DJ-Kicks: Darum ist die Mix-Reihe von !K7 so relevant

DJ-Kicks: Darum ist die Mix-Reihe von !K7 so relevant

Features. 21. Februar 2026 | 5,0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

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Die besten DJ-Kicks-Mixe von !K7
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DJ-Kicks ist eine Mixreihe, die seit 30 Jahren erfolgreich so tut, als wäre sie eine TÜV-Prüfung für musikalische Glaubwürdigkeit Einmal bestanden, und man darf offiziell sagen, dass man wirklich auflegt. Nicht dieses Bluetooth-Box-am-Badesee-Auflegen. Sondern das mit Ahnung, mit Backkatalog. Mit unverständlichen Entscheidungen. Die Reihe erschien 1995 zum ersten Mal. Inzwischen haben 87 DJs für das … Continued Zum Artikel

Wer die nächste Klubnacht moderiert, ist nur noch einen Algorithmus-Tippfehler entfernt. Aber wer die nächste DJ-Kicksmischt? Das ist immer noch ein Ereignis. In der elektronischen Musik ungefähr so groß wie die Frage: Wer spielt den nächsten Bond? Jemand wird gecastet, um einen Mythos fortzuführen. Und der hat hier 70 Minuten und passt auf eine CD.

Für alle, die jetzt denken: Bitte was, DJ-Kicks? Wir reden hier nicht vomSneakerdrop, sondern von der Mix-Reihe. Ja, DJ-Kicks ist das Mixtape-Format des Berliner Labels!K7. Gestartet 1995. Als man Musik noch mit nach Hause nehmen musste. Das Prinzip der Reihe: !K7 lädt einen relevanten DJ ein und sagt: Misch! Nicht den Clubsound der Saison. Sondern das, was hartgesottene Musikjournalisten als musikalische DNA bezeichnen dürfen.

Dj-Kicks

Das Ergebnis ist eine Mix-Serie von mittlerweile drei Jahrzehnten, die es irgendwie geschafft hat, sich wie ein Qualitätssiegel zu verhalten. Sie ist ein Ritterschlag in der sogenannten Szene. Eine Autobiografie als Selbstporträt auf Plattentellern und CDJs. Jedenfalls aber kein einfacher Clubmitschnitt, keine Ibiza-Pump-Up-Pellets, kein "So klingt mein aktueller Beatport-Warenkorb."

Andere Firmen haben doch auch schöne Mixe

Die DJ-Kicks zu mischen, ist eine Einladung, die man nicht annimmt, sondern erhält. Als Bestätigung: "Du gehörst jetzt zu den Leuten, die Geschichte weiterschreiben dürfen." Wer eine DJ-Kicks macht, tritt also nicht einfach in eine Tradition ein. Man übernimmt eine Rolle. Mit Verantwortung. Erwartung. Einer richtigen, treuen Anhängerschaft.

Das Erstaunliche: Während fast alle anderen Mix-Reihen der 90er heute vergilben wie alte Bravo-Starschnitt-Poster, wirkt die DJ-Kicks-Reihe immer noch lebendig. Wach. Offensichtlich im Besitz eines ewigen Jugendelixiers, das weder die CD-Ära, noch iPod Nano, noch dein Spotify-Abo zerstört hat. Eine Mix-Reihe, die überlebt hat, weil sie nie so getan hat, als wäre sie nur das, was sie ist: ein Mix.

Kruder & Dorfmeister

Es gab da nämlich noch andere Mix-Reihen. Aber sie agierten wie Zeugen Jehovas im Musikformat: monothematisch und missionarisch. Global Underground war das Trance-Altersheim der frühen 2000er. Fabric Live? Die elegante, aber immer etwas zu kühle Bar im Erdgeschoss eines Clubs, in den man nie reinkam. Und Ministry of Sound schnauft Soundtrack – für Leute, die "Clubbing" googeln. 

