass Drugchecking Leben retten kann. Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck betont, dass solche Einrichtungen ein unverzichtbares Werkzeug sind, um Konsumierende vor unerwartet toxischen Substanzen zu schützen. Doch anstatt auf Fachleute zu hören, warnen Kritiker:innen vor einem "Freifahrtschein für Drogen". Ein Image-Problem.

In den Niederlanden, in der Schweiz oder Österreich sieht das schon anders aus. Teststellen sind fester Bestandteil der Nachtkultur, werden offiziell unterstützt, und ihre Ergebnisse fließen direkt in Frühwarnsysteme ein. In Deutschland dagegen fühlt es sich schon fast wie ein Verbrechen an, wenn man seine Substanzen testen lässt. Und während das Drogen-Wochenblatt immer schneller wechselt – CMC-Chargen heute hier und morgen dort – hinkt die politische Umsetzung der Realität hinterher.

Das Labor in Nauen steht sinnbildlich dafür, wie nah mittlerweile die Drogenproduktion neben unserer Haustür stattfindet. Europas Clublandschaft steht nicht nur vor einem chemischen Wandel, sondern auch vor einer strukturellen Herausforderung: Substanzen werden schneller produziert, falsch deklariert und erreichen die Konsumierenden früher, als das Gesundheitssystem reagieren kann. Drugchecking ist kein Hype, sondern ein Minimum an kollektiver Verantwortung. In einem Markt, in dem selbst ein kleiner Buchstabe im Molekül darüber entscheidet, wie eine Nacht verläuft, bleibt es das effektivste Mittel, um Konsumierende zu schützen und gefährliche Überraschungen zu verhindern.

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