Illegaler Müllpfand: Urteil zwingt Festival-Veranstalter zu Millionen-Rückzahlungen

Illegaler Müllpfand: Urteil zwingt Festival-Veranstalter zu Millionen-Rückzahlungen

News. 3. Juni 2026 | 5,0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Ein jahrelanger Rechtsstreit hat ein Ende gefunden, nun dürften hunderttausende Festivalbesucher:innen profitieren. Die Veranstalter der österreichischen Festivals Nova Rock und Frequency müssen den sogenannten Müllpfand an alle betroffenen Gäste der Jahre 2017 bis 2025 zurückzahlen. 

Das Oberlandesgericht Wien hat nun auch für das Frequency Festival in St. Pölten bestätigt, was der Oberste Gerichtshof (OGH) bereits im November 2025 für das Nova Rock in Nickelsdorf festgestellt hatte, denn: Die Gebühr für den Müllpfand war rechtswidrig.

Wer in den vergangenen Jahren eines der beiden großen österreichischen Musikfestivals besuchte – und dabei ein Zelt oder auch nur einen Rucksack dabei hatte –, wurde automatisch als Camper:in eingestuft und zur Kasse gebeten. Beim Nova Rock waren das 20 Euro, beim Frequency zehn Euro. Zurückbekommen konnte man einen Teil davon nur dann, wenn man einen mindestens halbvollen Müllsack an einer Abgabestelle ablieferte. Wer das nicht tat oder nicht campen wollte, verlor das Geld.

Cashless? Cashback!

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI), der im Auftrag des Sozialministeriums klagte, argumentierte erfolgreich. Müllentsorgung gehört zu den sogenannten vertraglichen Nebenpflichten eines Veranstalters. Damit ist er bereits mit dem Kauf des Tickets abgegolten. Wer dafür zusätzlich Geld verlangt, belastet Konsumenten unzulässig. Dennoch: Selbst Besucher, die gar nicht auf dem Festivalgelände zelteten oder nachweislich keinen Müll hinterließen, mussten zahlen – allein wegen eines Rucksacks am Rücken.

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Wer zwischen 2017 und 2025 eines der beiden Festivals besucht und den Müllbeitrag bezahlt hat, kann sein Geld nun zurückfordern. Dafür muss lediglich das damalige Ticket vorgelegt werden. Eine Frist für die Rückforderung wurde nicht kommuniziert, Betroffene sollten sich aber zeitnah melden.

Anreize statt Abzocke

Ebenfalls für unzulässig erklärt wurde eine Klausel, die das Zurückfordern von nicht verbrauchtem Cashless-Guthaben auf sechs Wochen nach dem Festival beschränkte. Auch hier gilt: Das Guthaben verfällt nicht. Wer die automatische Frist versäumt hat, kann sein Restguthaben weiterhin manuell per Mail einfordern.

Die Festivalmacher Ewald Tatar und Harry Jenner zeigen sich kooperativ und betonen, das Müllpfand-System habe seit jeher der Sauberkeit auf den Campingplätzen gedient. Eine versteckte Einnahme sei es jedenfalls nicht gewesen. Man akzeptiere die Urteile und setze diese vollumfänglich um.

Statt Pfand soll künftig ein Anreizsystem für Ordnung sorgen. Wer einen vollen Müllsack abgibt, erhält einen Fünf-Euro-Gutschein für ein Early-Bird-Ticket des nächsten Festivals. Bei zwei oder mehr Säcken winken Gratistickets oder Cashless-Guthaben als Gewinn. Parallel dazu starten VKI und Veranstalter eine gemeinsame Kampagne zur Müllvermeidung vor Ort.

Von einem "wichtigen Signal", sprach sprach Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig von der SPÖ. Konsumentenschutz dürfe auch bei Großveranstaltungen nicht auf der Strecke bleiben. Versteckte Gebühren hätten bei Festivals genauso wenig Platz wie anderswo.

Wegweisendes Urteil mit Signalwirkung

Der VKI stellte klar: Standardmäßig zu erbringende Leistungen dürfen ohne Mehrwert für Verbraucher nicht extra bepreist werden. Dieser Grundsatz gilt nicht nur für Nova Rock und Frequency, er betrifft potenziell jedes österreichische Festival, das ähnliche Modelle anwendet. Wer also versteckte Zusatzgebühren für Müll, Infrastruktur oder ähnliche Selbstverständlichkeiten verrechnet, sitzt auf rechtlich heißem Pflaster. 

In Deutschland ist der Müllpfand noch fest in der Festivallandschaft verankert. Festivals wie das Immergut Festival oder Parookaville verlangen weiterhin Müllpfand zwischen fünf und zehn Euro pro Ticket. Rechtlich geklagt hat dort bislang niemand erfolgreich. Allerdings könnte das österreichische Urteil den deutschen Verbraucherschutzverbänden als Blaupause dienen. 

Der deutsche "Festivalprofessor" Dr. Matthias Johannes Bauer von der IST-Hochschule in Düsseldorf kommentierte bereits das erste Nova-Rock-Urteil. Die Entscheidung mache deutlich, dass Maßnahmen zur Förderung der Nachhaltigkeit klar und nachvollziehbar formuliert sein müssen. Es reiche nicht, lediglich Pfandsysteme einzuführen. Die Regeln müssten eindeutig und fair sein. 

Bauers Team forscht seit 2018 zu Festivalmanagement und Nachhaltigkeit. Dabei stellte es in einer Studie mit rund 3.500 Teilnehmenden fest, dass weniger als zehn Prozent der Festivalbesuchenden das Thema Nachhaltigkeit persönlich als wichtig erachten. Das zeigt: Der Druck zur Müllvermeidung bleibt. Die Frage ist nur, wie er rechtssicher umgesetzt werden kann.

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