Konstanz ist auch eine schöne Stadt

DJ-Kicks hingegen ist wie die Habs-mir-doch-anders-überlegt-Box im Plattenladen. IDM neben Dub neben House neben Trip-Hop neben irgendwas, das bis heute kein Mensch benennen kann. Das Prinzip war schließlich nicht das Genre, sondern sein Mix.

Während Streaming uns eine algorithmische Kosmetikbehandlung nach der anderen verpasst, funktioniert DJ-Kicks wie eine Selbstauskunft. Jeder Mix zwingt die Künstler:innen, sich zu zeigen. Und zwar ohne nur auf Peaktime-Durchlauferhitzer zu vertrauen oder auf billige Tools-Ausflüchte. Die einzige Konstante, die sich von CJ Bollands DJ-Kicks-Auftakt 1995 bis zur 87. Ausgabe von Eris Drew durchzieht, ist die Frage: Was hörst du, wenn niemand zuhört? 

So entstanden Mixe wie jener von Kruder & Dorfmeister, die 1996 ein Downbeat-Mixtape liefern, das bis heute funktioniert wie ein perfekt gerollter Joint am Sonntagnachmittag. Oder Kemistry & Storm, die 1999 zeigen, dass Drum’n’Bass gleichzeitig Stahl und Seide sein kann. Vielleicht auch Peggy Gou, die Aphex Twin so trocken mischt, dass man noch immer glaubt, man nippe an einem Martini mit Attitüde.

Kriegen wir das exklusiv?

Dazu kam etwas, das heute fast romantisch wirkt: Exklusivtracks. Ja, jede DJ-Kicks enthielt mindestens einen unveröffentlichten Track des DJs. Und das auch in einer Musikwelt die zu einem endlosen Wühltisch geworden ist, in der alle alles bekommen, aber nichts finden. DJ-Kicks widersetzt sich sturstoisch. Wie jemand, der immer noch Kaugummis aus dem Automaten zieht, weil das Ritual zählt. 

Natürlich geht es auch ums Timing. 1995 war die Mix-CD auf ihrem Höhepunkt, bevor der Markt durchgeknallt ist. Aber wichtiger als der Start war das Durchhalten. Während andere Serien gealtert sind wie RTL-Stars nach einer Woche ohne Kamera, hat DJ-Kicks den Übergang in die digitale Zeit überstanden, ohne zur Karikatur zu werden. Warum? Weil die Reihe nie versucht hat, sich selbst zu imitieren.

Bis heute gibt es keine Retro-Ausgaben, keine Nostalgie-Kopien, kein "Zurück zu den Wurzeln"-Gepfusche. Nur einmal hat man ein paar lustige Karten mit Koze und so weiter gedruckt. Sonst: einfach weitergemacht. Mit Künstler:innen, die relevant waren, bevor sie Headliner wurden, und mit solchen, die relevant blieben, obwohl sie längst welche waren.

The one and only!

Mit der DJ-Kicks ist es deshalb wie mit Coca-Cola oder Oma-Rezepten: Die Mischung ist das Geheimnis. So entsteht ein Kanon, der nicht in den Rückspiegel schaut, sondern den Schulterblick verkehrt rum macht. Also ein beweglicher Kanon ist. Einer, der akzeptiert, dass elektronische Musikgeschichte nicht linear ist, eher chaotisch und manchmal unübersichtlich. 

Weibliche DJs wie Honey Dijon haben in letzter Zeit auch öfter eine DJ-Kicks gemischt

Das funktioniert, weil eine DJ-Kicks uns nicht erklärt, was elektronische Musik war, sondern zeigt, was sie immer schon ist. Ein offenes System. Ein Gespräch. Ein Archiv ohne Ende. Keine DJ-Kicks weiß, was als nächstes kommt. Aber sie hört weiter. Und das reicht. Deshalb muss man es mit Thomas Gottschalk halten: DJ-Kicks ist die einzige Mix-Reihe, die wir in unserem Leben je respektiert haben!

Veröffentlicht in Features und getaggt mit DJ Kicks

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