Bettina Köster ist tot. Die Musikerin, Komponistin und Stimme von Malaria! starb am 16. März 2026 in Süditalien im Alter von 66 Jahren an Krebs. Die Beisetzung fand bereits am 18. März im privaten Rahmen statt.
Es gibt Stimmen, die man einmal hört und nie mehr loswird. Die sich irgendwo zwischen Magen und Brustbein festsetzen und dort bleiben, für immer. Bettina Kösters Stimme war so eine. Tief wie ein Keller, warm wie Asche, mit etwas darin, das sich nicht benennen ließ. Gudrun Gut, ihre Bandkollegin, sagte einmal, man habe der Stimme unbedingt folgen wollen. Und das stimmt: Sie war weniger Gesang als Schwerkraft.
"Hebe meine Schenkel, hebe meine Brust, kaltes klares Wasser." Dieser Satz, gesungen – nein, gerufen, geflüstert, gemurmelt, je nachdem welche Aufnahme, welches Jahr, welche Stadt – ist mehr als ein Liedtext. Er ist ein Koordinatensystem. Er beschreibt eine Welt, in der Körper und Kälte und Klarheit zusammenfallen; wo Intimität und Distanz dasselbe sind.
Wo Köster anfing
Köster studierte an der Hochschule der Künste in Berlin, spielte ab Herbst 1978 Saxophon in der Underground-Band DIN A Testbild, und gründete im Mai 1979 mit Karin Luner, Beate Bartel, Eva Gössling und Gudrun Gut das Bandprojekt Mania D. Im selben Sommer eröffnete sie mit Gut den Konzeptstore Eisengrau – Underground-Mode, Super-8-Filme, Kunst –, der sich zum Szenetreffpunkt entwickelte. Zu dem Ort, an dem die West-Berlin-Ultras Tabea Blumenschein, Blixa Bargeld und Alexander von Borsig ein und ausgingen. Ab 1980 veröffentlichte Eisengrau auch Musik in kleiner Auflage auf Kassette und wurde damit zum Medium.
Das war das Milieu, in dem Malaria! entstand. Köster und Gut gründeten die Band 1981, nach einem Zerwürfnis mit Beate Bartel. Malaria! wurde schnell zur international erfolgreichsten deutschen All-Girl-Band, tourte mit Siouxsie and the Banshees und The Birthday Party durch Europa und die USA, spielte im New Yorker Studio 54 und im Mudd Club, gestaltete 1982 den Eröffnungsabend der documenta 7 in Kassel. Catherine Deneuve soll ein prominenter Fan gewesen sein. Mick Harvey, der Nick-Cave-Mitstreiter, spricht noch heute in höchsten Tönen von der Band.
Malaria! war anders
Was Malaria! in den frühen Achtzigern machte, lässt sich nicht einfach unter "Post-Punk" oder "New Wave" ablegen, obwohl beides stimmt. Synthesizer, reduzierte Rhythmen, Dub-Einflüsse, eine Ästhetik der Kühle. Diese Musik ist der direkte Vorfahre von dem, was in den Neunzigern als Minimal Techno aus Berlin die Welt überrollte. Die Linie von Malaria! zu frühen Tresor-Releases, von Gudrun Guts späterer Arbeit bei Monika Enterprise, von dem, was Chicks On Speed Anfang der Nullerjahre machten, als sie "Kaltes klares Wasser" wieder aufgriffen: Sie ist keine Spekulation, sie ist genealogisch. Wer Berghain, wer Ostgut Ton, wer überhaupt den Klang versteht, der Berlin-Elektronik weltweit bedeutsam machte, muss auch Malaria! kennen. Und er muss Bettina Köster kennen.
Die Musikerin Anne Clark sagte einmal über Köster: Ihre Stimme beherrsche nicht nur Lässigkeit, sondern auch Leidenschaft und Drama. Die Schichten könnten von drei oder vier verschiedenen Sängerinnen stammen, es klinge nach Männern und Frauen, die sich abwechseln und überlagern. Alles Bettina. Sinnlich und apokalyptisch.

Kösters Stimme war tatsächlich mehrgeschlechtlich – zu einer Zeit, als "non-binary" noch kein Begriff war, jedenfalls nicht im popkulturellen Mainstream. Köster selbst bezeichnete sich erst 2021 öffentlich als nicht-binär, aber das Konzept hatte sie längst gelebt. In jedem Auftritt und in der Art, wie sie sich kleidete, wie sie sang, wie sie den Raum einnahm.
Die Königin des Krachs
Von 1983 bis 2001 lebte Köster in New York, arbeitete als Filmautorin und Produzentin, komponierte 1997 den Soundtrack für Isabel Hegners "Peppermills", der 1998 auf der Berlinale ausgezeichnet wurde. Sie recherchierte für einen Dokumentarfilm über Burma und stieß dabei auf Material über die Drogenprinzessin Olive Yang, woraus der Thriller "Mandalay Moon" entstand, den sie mit Martin Schacht schrieb.
In den letzten Jahren lebte sie in Süditalien, in Capaccio Paestum, wo die griechischen Tempel stehen, uralte, erstaunlich gut erhaltene Tempel in einer flachen Ebene zwischen Bergen und Meer. Vielleicht passt das. Vielleicht ist es zu leicht, das zu sagen. Aber Köster war selbst so etwas: unerwartet vollständig, gut erhalten, ja: erstaunlich präsent.
Übrigens: Der berühmte BBC-Moderator John Peel nannte Malaria! 1981 "Queens of Noise". Der Titel hat gehalten. Bettina Köster war eine davon. Die markanteste. Die mit der Stimme, die man nicht mehr loswird. Wenn man sie einmal gehört hat.

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