Aus der Glosse: 2026 wird das Jahr der Clubkultur

Aus der Glosse: 2026 wird das Jahr der Clubkultur

Features. 16. Januar 2026 | 3,0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Endlich! 2026 wird das Jahr, in dem die Clubkultur begreift, dass sie weniger Kultur ist als vielmehr ein panisch blinkender Systemfehler im globalen Betriebssystem. Ein Pop-up-Fenster, das niemand schließen kann, weil niemand mehr da ist. Oder eben an der verwaisten Bar steht, um sich das neue adaptogene Shot-Menü zu bestellen: "Ashwagandha Amnesia", "Chaga Chaser" (ja, echt!). Und natürlich die gute alte Wodka Mate, jetzt aber mit Biozertifikat und einer Vollkornnudel als Strohhalm, weil irgendjemand meinte, Nachhaltigkeit wird jetzt wieder wichtig.

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Blöd, 2026 sind die Clubs wirklich leer. Dafür betreibt man jetzt Konferenzzentren mit besserem Soundsystem. Deshalb: Panels everywhere. DJs schulen um zu Moderatoren eines cooleren TED-Talks. Jedes Booking kommt mit einem Pflichtvortrag: "Die psychogeografischen Implikationen der Tanzfläche im Zeitalter optionaler Realitäten". Weil man dafür unter Anwesenheitspflicht fünf ECTS verschenkt, sind die Clubs wieder voll – genial!  

Langsam einatmen …

Sicher sehen wir auch die erste Klubnacht-Matinee mit begleitendem Compassion Circle. Natürlich zur schönsten Sendezeit. Halb elf vormittags, Sonnenschein, alle sitzen in der Panorama Bar im Schneidersitz, während ein Resident erklärt, wie man eine 36-Stunden-Nacht richtig ausatmet. Daneben ein Gong. Und ein Safe Space Buddy, der die ganze Zeit freundlich nickt wie ein extrem empathischer Gartenzwerg.

Denn: Die neue Härte heißt nicht Hard Techno, sondern Ganzkörper-Optimierung. Deshalb: Supplements statt Substanzen. Ketamin wird retro, MDMA museal. Wer 2026 noch einfach drauf ist, gilt zumindest als auffällig. Biohacking ist nämlich wieder mal der neue Exzess 4.0 diesmal aber wirklich mit System. Recovery Rooms sponsored by irgendeinem Startup aus Kreuzberg, das "Human Performance" sagt und "Tantra" meint.

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Weil 2026 bereits alle alles boykottiert haben, muss sich die Clubkultur neue Spaltungen überlegen. Vorschlag: Die einen gehen nur noch auf Dayraves, trinken Flat White mit Ersatzmilch, hören "groovy Techno" und sind um 22 Uhr im Bett. Die anderen verschwinden in illegalen Räumen, ohne pädagogisch wertvollen Instagram-Slides, ohne Line-up oder Haltungsdossier. Aber wenigstens mit Überzeugung. Beide Lager verachten einander. Beide brauchen einander. Es ist alles wie immer, nur anders.

… schnell ausatmen

2026 bringt auch ein Comeback. Und zwar eines unterschätzten Phänomens: die Raucherpause. Einfach weil das der letzte Ort ohne Kuratierung ist. Und: Wo spricht man denn sonst noch ehrlich miteinander? Draußen, frierend, während jemand erzählt, dass das mit dem Berghain auch nicht mehr das ist, was es mal war. Jemand sagt "früher", jemand sagt "Algorithmus", jemand sagt gar nichts, weil er tatsächlich nur raucht. Ja, da ist es, das demokratische Potenzial der Nacht, Version 3 Uhr 47.

DJs wiederum werden komplett durchgehen. Weil Künstliche Intelligenz endlich offiziell Techno macht. Nicht heimlich, sondern stolz: born in Detroit, raised in Berlin, mastered mit geilem Prompt. Die Realkeeper nicken ehrfürchtig, weil die Maschine den 909-Swing besser verstanden hat als sie selbst. Ergebnis: ein Boiler Room mit Laptop ohne Mensch. 300.000 Views in zwei Stunden. Kommentare wie "finally no ego". Richie Hawtin macht ein Herz drunter. Oder auch nicht. Man weiß es nicht mehr.

Einfach sein!

2026 wird die Clubkultur merken, dass sie sich erklärt hat. Dass sie mehr Sätze produziert als Nächte. Mehr Haltung als Hitze. Mehr Diskurs als Drang. Und genau dann, im Moment maximaler Selbstreflexion, wird dieser Text überflüssig. Weil jemand irgendwo eine dumme, laute, vollkommen unreflektierte Party schmeißen wird. Ohne Claim und Sponsoring. Vor allem aber ohne Meinung.

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Und das Schönste: Die sogenannte Szene wird es lieben. Weil endlich niemand mehr so tut, als wäre Clubkultur irgendein spirituelles High-Potential-Programm, sondern das, was sie immer war: Menschen, die nachts zusammen die Realität ignorieren, weil der Alltag einfach nicht Rave-kompatibel ist.

Ja, Clubkultur 2026 wird nichts besser, nichts schlechter, nur ... sein. Es ist die erste wirklich gute Idee seit Jahren. Bis sie jemand benennt und zum Trend macht. Und wir erneut ein Update ziehen müssen.

Clubkultur

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